Gustav Linker an Leo Thun
Wien, 4. November 1855
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Regest

Der klassische Philologe Gustav Linker berichtet dem Minister von der Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner in Hamburg und erkundigt sich über seine Aussichten auf eine feste Anstellung an einer österreichischen Universität. Seine Eindrücke von der Philologenversammlung hat er in einem Bericht für die Gymnasialzeitschrift zusammengefasst, den er Thun mit diesem Brief vorlegt. Außerdem legt er dem Brief einige aktuelle Arbeiten bei, darunter ein Werk über Sallust, welches Frucht seiner mehrjährigen Forschungen ist. Anschließend erkundigt er sich beim Minister, wie es um seine Karriereaussichten in Österreich bestellt sei: er sei nun seit vier Jahren Privatdozent in Wien, diese unsichere Situation empfinde er aber zunehmend als Belastung. Zur Untermauerung seines Wunsches betont er, dass seine Vorlesungen und seine Veröffentlichungen lobenden Anklang bei Studenten und Kollegen fänden. Sollte er keine Aussichten auf eine feste Anstellung in Österreich haben, würde er entweder eine andere Laufbahn anstreben oder sein Glück in Deutschland versuchen. Er würde zwar gern weiterhin zum Aufschwung der Philologie in Österreich beitragen, er möchte aber nicht auf Dauer in Unsicherheit leben und arbeiten. Er hofft, dass Thun seine Frage gnädig aufnimmt.

Anmerkungen zum Dokument

Schlagworte

Edierter Text

Hochgebietender Herr Staatsminister,
Hochgeborner Herr Graf!

Wollen Euer Excellenz es dem gehorsamst Unterzeichneten huldvollst gestatten, seine neuesten litterarischen Arbeiten ehrerbietigst zu überreichen und im Anschluß daran eine bescheidene Bitte vortragen zu dürfen.
Vor Kurzem von der diesjährigen Versammlung deutscher Philologen und Schulmänner zu Hamburg zurückgekehrt hatte es der gehorsamst Unterzeichnete unternommen, die Resultate derselben in einem kurzen Bericht für die „Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien“ zusammenzustellen. Er glaubte sich dazu gegenüber diesem Organ der österreichischen Gymnasiallehrer um so mehr verpflichtet, da er aus Österreich der einzige Teilnehmer an jener Versammlung war. Es sei mir jetzt vergönnt, den erwähnten Bericht Euer Excellenz zu hochgeneigter Kenntnisnahme vorzulegen.
Ebenso nehme ich mir die Freiheit, Euer Excellenz eine vor Kurzem vollendete Ausgabe des Sallustius gehorsamst zu überreichen. Dieselbe erscheint als eine bloße Ausgabe des Textes: doch erlaube ich mir beizufügen, daß in dem Versuche, diesen möglichst in seiner ursprünglichen echten Gestalt herzustellen, die Ergebnisse mehrjähriger Beschäftigung mit den Schriftstellen enthalten sind, welche soweit ich sie bisher veröffentlichte, billigende Anerkennung gefunden haben. Die Rechtfertigung dieser Texteskritik ist theils in dem ebenfalls anliegenden Schriftchen aus den Sitzungsberichten der Kaiserlichen Akademie, theils in einzelnen zerstreuten Aufsätzen versucht: eine zusammenfassende Arbeit darüber wird in der Kürze erscheinen. Wenn auch vielleicht Einzelnes in Frage gezogen werden kann, im Allgemeinen glaube ich hoffen zu dürfen, die Ausgabe werde dem gegenwärtigen Standpunct der Forschung und namentlich der wirklich philologischen Methode entsprechend befunden werden.
Gestatten Euer Excellenz, daß ich diesen Anlaß ergreife, um zugleich eine für mein Leben wichtige Frage so unumwunden wie ehrerbietig Euer Excellenz vorzutragen.
Es sind nunmehr vier Jahre verflossen, seit Euer Excellenz durch Genehmigung meiner Habilitation mir die Lehrwirksamkeit an der hiesigen k.k. Universität hochgeneigtest gestatteten und bald darauf durch provisorische Verwendung bei der hiesigen Universitätsbibliothek mir eine meinen Studien nicht eben fremde Beschäftigung anwiesen, deren Remuneration einen Theil meines Lebensbedarfes deckt.
Die schwierige Bahn eines Privatdocenten wird von denen, welche sie erwählen, gewöhnlich in der Absicht betreten, sich dadurch den Zugang zur festen Stellung an einer Universität zu erwerben. Daß dieser Wunsch und diese Hoffnung mich beseelte, als ich um die Habilitation nachsuchte, darf ich wohl kaum ausdrücklich erwähnen: daß ich in den bisherigen vier Jahren mit Aufbietung aller Kräfte dahin gearbeitet habe, mich der Erreichung dieses Zieles würdig zu zeigen, kann ich mit aller Gewissenhaftigkeit versichern.
Die Vorlesungen, die ich an der hiesigen Universität gehalten habe, dürften öfters geeignet gewesen sein Lücken zu ergänzen, welche bei einer nur geringen Zahl philologischer Lehrkräfte nicht immer zu vermeiden sind; für dieselben ist es mir gelungen, einen allmählich erweiterten Wirkungskreis zu gewinnen: bei der Beurtheilung des Umfanges dieses Wirkungskreises wird die Schwierigkeit nicht übersehen werden, welche besonders in Nachwirkung bestandener Studienverhältnisse demjenigen entgegensteht, der nicht das Gewicht einer öffentlichen Stellung oder einer Bevorzugung bei der Lehramtsprüfung in die Wagschale legen kann. Für meine litterarischen Arbeiten, soviel daran die in Rücksicht auf meine Subsistenz bisher erforderliche Zersplitterung meiner Zeit auszuführen mir erlaubte, ist mir die aufmunterndste Anerkennung competenter Fachmänner zu Theil geworden.
Mag ich indessen mit diesem Versuche einer Selbstwürdigung das Richtige treffen oder verfehlen: jedenfalls haben Euer Excellenz in Dero eindringender Aufmerksamkeit auf alle Seiten des österreichischen Studienwesens dasjenige Urheil über meine Leistungsfähigkeit gewonnen, welches über meine Zukunft Entscheidung gibt. Wollen daher Euer Excellenz huldvollst gestatten, daß ich ehrerbietigst die Frage zu stellen wage: ob für mich überhaupt eine gegründete Aussicht sei, zu der festen Stellung einer Professur an einer österreichischen Universität zu gelangen, und ob anderseits nach vierjähriger Privatdocentur und bei der geringen Zahl philologischer Lehrkräfte an den österreichischen Universitäten diese Aussicht nicht in zu weite Ferne gerückt erscheine.
So tief es mich schmerzen würde, meinem Ziele entsagen zu müssen, für dessen Erreichung ich mehrere Jahre hindurch alle Kräfte eingesetzt habe, so müßte es doch für mich von größter Wichtigkeit sein, falls die bezeichnete Aussicht nicht vorhanden ist, unerfüllbare Hoffnungen sogleich aufzugeben und eine andere Bahn zu einer Zeit einzuschlagen, wo mein Lebensalter dies noch leichter macht und selbst der Umstand mich unterstützen kann, daß an den Lehranstalten Norddeutschlands eben jetzt kein Überfluß an philologischen Kräften ist. Und so glücklich es auf der andern Seite mich machen würde, zu dem Aufschwunge der philologischen Studien, welchen der österreichische Staat den Einrichtungen Euer Excellenz zu danken hat, nach meinen Kräften beitragen zu dürfen, so ist dies doch auf die Dauer nur möglich, wenn eine feste Stellung mit Zuversicht in die Zukunft blicken läßt und die erforderliche Muße zu weiteren litterarischen Arbeiten gewährt.
Geruhen Euer Excellenz die durch die Verhältnisse mir abgedrungene Frage huldvollst aufzunehmen und zu befehlen, wenn ich eine Entscheidung darüber von Euer Excellenz vernehmen solle.

In tiefster Ehrerbietung Euer Excellenz unterthänigster
Dr. Gustav Linker

Wien, den 4. November 1855