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Dokument Johann Baptist Zobel an einen Professor
Prag, 5. Februar 1853
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D189
Regest

Der Botaniker Johann Zobel wendet sich mit der Bitte an einen befreundeten, nicht näher genannten Professor, dieser möge ihn bei Leo Thun empfehlen. Zobel hat sich nämlich für die Lehrkanzel der Naturwissenschaften am akademischen Gymnasium in Wien beworben. Da er bereits im vorigen Jahr mehrfach mit seinen Bewerbungen für eine Stelle als Professor der Vorbereitungswissenschaften gescheitert war, möchte er es nun auf diesem Weg versuchen. Zobel betont, dass er den Minister bereits mehrfach getroffen habe, er vermutet aber, dass Thun sich nicht mehr an ihn erinnern werde. Im zweiten Teil des Briefes schreibt Zobel, dass er vor kurzem den Nachlass des Botanikers Karl Presl schätzen musste, welcher zahlreiche botanische Schätze berge. Schließlich berichtet er von der schwierigen Situation an der Universität Prag, wo derzeit ein Streit zwischen der medizinischen und der philosophischen Fakultät herrsche, welche der beiden Fakultäten die naturwissenschaftlichen Vorlesungen anbieten solle. Am Ende teilt er dem Professor mit, dass seine Mutter an einer Lungenentzündung gestorben ist.

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Transkription

    Verehrtester Herr Professor!

    Daß ich Sie mit einem Schreiben belästige, geschieht aus rein – egoistischen Absichten. Sie werden denken: Nun! Der Anfang klingt schön! Wohl! Was hälfe es aber auch, wenn ich meine Tendenz mehr verblümt vorbringen wollte, Sie würden und müßten denn doch endlich hinter der langen Rede kurzen Sinn kommen. Also: Ich bin vorige Woche bei den niederöstreichischen Landesschulbehörden um die am k.k. akademischen Gymnasium erledigte Lehrkanzel der Naturwissenschaften eingeschritten; da mir die medicinische Praxis täglich mehr zuwider wird, und ich sie deshalb ganz bei Seite legen und mich wieder con amore der Scientia amabilis et Compagnie hingeben will.
    Im Vertrauen auf Ihre mir oft bewiesene freundschaftliche Zuneigung wage ich deshalb an Sie die gewaltige Bitte – wenn Sie natürlich in der Lage seyn sollten, es thun zu können – für mich bei Seiner Excellenz dem Herrn Unterrichtsminister in dieser Beziehung ein empfehlendes Wort zu verlieren oder vielmehr nicht zu verlieren, sondern anzubringen. Ich sehe mich zwar außerstande, Ihnen einen Gegendienst anzubiethen, doch kann ich mich si parva licet componere magnis mit dem englischen Finanzministerium trösten, das auch Schulden auf Schulden häuft, ohne doch die Hoffnung zu verlieren, sie einstens bezahlen zu können. Seine Excellenz hatten mich wohl in Prag persönlich gekannt, war auch früher selbst mehrmals bei mir, um sich mit mir wegen einer irrsinnig gewordenen Gouvernante, die der Pflege der Barmherzigen Schwestern anvertraut werden sollte, zu berathen – doch kann ich jetzt wohl nicht mehr vermuthen, daß der Herr Graf sich meiner noch erinnern dürfte. Ich bin vorigen Jahres um eine der erledigten Lehrkanzeln der chirurgischen Vorbereitungswissenschaften – Graz, Salzburg, Wien – eingeschritten, ohne Erfolg! Ich bescheide mich gerne, daß meine Fähigkeiten dafür zu ungenügend seyen, aber für ein Gymnasium glaube ich denn doch, wenn mich nicht alles täuscht, nicht ganz und gar zu unwissend zu seyn. ??
    In der Hoffnung, daß mein Anliegen Ihre heitere Laune nicht trübe, breche ich dann ab, um Ihnen ein paar naturhistorische Curiosa mitzutheilen:
    Erstens: bin ich jetzt an Johann S[watopluk] Presls Stelle, beeideter Sachverständiger im naturhistorischen Fache und hatte als solcher auch schon bei der Abschätzung des Nachlasses von Karl B[oriwog] Presl zu fungiren. Da dessen Herbar kaum zur Hälfte geordnet und gar nicht katalogisirt war, so mußte ich mir die Mühe nehmen, es genauer durchzusehen, als sonst wohl nöthig gewesen wäre, und somit bin ich denn der 1. Europäer, der eine Einsicht und noch dazu eine ämtliche, in diese Mysterien nehmen durfte.
    Das Ganze wäre fürs Wiener Museum keine üble Acquisition, die Farnenkräuter – geordnet – bilden den Glanzpunkt! Circa 2.900 Species!
    Zweitens: Sind die Naturwissenschaften jetzt zu einem Zankapfel unserer medicinischen und philosophischen Facultäten geworden! Ein Streit, der mir zwar ganz fremd, doch zu einem unliebsamen Dilemma für mich führt: die medizinische Facultät hält nämlich ganzjährige Vorträge über jeden Zweig der Naturwissenschaften für Mediciner für zu ausgedehnt, umso mehr, da die Anatomie selbst von jeher durch ein ganzes Jahr vorgetragen wurde und der Mediciner also in einem Jahre 4 zweisemestrige Vorlesungen hören müßte. Die philosophische Facultät will ½-jährige Vorträge zwar für Mediciner geben, aber sie zugleich geradezu als "unwissenschaftliche" ankündigen. Die medicinische Facultät will nun den Philosophen Schach biethend, sich auf einen Ministerialerlaß stützend, diese Vorträge aus eigener Mitte bestreiten! Prof. Bochdalek soll Zoologie, ich Botanik und solange sich niemand sonst findet auch Mineralogie für Mediziner vortragen!
    An und für sich ist diese Zumuthung für mich zwar ehrenvoll, aber da bei den Herrn Philosophen die Collegiengelder mit im Spiele sind, so dürfte, obwohl ich diese Collegien „unentgeldlich“ beantragen werde, denn doch daraus leicht ein Zerwürfnis des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen mir und Reuß oder Kosteletzky angebahnt werden.
    Daß Sie selbst, Verehrter, wohl auf sind, hat mir Freund Reuß überbracht, auf Hämorrhoidalschwindel werden Sie wohl ebenso wenig Gewicht legen wie auf alle anderen Schwindeleyen. Ich hoffe auch, daß die gnädige Frau und Ihre Familie sich wohl befinden, und wünsche, daß Ihnen allen das neue Jahr angenehmer und glücklicher verlaufe, als es uns vom Geschicke bestimmt war!
    Unsere liebe Mutter starb an einer wiederholten Lungenentzündung am 11. Jänner! Ein Verlust, der mich gewaltig erschütterte. Sie war freilich schon im 75. Jahre, aber bei ihrer Constitution und bei dem Umstande, daß sie schon vorigen Jahres eine Lungenentzündung glücklich überstanden hatte, hoffte ich sie auch diesmal, wo die Lungenentzündung epidemisch herrschte, zu retten und noch auf einige Jahre zu erhalten! Aber Freund Jakschs und Loschners Bemühungen waren fruchtlos! Über den Sternen war es anders beschlossen! Und so sind denn jetzt die Häupter meiner Lieben bald gezählt!
    Meinen Handkuß an die gnädige Frau und meine Empfehlung an Ihre werthe Familie

    Ihr alter
    J. Zobel

    P[rag], 5.2.[18]53