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Dokument Gregor Zeithammer an Leo Thun
Prag, 22. August 1853
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D225
Regest

Der Schulinspektor Gregor Zeithammer äußert sich zur Situation der Gymnasien in Prag und zur Umsetzung der Gymnasialreform dort. Zunächst teilt er dem Minister mit, welche Lehrer vom Altstädter Gymnasium in Prag versetzt, entlassen und pensioniert werden sollen. Anschließend äußert sich Zeithammer zum Gerücht, er sei für die Nachfolge eines pensionierten Lehrers an diesem Gymnasium vorgesehen, und betont, für dieses Amt nicht zur Verfügung zu stehen. Er hofft vielmehr, in seiner gegenwärtigen Stellung bleiben zu können, zumal noch einige wichtige Aufgaben zu erledigen seien. Zeithammer nützt außerdem die Gelegenheit, um Thun auf andere Probleme der Gymnasialreform hinzuweisen, so etwa auf die Frage der Lehrerausbildung und die Neugestaltung der Besoldung der Lehrer. Zeithammer weist Thun auch auf den Lehrermangel in Prag hin. Er drängt außerdem darauf, die Frage der Unterrichtssprache möglichst rasch zu entscheiden, damit nicht noch ein weiteres Schuljahr ohne eine genaue Regelung verstreiche. Abschließend äußert sich Zeithammer zum bisherigen Verlauf der Maturitätsprüfungen.

Beilagen, Anmerkungen

Verweis auf A3 XXI D212.

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Transkription

    Euere Excellenz!

    Endlich wird die Altstädter Angelegenheit auf präsidialem Wege nach Wien gelangen, worin die gravirten Stulc und Cupr, ersterer als noch nicht angestellt entlassen und letzterer auf die Kleinseite übersetzt werden soll. Pečirka soll als für die Hauptstadt weniger geeignet auf dem Lande angestellt werden. Noch auf die Übersetzung zweier in andere Kronländer will – wie mir Klingler sagt – der Herr Statthalter antragen. Doch das werden Eure Excellenz in dem Augenblicke schon wissen, auch daß Klicpera selbst um seine Pensionirung ansuchte, nachdem er durch mich über Auftrag dazu einen Wink erhalten. Dieser so erledigte Posten ist nach einem Gerüchte von Wien her mir zugedacht. Eine solche Degradirung habe ich wissentlich nicht verschuldet. Auf der Altstadt, die ohnehin seit lange mein Kreuzweg ist, würde ich als Degradirter ohne Ansehen nichts wirken; auch tauge ich meines empfindlichen Halses wegen nicht mehr zum Vortragen, was ich wenigstens in Erkrankungsfällen der Lehrer müßte. In dem Falle und, wofern ich anderweitig nicht verwendbar bin, müßte ich um meine Pensionirung bitten, wenn ich gleich erst etwas über 25 Jahre diene, wodurch mein Einkommen freilich sehr geschmälert würde. Ich möchte dann besonders aus Rücksicht für meine Familie nur um die Gnade bitten, mich nicht mit ihr darben zu lassen. Den Herrn Statthalter, der mir – wie ich glaube – wohlwill’, würde ich auch in dieser Beziehung angehen. Seit jenem verhängnisvollen Decrete über die Visitation der Prager Gymnasien bin ich in einer oft sehr gedrückten Stimmung, sodaß ich Gott anflehe, er möge bald eine Entscheidung herbeiführen. Ich würde, nun die Sache in Bezug auf Unterrichtssprache geregelt wird, wenn ich dessen für würdig gehalten werde, gern noch in meiner gegenwärtigen Stellung dienen; doch bin ich, da mich das Gewissen von einer Schuld und Vernachlässigung in meiner Amtsführung freispricht, auf alles gefaßt.
    Einiges liegt mir noch am Herzen, worauf ich Eurer Excellenz Aufmerksamkeit zu lenken mir erlaube. Möge an dem neuen Baue, der im Ganzen gut ist, nicht viel gerüttelt werden, weil sonst für seinen Bestand zu fürchten wäre. Die neuerliche Einführung des Classenlehrersystems wenigstens im Untergymnasium macht eine Abänderung des Candidatenprüfungsgesetzes nothwendig. Mache Examinatoren treffen noch nicht das gehörige Maß für die Forderungen an die Candidaten, sie kennen nicht die Bedürfnisse der Gymnasien. Für das Pädagogisch-didaktische, das von solcher Wichtigkeit ist, geschieht in der Heranbildung der Candidaten noch zu wenig. Die Regelung der Gymnasien ist höchst wünschenswerth, an den meisten Staatsgymnasien gibt es noch viel Supplenten, die überdies häufig gewechselt werden, wodurch der Unterricht ungemein leidet. Ebenso nöthig ist die Regulirung der Lehrergehalte, immer sind die 200 fl nur Zulage, und selbst wenn sie zum Gehalte geschlagen wird, stehen die Realschullehrer hier noch besser als die hiesigen Gymnasiallehrer, da jene höhere Decennalzulagen haben. Freilich wird dadurch das Budget des Unterrichtsministeriums erhöht, doch so wie zu meiner großen Freude das vorjährige bedeutend höher war als das im vorangehenden Jahre, so möge Gott Eure Excellenz für jeden Gulden segnen, der in diesem und dem künftigen noch mehr ausgegeben wird. Wir haben seither nur in der Hauptstadt zu 13 Lehrern, sollen ihrer auch auf dem Lande und unter welchen Bedingungen so viele werden? Jetzt macht es der Mangel an Lehrern fast unmöglich, zumal uns bei den vielen Concursausschreibungen noch Verluste bevorstehen. Da sich nach andern Kronländern mehrere gemeldet und Veränderungen auf der Altstadt in Aussicht gestellt sind, so würden wir – falls alle abberufen werden sollten – in die bitterste Verlegenheit kommen, da uns nicht so viele Candidaten zu Gebote stehen. Ich könnte auf meiner Abtheilung höchstens für drei abgehende Supplenten stellen, es haben aber nebst diesen noch vier wegverlangt. Darunter ist nicht Bayer von Königgrätz, der sich dort wie Herbek in Neuhaus fast unmöglich gemacht hat. Ich würde sehr bitten, diese in andere Kronländer zu versetzen. Die Resolutionen wollen Eure Excellenz auch in Bezug auf die Unterrichtssprache beschleunigen lassen, damit die nöthigen Vorkehrungen noch vor Beginn des neuen Schuljahres getroffen werden könnten. Ich muß deshalb, obwohl mir eine kleine Erholung nach beinahe vierthalbjähriger ununterbrochener Anstrengung noth thäte, umso mehr hier bleiben, als College Effenberger Urlaub genommen und vor dem 14. September nicht zurückkehrt. Bei dem großen Mangel an Lehrkräften kann an Parallel- und Vorbereitungsclassen nicht gedacht werden, weshalb wir den Antrag stellten, die früher bewilligte Ziffer 60 für die Aufnahme in die einzelnen Classen noch weiter zu belassen. Wir erwarten die versprochenen Schulbücherverzeichnisse, damit sie den Lehrkörpern vor Beginn des Schuljahres hinaus gegeben werden könnten. Wegen Ausmittelung der Localitäten für die zwei obersten Classen des Altstädter Gymnasiums dränge ich Herrn Klingler fortwährend, sie sind unumgänglich nothwendig. Die Maturitätsprüfungen sind bisher sehr günstig ausgefallen; ich bin mit meinen Landgymnasien fertig geworden, und von 67 Examinanten wurden nur 6 geworfen, 23 bestanden mit Auszeichnung. Auch Effenberger war sehr zufrieden, nur kenne ich die Daten nicht genauer. Die Maturitätsprüfungen nach dem 1. Semester scheinen sich nicht als zweckmäßig zu bewähren, da z. B. heuer von den Geprüften beinahe die Hälfte reprobirt wurde. Die minder Fleißigen verschieben aus Bequemlichkeit die Prüfung, lassen sich als außerordentliche Hörer bei einer Facultät inscribiren, machen da und für das bevorstehende Examina nicht viel oder nichts, und fallen zu ihrem und der Eltern Unglück durch. Haben sie aber bloß die Prüfung am Schluße des Jahres, so werden sie dadurch zu größerem Fleiße angespornt, und sind sie noch zu schwach, so wird es heilsamer für sie sein, wenn sie das ganze Jahr wiederholen. So würde auch für diese Schwächeren die Universitätszeit nicht verkürzt, da gerade sie der vollen Zeit mehr als alle andern bedürfen. Nur für den nächsten 1. Curs würde ich eine Änderung nicht vorschlagen, weil viele schon auf den alten Usus rechnen. Diese Andeutungen habe ich mir erlaubt, da es nicht den Anschein hat, daß Euere Excellenz in den Ferien mehr – wie es früher hieß – nach Prag kommen: Um eine Beruhigung rücksichtlich meiner Zukunft wage ich nicht zu bitten.
    Wie es auch ausfallen möge, ich werde nicht wankend in meinem Vertrauen an Eurer Excellenz Huld und Edelmuth, sowie ich mit unbegränzter Verehrung und innigster Dankbarkeit geharre

    Euerer Excellenz

    unterthänigster
    Gregor Zeithammer

    Prag, am 22. August 1853