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Dokument Karl Wolkenstein an Leo Thun
Brunnersdorf, 2. Juli 1857
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D423
Regest

Karl Wolkenstein berichtet, dass vor einigen Jahren in der Stadt Kadaň der Plan entworfen worden war, der bestehenden Realschule ein landwirtschaftliches Institut anzugliedern. Er wollte Thun bisher nicht auf das Projekt aufmerksam machen, weil sich die Umsetzung stets verzögerte. Nun aber konnte er in der Prager Zeitung eine Nachricht über das Projekt lesen, und er fühlt sich daher verpflichtet, bei Thun gegen das Projekt zu intervenieren. Er glaubt nämlich nicht an den Nutzen einer solchen Schule. Wolkenstein ist zwar der Auffassung, dass der geistliche Schulrat, der das Projekt initiiert hat, von hehren Absichten erfüllt sei, allein er glaubt, dass die ländliche Bevölkerung ein solches Institut nicht nötig habe. Denn er ist davon überzeugt, dass man die Landbevölkerung schon zu sehr einer falschen Aufklärung ausgesetzt habe, die sich nur auf den Verstand, aber nicht auf das sittliche Leben richte. Die Landbevölkerung werde durch künstliche Verbesserungen, die durch die Agrochemie und die Wissenschaft gepriesen werden, ihrem eigenen Land entfremdet und in einen Zustand der geistigen Erschlaffung versetzt. Schließlich schreibt Wolkenstein – an ein Gespräch mit Thun anknüpfend – einige Gedanken zur Frage des Verhältnisses von Macht und Recht nieder. Dabei geht er besonders auf die Frage der Macht der Kirche innerhalb des Staates ein. Er glaubt, dass es auf die Dauer keine Vermittlung zwischen den Ansprüchen der Kirche und jenen des Staates geben werde.

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Transkription

    Lieber Freund!

    In der benachbarten Stadt Kaaden [Kadaň] tauchte vor 2 Jahren das Project auf, an die dort bestehende Realschule eine Art landwirthschaftliches Lehrinstitut anzulehnen. Wie ich hörte, nahm sich ein geistlicher Schulrath sehr eifrig um das Project an – die benachbarten Dorfgemeinden sollten bestimmt werden oder wurden bestimmt ihre Contributfonds hinzu zu widmen. Auch an mich – oder mehr vielmehr an meinen Säckel – richtete man eine Einladung. Ich beschränkte mich darauf, im Falle des Zustandekommens der Schule, den Zutritt zu meinen Meierhöfen zu gestatten – in der Sache selbst aber sprach ich mich in meiner Antwort an den Kreispräsidenten so aus, wie es die beyliegende Abschrift nachweiset.
    Wiederholt kam mir der Gedanke, Dich auf die Sache aufmerksam zu machen. Ich unterließ es bisher theils weil das Projekt einzuschlafen schien, theils weil ich überhaupt der – vielleicht pessimistischen – Auffassung bin, daß es wenig hilft, an einem giftigen Strauche hin und wieder einen Schößling abzuschneiden, solange die Wurzeln selbst üppig wuchern. Neuerlich las ich jedoch in der Prager Zeitung einen Artikel, demzufolge jenes Projekt noch lebt und so lasse ich denn auch meine Gegendemonstration ablaufen.
    Ich zweifle nicht, daß jener geistliche Herr des guten Glaubens lebt, hiemit etwas sehr Gutes in das Leben zu rufen. Aber gerade diese bona fides würde beweisen, wie sehr eine einseitig utilitarische (und selbst unter diesem Gesichtspunkte kurzsichtige) Auffassung, wie sehr die Überschätzung jeglicher, auch noch so kümmerlichen Verstandespflege gegenüber der Pflege des sittlichen Habitus der Bevölkerung auch solche Kreise beherrscht, in denen man es am wenigsten voraussetzen sollte.
    Unsere Städte – die kleinen wie die großen – sind der eigentliche Herd einer corrupten Aufklärung und alles dessen, was in politischer, socialer und religiöser Beziehung damit in Zusammenhange steht. Sollte es nun für den sittlichen Habitus des flachen Landes so gleichgültig seyn, wenn endlich auch die Bauernjungen in diese Schule geschickt werden, und zwar gerade diejenigen unter ihnen, welche durch größere Wohlhabenheit, durch einen Anflug von Bildung, den sie heimbringen mögen, ganz qualificiert seyn werden, um die Notabeln im Dorfe zu spielen und den Saamen weiter zu verbreiten, den sie heimtragen. Ist es nicht genug daran, daß nahezu alle Behörden in den Städten sitzen und das Landvolk zu einer beständigen Berührung mit städtischem Wesen, Luxus, Genüssen veranlassen, daß alle Autoritäten – Advocaten, Notare – kurz alles, was einen officiellen Einfluß übt – dem städtischen Elemente angehört, daß ein großer Theil unserer männlichen Bevölkerung durch städtische Garnisone passieren muß usw. Oder ist der sittliche Habitus der Landbevölkerung so gering zu achten, daß er durch einige unverstandene Begriffe und Agriculturchemie (Dinge, über welche eben jetzt die Gelehrten selbst sich in den Haaren liegen) aufgewogen werden kann.
    Auch das ist wohl ein Zeichen, daß etwas faul ist im Staate Dänemark, wenn es nicht mehr die Landwirthe selbst sind, welche für die Bedürfnisse des Landbaues sorgen, sondern irgend ein Dienst- oder Verdiensteifriger Kreis-Chef, Schulmann, irgend ein sorgsamer Stadtvorstand, der seinen Bürgern Kostgänger, Einmiether und ähnliches verschaffen will, sich diese Aufgabe stellt. Es läßt sich hieraus schließen, daß entweder jene Bedürfnisse nicht zu den wahren und ächten, sondern zu den vielen künstlichen und unächten gehören, welche unsere Zeit hervorruft oder was noch schlimmer ist, daß das agrarische Element einer Desorganisation, einer geistigen Atonie oder einer öconomischen Verkümmerung verfalle, welche nicht mehr auf eigenen Füßen zu stehen vermag.
    Ich will Dich mit weiterer Ausführung des obigen Thema’s verschonen, aber ich kann der Versuchung nicht widerstehen ein anderes in der Kürze zu berühren, welches den Gegenstand unserer letzten Conversation bildete. Jedes Auftreten als Macht gegen die oberste Macht im Staate seye revolutionär – so lautete, wenn ich mich recht entsinne, Deine Äußerung. Ohne Zweifel ist ein solches Auftreten, eine solche Machtäußerung – wie alles im Leben – an mannigfache Bedingungen und Schranken geknüpft, und ich präfundiere daher von dem speciellen Falle, der jene Äußerung veranlaßte – über den begreiflich verschiedene Versionen bestehen, ohne daß ich Gewißheit hätte, welche die rechte ist.
    Aber in jener Allgemeinheit führt uns diese Theorie geradezu auf das l’état c’est moi, auf die Negation alles Rechtes und alles organischen Lebens, auf jene schrankenlose Omnipotenz in menschlicher Hand, welche das eigentliche Characteristikum der Revolution ist und gleichmäßig revolutionär bleibt, ob sie von Vielen oder von Einem, von usurpierenden oder legitimen Machthabern geübt werde – denn keine Legitimität reicht so weit. Hebt sie doch, indem sie sich über alles Recht setzt, eben dadurch ihre eigene Grundlage, den Begriff des Rechtes auf. Oder was soll ein Recht noch bedeuten, wenn ihm jegliche Achtung der in ihm liegenden Macht, jegliche Bestrebung sich gegen Widerstrebendes zu behaupten und geltend zu machen verbothen wäre?
    Eben so wenig kann ich mir einen Organismus, dessen einzelnen Theilen jede Action, jede selbstständige Lebens- und Machtäußerung verwehrt wäre – einen Organismus denken, der nichts als eine Zusammenfügung ohnmächtiger und todter Bestandtheile wäre. Sehen wir auf den Typus, dem wir das Bild organischen Lebens entlehnt haben – so macht der Magen seinen Hunger, und die Füße machen ihre Müdigkeit geltend; ob der Kopf oder das Herz es wollen oder nicht – und es ist dieß ohne Zweifel eine sehr weise Einrichtung. Mancher Gelehrte oder Verliebte würde Hungers verkommen, wenn der Magen nicht als Macht gegen seinen wissensdurstigen Kopf oder das liebestrunkene Herz auftreten würde.
    Wie soll ich weiters jene Theorie mit Deinem eigenen staatsmännischen Präcedentiae vereinbaren, deren wesentliches Verdienst es ist, die Macht der Kirche offen anerkannt und eben dadurch auch gestärkt zu haben – die Macht einer Kirche, welche früher oder später nicht umhin können wird, gerade dem modernen Staatenthum und seinen Mächten sehr ernstlich entgegenzutreten. So sehr sich die gegenwärtige Zeit auch abmüht, Widersprechendes zu vermitteln, Dissonanzen einzuschläfern – dennoch gibt es, wie ich glaube, kein dauerndes Compromiß entre l’Evangile, qui a quitté les trônes de l’Europe et le rationalisme plus on moins dequité y monté a sa place (Lacordaire) zwischen den katholischen Weltanschauungen und den in Staat und Gesellschaft siegreichen modernen Prinzipien – Prinzipien, welche nichts anderes sind, als das von Deisten und Atheisten aufgestellte, ihrem antireligiösen Sinne congruente politische Symbolum.
    Ich fand hier meinen Director lebensgefährlich erkrankt und mich dadurch genöthigt, meine Karlsbader Cur auf den halben August zu verlegen. Außer diesem Badesejour werde ich wohl hier, und zwar wahrscheinlich bis in den Dezember hinein seßhaft bleiben – und bin es auch wohl zufrieden. Du wirst nun wohl bald Deine Ferien beginnen.

    Mit aufrichtiger Anhänglichkeit
    Dein Freund[?] Wolkenstein

    Brunnersdorf 2/7 1857