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Dokument Johann Baptist Weiß an Leo Thun
Baden-Baden, 04. September 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D279
Regest

Der Historiker Johann Baptist Weiß kommt der Bitte Leo Thuns nach, ihm einige Informationen über den Rechtshistoriker Roderich Stintzing zu verschaffen. Weiß konnte die gewünschten Informationen bei Bekannten in Heidelberg einholen: Die Auskünfte über Stintzing lauteten überwiegend positiv, allerdings habe er in seinen Kollegien keine große Zuhörerschaft, da der charismatische Karl Vangerow die meisten Studenten anziehe. Stintzing habe kürzlich einen Ruf nach Basel erhalten, was als Ehre angesehen werden könne. Weiß wurde außerdem Heinrich Dernburg empfohlen, dem gerade ein Ruf nach Bern zugegangen ist. Über einen gewissen Dr. Schmidt konnte Weiß bisher noch nichts in Erfahrung bringen, er will sich daher noch in Freiburg über diesen erkundigen. Weiß selbst weilt derzeit in Baden-Baden, wo auch viele andere Professoren zugegen sind, unter anderem Cornelius Bock aus Brüssel. Diesen empfiehlt Weiß erneut an den Minister. Weiß erwähnt zuletzt, dass man in Deutschland mit allgemeiner Sympathie auf die Entwicklung in Österreich blicke.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Baden-Baden, 4. September 1854

    Excellenz Herr Minister!
    Hochgebietender Herr Graf!

    Ich war am 31. August in Heidelberg und habe bei zuverlässigen Männern die Erkundigungen eingezogen, die Ihro Excellenz von mir zu wünschen die Gnade hatten.
    Dr. Stinzing ist den Stimmen zufolge, die ich über ihn hörte, ein in seinem Fache sehr tüchtiger Mann, sein Charakter sehr solid und achtungswerth, sein Vortrag nicht schlecht; eine große Zuhörerzahl hatte er nie, weil Vangerow der Abgott der Studenten ist. Seiner politischen Ansichten nach gehört er zur Gotheanischen Parthei, er sei aber ein sehr stiller, nur seinen Studien lebender Gelehrter; daß ihn die Basler berufen, sey ein gutes Zeichen für ihn, sagte man, denn diese legten ein Stück Geld sechsmal herum, ehe sie es annähmen. Als in seinem Fache tüchtig, aber unter Stinzing stehend, wurde mir auch Dr. Dernburg genannt, der eben einen Ruf an die Universität Bern erhalten hat. Dieselben Ansichten über beide Romanisten hörte ich von Heidelberger Professoren, die ich hier befragte. Über Professor Schmidt 1 werde ich in Freiburg die nöthigen Erkundigungen einziehen.
    Ich bin seit zwei Tagen hier in Baden-Baden. Viele Professoren und Gelehrte, selbst ein griechischer, sind hier. Der Gegenstand vieler Huldigungen von Protestanten wie von Katholiken ist jener Professor Dr. Bock aus Brüssel, über den ich Ihro Excellenz schon einmal zu schreiben die Ehre hatte und der vor allen Gelehrten der Welt der Beachtung von Seiten Ihrer Excellenz würdig ist. Ein so solider Gelehrter und so feiner Kopf möchte schwer wieder zu finden seyn. Bock sucht einen Wirkungskreis und würde einen Glanz des Ruhmes auf jede Universität werfen, an die er als Professor der Philologie berufen würde. – Bock wäre sehr billig, für seinen Werth spottbillig zu haben.
    Überall in Deutschland findet man im Augenblick die lebhaftesten Sympathien für Oesterreich. Die badischen Zustände sind im Momente schwer zu beschreiben, man weiß noch nichts Gewisses über das Interim.
    Indem ich schließe, zeichne ich in tiefster Verehrung Ihro Excellenz

    ergebenster
    Dr. Weiß