Anton Waldert an Leo Thun
Görkau [Jirkov], 25. Dezember 1853
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Gymnasien Personalfragen

Euer Excellenz,
hochgeborener, gnädigster Herr Graf!

Den wohlwollenden Absichten Euer Excellenz gemäß wurde mir von der k.k. Landesschulbehörde für Böhmen eine Anstellung am Gymnasium zu Eger zugedacht. Da mir aber dort zu meiner nicht geringen Überraschung Philologie übertragen werden wollte, so fand ich mich veranlaßt und verpflichtet, auf das mir verliehene Lehramt zu verzichten. Nichtsdestoweniger fühle ich mich gedrungen Euer Excellenz für all die unverdienten Gnaden meinen tief gefühlten Dank hiemit ehrfurchtsvoll auszusprechen. Ist’s mir in meiner untergeordneten Lebensstellung auch nicht vergönnt, meinen Dankesgefühlen greifbare Geltung zu verschaffen, so könnten Hochdieselben doch versichert seyn, daß ich am Altare des "Herrn" Hochihrer nie vergessen werde. Übrigens bin ich überzeugt, daß auch Euer Excellenz meiner nicht vergessen werden, wenn sich’s einmal fügen sollte, daß da oder dort ein Priester zu verwenden wäre. Ja, ich würde wohl selbst eine ehrenhafte Stellung in einem adelichen Hause nicht ausschlagen. Nun, Euer Excellenz werden mit der Zeit und in huldvoller Fürsorge für meine Wenigkeit schon etwas aufzufinden wissen!
Auf das Schreiben von Tetschen, was an mich ergangen, hat sofort einer der Priester, deren ich in einem früheren Schreiben Hochdieselben gedacht, – Pater Weber – sein Bittgesuch gehörigen Orts vorgelegt. Dem Zweiten, Pater Michl aus der Leitmeritzer Diözese, wurde jedoch von seinem Bischofe die Weisung gegeben, vorläufig noch zu warten mit der Einsendung eines solchen Gesuches, „da augenblicklicher Priestermangel Vorsorge für die Seelsorge [?]“.
Pater Weber und Pater Michl – zwei seltene junge Priester, reich an Talent, ausgerüstet mit vielseitigen Kenntnissen, mit einem entschiedenem christlich loyalen Charakter; Männer, Priester, "die Geist und Leben sich bewahrt und in die Ansprüche der Zeit mit ihrer Person bezahlen".
Und rüstige, gewandte Geister braucht die Wissenschaft, nicht flache, verschlissene Leute. Namentlich möchte Pater Weber durch sein geniales Talent, ausgezeichnet reiches Wissen in jedem Kreise Tüchtiges schaffen. Haben Euer Excellenz die Gnaden in dem "Jahrbuch 39[?]" vom Schulrathe Maresch einen flüchtig geschriebenen Artikel zu lesen, der Weber zum Verfasser hat. Derselbe macht jetzt ausgebreitete Studien und hat "Beiträge zur Christianisirung der Wissenschaft" unter der Feder. Das wird eine geistvolle, anregende Arbeit werden! Solche Bestrebungen erscheinen freilich den "Juden" als ein Ärgernis und den "Heiden" als eine Thorheit; indes wird doch nur auf diesem Wege dem Staate von der Wissenschaft Heil widerfahren. "Mit starkem Arme muß die Thüre zu Fausts Studirkammer ins Schloß geworfen werden." Wer nur einigermaßen die öffentliche Wirksamkeit Euer Excellenz verfolgt hat, der mußte freudig erkennen und bekennen, daß Hochdieselben ursprünglich schon bemüht gewesen seyen alle Theile der Wissenschaft auf (alle) christliche Grundlage zurückzuführen. Die total heidnische Wissenschaft ärgert sich darüber, ein Beweis, daß wir im Großen und Ganzen auf gutem Wege sind. "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich." Wie das Leben, so muß die Wissenschaft der modernen Welt aus den Niederungen des Naturlebens herausgerissen werden und der Erstgeborene unter den vielen Brüdern muß auch in der Wissenschaft seine Auferstehung feiern; und Euer Excellenz haben das weltgeschichtliche Verdienst, die „Morgenröthe“ dieses Ostertages heraufgeführt zu haben. Der Herr, der Hochdenselben diese rühmliche Aufgabe zubeschieden hat, wird dereinst Hochihr Lohn seyn und der Helfer zum großen Werke mehr erwecken. Was mögen in diesem lichten Bewußtseyn Euer Excellenz wohl bei der Wirthschaft, wie sie allein in den deutschen Ländern getrieben wird, denken und urtheilen?! Und die Karlsruhigen – nun die wollen die Kirche knebeln, in Fesseln schlagen, "doch der Herr wird schon noch einmal reden, aber nicht durch seinen Sohn" – könnten auf Oesterreichs erleuchtete Staatsmänner schauen und in reifliche Erwägung ziehen, daß nichts die Absichten einer vernünftigen Politik kräftiger befördere als die katholische Religion, wenn sie nicht politisch behandelt wird, und daß dieselbe für die Politik unnütz werde, wenn sie politisch behandelt wird. Deus providebit!
Genehmigen schließlich den Ausdruck meiner aufrichtigsten Hochachtung und Liebe, mit der ich mich zeichne,

Euer Excellenz

ergebenster Diener
Pater Anton Waldert
Kaplan zu Görkau

Görkau, am Heiligen Weihnachtsfeste 1853