Franz Thun an Leo Thun
Wien, 14. Juli 1854
|

go to

Gymnasien Theresianische Ritterakademie Zeichenunterricht

Euere Excellenz!

Infolge des erhaltenen mündlichen Auftrages habe ich nicht ermangelt, mich in das Theresianum zu begeben und dem Zeichnungsunterricht in verschiedenen Cameraten beizuwohnen.
Ich kann nicht umhin zu gestehen, daß ich bei demselben nach allen Richtungen hin, wie rücksichtlich der Lokalitäten und Vorrichtungen, in und mit welchen er ertheilt wird, und der ihm zugewiesenen Zeit wie nicht minder rücksichtlich der befolgten Methode, die wesentlichsten Mängel und Übelstand gefunden habe, ohne deren Beseitigung ein auch nur einigermaßen entsprechender Erfolg dieses Unterrichtes geradezu unmöglich ist und bei deren Existenz man sich nur wundern muß, daß wenigstens einzelne Zöglinge noch so erträglich zeichnen, als es der Fall ist!
Diese Übelstände sind folgende:
1. Der Zeichenunterricht wird nicht nur, was ganz lobenswerth wäre, an Schülern jeder Camerate extra, sondern in jeder Camerate, und zwar so ertheilt, daß jeder Zögling in seinem Verschlage, seiner Schlafkammer, an seinem Schreibtische, auf seiner Kommode oder sonst auf einem disponibeln Meubel [sic!] zeichnet. Es geschieht dieß je nach der zufälligen Stellung dieser Meubeln, bald mit links einfallendem Lichte, bald gegen die Hand, bald mit dem Gesichte, bald mit dem Rücken gegen das Fenster! Und zum Theile auf so kurzen Schreibtischchen, daß die Aufstellung des Original in einer dem Zwecke entsprechenden, einer Übersicht gestattenden Entfernung absolut unmöglich ist, das Original dem Zeichner sozusagen auf der Nase klebt.
Unter solchen Bedingungen läßt Prof. Maier, was sonst ganz lobenswerth wäre, auch Schreibzeuge, Leuchten und andere Gegenstände nach der Natur zeichnen. Keiner dieser Gegenstände war natürlich perspektivisch nur einigermaßen richtig gezeichnet, ja bei der Zeichnung nach einem kleinen Kruge sogar Auf- und Untersicht zugleich (der Deckel von oben und der Boden von unten!) zu sehen, was nebstbei auf eine unverantwortliche Unterlassung der Erklärung der allerersten perspektivischen Regeln von Seite des Lehrers schließen läßt. Von Reißbretern, Einrahmung der Originale etc. ist natürlich gar keine Rede!!
Unter solchen Bedingungen kann offenbar kein Zeichnen, sondern nur ein Vorzeichnen gelernt werden, und müssen nebst dem Formensinne, wenn derselbe vorhanden ist, auch die Augen (die Sehkraft) der jungen Leute wesentlich leiden – ganz abgesehen davon, daß ein Lehrer 10–20 junge Leute, davon jeder in einem Verschlage getrennt für sich arbeitet, weder gehörig corrigiren noch auch genügend überwachen kann.
2. Jeder Camerate sind nur zwei Zeichenstunden wöchentlich (je eine an zwei verschiedenen Tagen) zugewiesen. Wenn dieß schon an sich sehr wenig ist, so kollidiren die Zeichenstunden noch dazu mit anderen freien Gegenständen (dem Tanzen, dem Französischen etc.), so daß für viele Schüler nur eine Stunde wöchentlich – in ein und dem andern Jahre auch gar jede Stunde für das Zeichnen entfällt – und der so dürftige und unzweckmäßig ertheilte Unterricht noch dazu mitunter ein ganzes Jahr lang unterbrochen wird!
3. Der Unterricht ist unter die zwei Lehrer Mayer und Steiner so vertheilt, daß derselbe
von Mayer in der I., II., IV. und VI. Camerate,
von Steiner in der III., V. und VII. Camerate und an die Juristen ertheilt wird, die Zöglinge daher während der Dauer ihrer Studien bald in der Hand des einen, bald in der Hand des andern Lehrers sind, ein Übelstand, der umso größer ist, als die Prinzipien und die Methode der genannten Lehrer wesentlich voneinander abzuweichen und sie miteinander weder conferiren noch auch besonders zu harmoniren scheinen.
Es ist daher sehr schwer, über die Erfolge des einen und des andern mit einiger Zuverläßigkeit zu urtheilen, weil jeder, und mitunter von einer Seite wenigstens, wie es scheint, vielleicht nicht ganz ohne Recht, die Mängel, die an seinen Schülern bemerkt werden, dem im vorhergegangenen Jahre von dem andern ertheilten Unterrichte zuschreiben kann.
Demohngeachtet scheint mir Steiner der Bessere und Gewissenhaftere; die unter seiner Leitung gemachten Zeichnungen zeigen doch ein Streben nach einer gewißen Strenge der Contouren und Sorgfalt der Ausführung, die beim Zeichnen, zumal beim Beginn desselben, jedenfalls eine Hauptsache ist.
4. Die geniale Schluderhaftigkeit, mit der dagegen die meisten Schüler Mayers zeichnen, ist wahrhaft erstaunlich. Schon die Vorlageblätter, zumal die Handzeichnungen, die als solche dienen, sind meistens schlecht, skizzenhaft und manirirt; sie werden eben, wie dieß oben bereits von den natürlichen Gegenständen erwähnt wurde, auch nur sehr liederlich copirt.
Überdieß scheint die Wahl der Vorlageblätter in einem höheren Grade, als dieß mit einem geregelten Unterrichte vereinbar ist, und selbst in den untersten Klassen, lediglich der Willkühr der Zöglinge überlassen.
Um nun einen entsprechenden Erfolg des Zeichenunterrichtes am Theresianum zu sichern, scheinen mir folgende Einrichtungen für das nächste Schuljahr ganz unerläßlich:
1. Die Herrichtung eines (oder mehrerer) mit den nöthigen Utensilien (Zeichentischen, Reißbrettern etc.) versehenen, das Licht von der linken Seite empfangenden Zeichensaales, in welchem die Zöglinge einer Classe – (oder getheilt selbst die Zöglinge mehrerer Classen) – gemeinschaftlich zeichnen und von dem Lehrer die ganze Zeit über überwacht, corrigirt und geleitet werden. Prof. Steiner sagte mir, diesen Antrag bereits vor vielen Jahren wiederholt gestellt zu haben und der Director scheint die Realisirung desselben jetzt nach Räumung des Theresianums durch die Universität zu beabsichtigen.
2. Eine Vermehrung der dem Zeichnen zugewiesenen Stundenzahl. Eine Vermehrung auf 4 oder wenigstens 3 Stunden wöchentlich dürfte wünschenswerth und in diesem Falle wenigstens für die [?] die Zusammenlegung dieser Stunden auf je 2 oder 1 ½ aufeinanderfolgende, an zwei Tagen zweckmäßig sein, da bei einzelnen Stunden mit den bloßen Vorbereitungen ein guter Theil der Zeit verlorengeht. Sollte dieß aber mit Rücksicht auf die Überhäufung mit anderen Studien (etwa durch Zuhülfenahme der freien Tage) nicht zu erreichen sein, so wäre wenigstens eine bessere Eintheilung der freien Gegenstände zu dem Zwecke nöthig, damit sie nicht colidiren und doch wenigstens die dem Zeichenunterrichte bisher zugewiesenen zwei Stunden durch alle Jahre hindurch eingehalten würden und nicht bald die Reduktion auf bloß eine Stunde wöchentlich, bald eine gänzliche Unterbrechung stattfinde.
3. Die Einrichtung, daß entweder derjenige Meister, unter dem der Schüler das Zeichnen beginne, sie auch durch die ganze Dauer ihrer Studien fortführe (in welchem Falle am sichersten über die von jedem erzielten Resultate geurtheilt werden könnte) oder wenigstens ein Lehrer sie bis zu einem gewißen Grade der Entwicklung – etwa bis zum Schluße der IV. Camerate – ununterbrochen leite und sie dann aber auch der bleibenden Leitung des andern übergäbe. Im letzten Falle schiene mir – soweit ich die Lehrer nach dem wenigen Gesehenen zu beurtheilen vermag – Steiner für die unteren Klassen offenbar der Geeignetere, weil er gewissenhafter ist und Schluderhaftigkeit bei der Grundlage gewiß noch schädlicher wirkt als später.
4. Eine strenge Sichtung der Vorlagen und die Verwerfung der entschieden schlechten sowie die Begränzung der freien Wahl der Schüler unter derselben, die Bezeichnung der progressiven Methode des Vorganges und eine Überwachung des Unterrichts durch eine competente Autorität (den Director der Academie oder einen tüchtigen Professor derselben, etwa Prof. Carl Maier), wenn sich nicht vielleicht auch im Theresianum als Basis des Unterrichts im Zeichnen das Zeichnen nach geometrischen Körpern verbunden mit einem regulären Unterrichte in der Perspektive, wie es in dem 1. Jahre der Unterrealschule besteht, einführen lasse, welches, wie die Erfahrungen an der Academie von Venedig zeigen, sogar das unmittelbare Übergehen zum Zeichnen nach den Drucken und die Beseitigung der gezeichneten und lithographirten Vorlagen gestattet.
Ohne diese und ähnliche wesentliche Aenderungen dürften die Zöglinge des Theresianums vom Zeichnen, mit sehr wenigen Ausnahmen, wohl kaum irgendeinen Nutzen haben, wie in der Regel selbst entschiedene Talente dort eher zugrunde gerichtet werden.

Franz Thun
Referent für Kunstangelegenheiten

Wien, am 14. July 1854