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Dokument Leo Thun an Bernhard Rechberg
Wien, 21. Juli 1857
Signatur Österreichisches Staatsarchiv
Haus-, Hof- und Staatsarchiv
Sonderbestände Nl Braun 13-6-11-34
Regest

Leo Thun informiert den Chef der Zivilabteilung des lombardo-venetianischen Generalgouvernements Bernhard Rechberg über Gesundheitszustand von dessen Sohn, Alois Rechberg, und dessen schwieriger Lebenslage. Thun hatte sich in einem ausführlichen Gespräch von dessen Situation überzeugt. Thun rät dazu, den Sohn aus seiner derzeitigen Umgebung zu entfernen und ihm einen Korepetitor zu Seite zu stellen, der ihn auf die anstehenden Prüfungen vorbereiten soll. Alois Rechberg hatte Thun auch versichert, dass er zwar keine finanziellen Sorgen habe, dennoch müsse er noch einige Rechnungen bezahlen. Zuletzt musste sich Alois außerdem einer kleinen Operation unterziehen, von der er sich aber bald erholt haben wird. Anschließend will Alois Rechberg zu seinem Vater reisen und ihn persönlich über seine Situation informieren. Thun versichert Bernhard Rechberg, dass er sich weiter um seinen Sohn kümmern werde.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Wien, den 21. Juli 857

    Lieber Freund!

    Nach Empfang Ihres ersten Briefes schrieb ich Ihrem Sohne, wenn er aus gehen dürfe, so wolle er zu mir kommen, widrigenfalls würde ich zu ihm kommen. Ich erhielt die Antwort, er sei nicht zu Hause, und werde erst Abend erwartet. Ich schrieb ihm also einen zweiten Zettel, er wolle den andern Tag zu mir nach Hetzendorf kommen.
    Wir hatten eine lange Unterredung. Ich both meine schwache Beredsamkeit auf, um ihn zu bewegen, daß er sofort seine Wohnung verlaße, es in einem Hause in der Nähe der Stadt in Gesellschaft eines Korepetitors, den ich ihm wählen würde fleißig studieren, um noch Anfangs Oktober die Prüfung zu machen. Von Störrigkeit ist keine Rede bei ihm; leider aber auch nicht von Muth zu einem kräftigen Entschluße. Der Gedanke so gleichsam unter einem Hofmeister zu stehen, 2 ½ Monate angestrengt zu arbeiten, dann auch 2 Jahre zu studieren, war ihm offenbar ein schrecklicher, gegenüber der Lockung dem durch Eintritte in das Militär zu entgehen. Er sehe wohl ein, daß seine Ehre erfordere jedenfalls noch die Prüfung zu machen, aber er sehe ein, daß er sich von seinen Gefährten los machen müsste, er wünsche mit Ihnen zu sprechen etc. endlich erbath er sich Frist um am folgenden Tag mir eine bestimmte Antwort zu geben. Übrigens versicherte er mir ein Verhältnis in dem er gestanden, bereits abgebrochen zu haben, weil er sich überzeugte, daß er düpiert werde; nicht in Geldverlegenheit zu sein, er habe zwar ausstehende Rechnungen, und es habe ihm auch ein Hr. Frisch, Sekretär von Wimpfen (dieser und ein junger [?] scheinen mir schlimme Gefährten, obwohl Ihr Sohn versichert, der Hr. Frisch habe ihm vielmehr selbst schon Vorstellungen gemacht) Geld verschafft. Dagegen habe er die letztfällige Rate dessen, was Sie ihm ausgesetzt haben, noch nicht erhoben. Er werde mir demnächst vorlegen, wie es mit dem Geld stehe. Tags darauf bekam ich einen Brief, der Arzt habe ihm verordnet einige Zeit nicht auszugehen. In 14 Tagen hätte er mit seiner Kur fertig zu sein, und bitte um Erlaubnis dann zu Ihnen zu reisen. Ich habe inzwischen mit seinem Arzt Dr. Sigmund gesprochen. Er sagt mir sein Übel sei noch nicht von Bedeutung. Doch habe sich ein Geschwürchen gebildet, das eine kleine Operazion bedürfe und deswegen müsse er einige Tage zu Hause bleiben.
    Sehr beschäftigt, weil mein Unterstaatssekretär verreist ist, war es mir einige Tage unmöglich zu ihm zu gehen. Heute war ich bei ihm. Er sagte es gehe besser, in 8 Tagen hoffe er abreisen zu können, er studiere inzwischen etwas (?), seine Rechnungen werde er in Ordnung bringen, sobald er ausgehen könne. Verzeihen Sie daß ich so lange versäumt habe Ihnen diese Nachrichten zu geben. Sie sehen es steht nicht so arg, als Sie wegen Ausbleiben der Nachrichten besorgten, aber leider auch nicht gut. Vor der Hand ist nichts zu thun. Aus der Wohnung konnte ich ihn, so lange er nicht hergestellt ist, ohne ganz erfolgloses Aufsehen[?] nicht wegnehmen, und daß er dort nichts rechtens mehr machen wird, ist mir klar. Neben ihm, mit gemeinsamen Eingang wohnt ein Offizier, bei ihm selbst findet man immer rauchende Müßiggänger. Ehe er aus diesem Verhältnisse ganz heraus gerissen wird, kann es nicht besser werden. Ich drängte ihn sich durch eigenen Entschluß heraus zu reißen, worunter seine Ehre in keiner Weise leiden würde. Anders kann er in oder bei Wien offenbar nicht mehr existieren. Muß er durch andere herausgerissen werden, so muß er auch von hier ganz fort. Deshalb meine ich, ist jetzt allerdings nichts zu thun, als ihn zu Ihnen reisen zu lassen, sobald er reisen kann. Es würde mir wohl möglich sein, gegen gute Bezahlung Jemanden zu finden, der sich auch außer Landes hinsetze, um ihn für die Prüfung vorzubereiten, und ich werde es thun, wenn Sie mich dazu beauftragen. Freilich geht eben immer auch der Monat Juli verloren, und ich glaube überhaupt nicht mehr, daß Ihr Sohn noch zu der Willenskraft sich ermannen werde, die unentbehrlich ist, um mit der Prüfung zu Rande zu kommen. Lieber Freund! Warum haben Sie mir nicht geschrieben als Sie das erste Mal Schulden zahlen mussten! Vielleicht hätte ich dann noch helfen können und wie gern hätte ich es gethan!
    Er hat mir heute gesagt, er wolle Ihnen schreiben, er habe nur warten wollen, bis er würde schreiben können, daß er wieder hergestellt sei.

    Aufrichtig der Ihrige
    Leo Thun