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Dokument Leo Thun an Bernhard Rechberg-Rothenlöwen
Wien, 26. Dezember 1855
Signatur Österreichische Nationalbibliothek
Handschriftenabteilung
Autogr. 458/20-3
Regest

Leo Thun erkundigt sich beim Gesandten Bernhard Rechberg über Emil Rössler. Rössler war einst einer der ersten Vertreter der Rechtsgeschichte in Österreich. Allerdings hatte er 1848 in der Paulskirche für die Wahl des preußischen Königs zum deutschen Kaiser gestimmt und ist danach nicht mehr nach Österreich zurückgekehrt. Derzeit ist er Privatdozent in Göttingen, wünscht sich jedoch eine Anstellung in Österreich. Thun möchte daher eine genaue Auskunft über Rösslers Gesinnung haben. Rechberg soll sich hierzu bei Justin Linde erkundigen, der sicherlich, wie schon in der Vergangenheit auch, verlässliche Aussagen über Rösslers Charakter machen könne.

Beilagen, Anmerkungen

Eine Abschrift des Briefes liegt im Bundesarchiv Koblenz, Nachlass Linde, N 1759, 51.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Wien 26. Dezember 1855

    Hochgeborner Graf!

    Seit einigen Jahren lehrt an der Göttinger Universität als Privatdozent der Österreicher Dr. Rößler. Er hat sich schon vor dem Jahre 1848 in Österreich mit rechtshistorischen Forschungen abgegeben, war in jenem Jahre Deputierter bei dem Frankfurter Parlament und als solcher einer der 4 Österreicher, welche für die Wahl des Königs von Preußen zum deutschen Kaiser stimmten. Seine Freunde behaupten, er sei hiezu durch zufällige Umstände verleitet worden, ohne die politische Bedeutung zu begreifen, indem er sich überhaupt um Politik nicht bekümmert habe. Von anderen Seiten wird hingegen behauptet, er sei mit Bewußtsein in der Gotha'schen Partei gestanden und dürfte dem Einfluße der wissenschaftlichen Männer dieser Partei auch noch nicht entrückt sein. Er liest in Göttingen Rechtsgeschichte und deutsches Recht, soll sich einen guten Namen gegründet haben und ist mir kürzlich auf indirektem Wege sogar durch Savigny empfohlen worden. Nachdem er gleichwohl im Auslande eine Anstellung bisher nicht erlangt hat, so wünscht er begreiflicher Weise angelegentlich wieder in Österreich angestellt zu werden und sein Wunsch wird von zahlreichen Freunden in Österreich getheilt, die in ihm einen der ersten vaterländischen Vertreter rechtshistorischer Studien erblicken. Ich sehe mich durch diese Umstände gezwungen, die Frage in Erwägung zu ziehen, ob seine Anstellung in Österreich zulässig sei. Sie hängt zunächst von den beiden Vorfragen ab, welches Gewicht noch gegenwärtig seiner erwähnten Theilnahme an der Abstimmung über die Kaiserfrage beizumessen sei, und in wie weit etwa zu besorgen stehe, daß er noch gegenwärtig den wissenschaftlichen Richtungen der Gotha'er Partei angehöre und in diesem Sinne in Österreich wirken würde, wozu das Lehrfach der deutschen Reichs- und Rechtsgeschichte allerdings mehr als jedes andere Gelegenheit bietet. Eurer Exzellenz wird es nicht an Gelegenheit fehlen, über diese Fragen im vertraulichen Wege in so weit verläßliche Auskunft einzuholen, als solches überhaupt möglich ist: Männer der Wissenschaft, welche in Deutschland leben, die wissenschaftlichen Bewegungen mit sorgfältigem Auge beobachten, selbst aber mit aufrichtiger Überzeugung auf dem richtigen Standpunkte stehen, sind allein befähigt, über solche Fragen Aufschluß zu geben. Einen solchen Mann haben Eure Exzellenz in der Person des Staatsrathes Linde an Ihrer Seite, welcher mir bereits manchen wichtigen Dienst ähnlicher Art geleistet hat und Euer Exzellenz werden ohne Zweifel noch mit manchem ebenso verlässlichen und wohlunterrichteten Manne in Berührung stehen. Deßhalb habe ich die Ehre, Eure Exzellenz zu ersuchen, mir nach eindringlicher Erkundigung Ihre wohlerwogene Ansicht über die berührte Angelegenheit eröffnen zu wollen, indem ich bis dahin mit jeder anderweitigen Einleitung zurückhalte.
    Gleichzeitig erlaube ich mir Euer Exzellenz zu ersuchen, das beiliegende Schreiben1, in welchem ich die Gefälligkeit des Staatsrathes Linde noch in einer anderen Angelegenheit in Anspruch nehme, demselben zukommen zu lassen zu wollen.
    Genehmigen Euer Exzellenz den Ausdruck der ausgezeichnetsten Hochachtung, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

    Eurer Exzellenz
    ergebenster Diener
    Leo Thun