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Dokument Leo Thun an Franz Pfeiffer
Wien, 1. April 1855
Signatur Württembergische Landesbibliothek Stuttgart
Cod. hist. 4" 407
Regest

Leo Thun teilt dem Bibliothekar Franz Pfeiffer mit, dass er ihn nicht an die Universität Wien berufen werde. Thun hatte nämlich von Maximilian Handel die Nachricht erhalten, dass Pfeiffer einen Lehrstuhl an der Wiener Universität übernehmen möchte. Pfeiffer, der in einer gemischt-konfessionellen Ehe lebt, wäre dafür auch bereit, seine Kinder, die derzeit protestantisch getauft sind, im katholischen Glauben zu erziehen. Thun würde es aus wissenschaftlicher Sicht zwar sehr freuen, einen guten Gelehrten wie Pfeiffer für die Wiener Universität gewinnen zu können, allerdings würde eine Berufung den Anschein moralischen und religiösen Opportunismus' erwecken. Thun glaubt nämlich, dass bei den Studenten Pfeiffers lasche Haltung in religiösen Fragen einen schlechten Eindruck hinterlassen würde. Daher erteilt er Pfeiffer eine Absage.

Beilagen, Anmerkungen

Der Brief ist parallel als Entwurf im Nachlass von Leo Thun erhalten und verzeichnet unter der Signatur A3 XXI D336.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Wien den 1. April 1855

    Geehrter Herr Bibliothekar!

    Baron Handel hat mir in diesen Tagen mitgetheilt, daß Sie ihm Ihren Wunsch eröffnet haben, eine Professur der deutschen Literatur an der Wiener Universität zu erlangen, daß Sie ihn zugleich Ihrer aufrichtigen katholischen Gesinnung, für welche Ihre literarischen Arbeiten Zeugnis geben versichert und die Erklärung beigefügt haben, daß wenn Sie Ihre Kinder in der protestantischen Konfession erziehen ließen, solches nur nach dem Wunsch der Familie Ihrer Gemahlin, um dem Fortkommen der Kinder kein Hindernis zu bereiten geschehen sei, und daß Sie gesonnen seien, im Falle Ihrer Anstellung in Wien mit der Zustimmung Ihrer Gemahlin Ihre Kinder in der katholischen Religion erziehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob hierdurch gesagt sein soll, daß Ihre Gemahlin für diesen Fall bereits in die katholische Erziehung der Kinder eingewilligt habe, oder ob diese Zustimmung noch als eine Bedingung deren Erfüllung zweifelhaft ist, zu betrachten sei.
    Dabei kann ich nicht unbemerkt lassen, daß ich vor einiger Zeit einen Brief von Ihnen1 gesehen habe, in welchem Sie sich über die Frage der Erziehung etwas anders ausgesprochen haben, indem Sie von der Ansicht ausgingen, daß der überwiegende Einfluß, den die Mutter auf die Erziehung der Kinder zu nehmen berufen ist, namentlich wenn der Vater durch Berufsgeschäfte abgehalten ist, sich selbst viel mit der Erziehung zu beschäftigen, es nothwendig bedinge, daß die Kinder dem Glaubensbekenntnisse der Mutter folgen. Die berührten Fragen sind solche, die so sehr dem Heiligthume des Familienlebens angehören, daß ich mir niemals anmaßen würde, sie unaufgefordert zu berühren. Nachdem jedoch Ihre Unterredung mit dem Gesandten seiner kaiserlichen Majestät dazu eine Aufforderung enthält, so wollen Sie mir erlauben mich mit voller Offenheit auszusprechen.
    Einen tüchtigen Lehrer der deutschen Literatur für die Wiener Universität zu gewinnen, liegt mir sehr am Herzen. Es bedarf Ihnen gegenüber nicht mehr als der Erwähnung wie sehr die religiöse Überzeugung der Schüler durch die Behandlung des Unterrichtes in diesem Gegenstand berührt werden kann. Bei der Sorge für die Besetzung der Lehrkanzel in Wien, welche von großem Einfluß auf die Heranbildung der Lehrer an den Gymnasien werden muß, fühlte ich mich im Gewissen verpflichtet darauf bedacht zu sein, daß nicht nur die Gefahr einer der religiösen Überzeugung schädlichen Auffassung der deutschen Literatur und ihrer Geschichte ferne gehalten, sondern daß auch der richtige Standpunkt, von welchem aus die deutsche Literatur und ihre Bewegung in älterer und neuerer Zeit in ihrer Beziehung zur Kirche und zum Glauben zu beurtheilen ist, den Schülern so klar werde, wie es nothwendig ist, damit sie als Lehrer an katholischen Gymnasien heilsam, und die religiöse Überzeugung kräftigend auf die Jugend zu wirken befähiget werden. Ich zweifle weder daran, daß Sie dieser Aufgabe gewachsen sind, noch an der Aufrichtigkeit Ihrer dem Baron Handel gegebenen Versicherung daß Sie in diesem Sinne zu wirken gesonnen seien. Allein nichts scheint mir mißlicher, als die Lage eines Lehrers dessen Handlungsweise nicht in vollem Einklang steht, mit der Richtung seiner Lehre, nichts gefährlicher für die Überzeugungen seiner Schüler, als wenn sie Ursache haben zu zweifeln, ob seine Worte aus seiner innersten Überzeugung hervorgehen. Der leiseste Verdacht der Augendienerei vernichtet jeden heilsamen Einfluß auf jugendliche Gemüther.
    Was nun die Erziehung Ihrer Kinder anlangt, so bin ich weit davon entfernt, mir ein Urtheil über Ihre Handlungsweise erlauben zu wollen. Gott allein kennt die Verhältnisse, unter denen wir Menschen handeln und vermag den Zwiespalt zu beurtheilen, in den mitunter unabwendbaren Thatsachen uns versetzen. Allein daß die Kirche uns auf das bestimmteste verbiethet und verbiethen muss, zu gestatten, daß unsere Kinder außerhalb ihrer Gemeinschaft aufwachsen, daß sie uns nicht erlaubt, noch erlauben kann aus irdischen Rücksichten von Ihrem Gebothe abzuweichen sind Thatsachen, die heut zu Tage nicht ignoriert werden können, und der Katholik der in unserer Zeit seine Kinder in einem anderen Glauben erziehen läßt, kann sich mindestens nicht dem Schein entziehen, daß ihm sein Glaube nicht die heiligste Angelegenheit sei. Wird der Vorwurf des Indifferentismus bei den Einen, der Verdacht bei den Anderen schwinden, wenn Sie Ihrer Kinder erst dann in den Schoß der Kirche führen, wenn Sie eine Anstellung in Österreich erhalten haben, oder wenigstens die Zusicherung einer solchen haben? Werfen Sie in die Seelen Ihrer Kinder selbst nicht den Keim des Unglaubens, wenn früher oder später in ihnen der Gedanke erwachen kann, nur irdischer Vortheile wegen habe man sie die Religion abschwören lassen, in der ihre Mutter sie liebevoll erzogen hat?
    Nicht dazu möchte ich meine Hand biethen. Dieses sind die ernsten Gedanken die mich abgehalten haben für die Berufung eines Gelehrten zu wirken, vor dessen Kenntnissen und literarischer Täthigkeit ich hohe Achtung habe.

    Hochachtungsvoll
    Euerer Wohlgeboren
    ergebener
    Graf Leo Thun