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Dokument Leo Thun an Bernhard Jülg
Wien, 17. April 1855
Signatur Österreichische Nationalbibliothek
Handschriftenabteilung
Autogr. 346/38-6
Regest

Leo Thun bedankt sich bei Bernhard Jülg für dessen Auskünfte über mögliche Kandidaten zur Besetzung von Stellen an österreichischen Gymnasien. Thun schreibt dann, ihm sei zu Ohren gekommen, dass Bernhard Jülg neben seiner Lehrtätigkeit auch für Zeitungen schreibe. Thun hat gegen eine solche Nebentätigkeit grundsätzlich nichts einzuwenden. Sollte es allerdings zutreffen, dass – wie kolportiert wird – Jülg auch im Verborgenen Artikel in ausländischen Zeitungen deponiere, so kann dies Thun nicht dulden. Er empfiehlt Jülg daher, Heimlichkeiten aller Art zu unterlassen, um seine Stellung nicht zu gefährden.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Wien, den 17. April 1855

    Werther Herr Professor!

    Ich danke Ihnen für die mir ertheilten Auskünfte bezüglich der von mir gesuchten Gymnasiallehrer. Ich behalte mir vor, Ihre weitere Vermittelung in dieser Angelegenheit demnächst in Anspruch zu nehmen. Heute veranlaßt mich etwas anderes an Sie zu schreiben. Wie ich vernehme, befassen Sie sich nebenbei mit Zeitungskorrespondenzen. Ich habe dagegen im Allgemeinen eben nichts einzuwenden, zumal ich von Ihnen mit voller Zuversicht erwarten kann, daß Sie darüber weder Ihren wissenschaftlichen Beruf vernachläßigen, noch dabei den Grundsätzen untreu sein werden, denen Ihre mir bekannten Überzeugungen entsprechen. Indes ist zufällig zu meiner Kenntniß gelangt, daß Sie gleichwohl Dinge schreiben, die Sie nach den bestehenden Vorschriften nicht schreiben sollten, und daß Sie eben deshalb Ihre Mittheilungen mitunter auf anderen als dem geraden Weg an ausländische Redakzionen gelangen zu lassen suchen. Sind diese Angaben richtig, so kann ich dieses Benehmen nicht billigen. Was Sie, ein von Seiner Majestät mit dem Unterrichte der Jugend betrauter Mann, thuen, soll niemals so sein, daß es der Regierung verheimlicht zu werden braucht. Jede Verheimlichung erzeugt Mißtrauen, und ist eine halbe Unwahrhaftigkeit oder mindestens ein Fallstrick für die Wahrhaftigkeit. Deshalb empfehle ich Ihnen recht angelegentlich und wünschte, daß Sie selbst es als eine Gewissensache ansähen, zu unterlassen, was Sie in eine schiefe Stellung bringen muß.

    Mit aufrichtigem Wohlwollen

    Thun