Leo Thun an Bernhard Jülg
Wien, 17. April 1855
|

go to

Personalvermittlung Gymnasien Presse

Wien, den 17. April 1855

Werther Herr Professor!

Ich danke Ihnen für die mir ertheilten Auskünfte bezüglich der von mir gesuchten Gymnasiallehrer. Ich behalte mir vor, Ihre weitere Vermittelung in dieser Angelegenheit demnächst in Anspruch zu nehmen. Heute veranlaßt mich etwas anderes an Sie zu schreiben. Wie ich vernehme, befassen Sie sich nebenbei mit Zeitungskorrespondenzen. Ich habe dagegen im Allgemeinen eben nichts einzuwenden, zumal ich von Ihnen mit voller Zuversicht erwarten kann, daß Sie darüber weder Ihren wissenschaftlichen Beruf vernachläßigen, noch dabei den Grundsätzen untreu sein werden, denen Ihre mir bekannten Überzeugungen entsprechen. Indes ist zufällig zu meiner Kenntniß gelangt, daß Sie gleichwohl Dinge schreiben, die Sie nach den bestehenden Vorschriften nicht schreiben sollten, und daß Sie eben deshalb Ihre Mittheilungen mitunter auf anderen als dem geraden Weg an ausländische Redakzionen gelangen zu lassen suchen. Sind diese Angaben richtig, so kann ich dieses Benehmen nicht billigen. Was Sie, ein von Seiner Majestät mit dem Unterrichte der Jugend betrauter Mann, thuen, soll niemals so sein, daß es der Regierung verheimlicht zu werden braucht. Jede Verheimlichung erzeugt Mißtrauen, und ist eine halbe Unwahrhaftigkeit oder mindestens ein Fallstrick für die Wahrhaftigkeit. Deshalb empfehle ich Ihnen recht angelegentlich und wünschte, daß Sie selbst es als eine Gewissensache ansähen, zu unterlassen, was Sie in eine schiefe Stellung bringen muß.

Mit aufrichtigem Wohlwollen

Thun