Abschrift eines Schreibens von Leo Thun an Joseph Jelačič
o. O., 24. April 1852
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Gymnasien Sprachenfrage Nationalitätenkonflikt Kroatien

Abschrift des Schreibens vom 24. April 1852 an den Herrn FZM Freiherrn von Jelacich.

Indem ich soeben die ämtliche Zuschrift an Sie in der Frage der Unterrichtssprache in Ordnung gebracht habe, kann ich nicht umhin ihr auch einige Zeilen in der vertraulichen Form eines Briefes beizufügen. Daß Sie bei mir germanisirende Tendenzen besorgen sollten, halte ich für unmöglich. Sie haben für die Nationalität Ihres Volkes gefochten. Ich habe nie das Schwert geführt, aber für Nationalität habe ich auch gefochten und werde auch dafür fechten, so lange mir Gott das Leben schenkt. Ja, ich getraue mich zu behaupten, selbst für Kräftigung der kroatischen Nationalität habe ich in meinem Bereiche mehr gethan, als bisher je dafür geschehen ist.
Mißtrauen kann daher zwischen uns in der Beziehung nicht bestehen; es kann sich nur um Berathung der zweckmäßigsten Mittel und klügsten Vorgänge handeln. Eine Forderung der Gewissenhaftigkeit wie der Klugheit ist es, das rechte Maß zu halten. Die illirische Unterrichtssprache ist eingeführt. Soll sie sich erhalten, so dürfen wir uns nicht dem gegründeten Vorwurfe aussetzen, daß darunter die Bildung der Schüler, das Gedeihen des Unterrichtes leiden. Oder soll es ewig dabei bleiben, daß Schüler, die in Agram die 6. Classe mit guten Zeugnissen absolvirt haben, in Laibach oder Marburg zu schwach befunden werden, um in die 4. eintreten zu dürfen? Kann die Nazionalliteratur einen kräftigen Aufschwung nehmen, wenn es bei diesem Zustande bleibt? Ich habe in meiner offiziellen Zuschrift von didaktischen Gründen im Allgemeinen und von dem Mangel an illirischen Schulbüchern gesprochen; erlauben Sie mir noch eines Umstandes zu erwähnen: des Mangels an kroatischen Lehrern. Sie haben es mir etwas übel genommen, daß ich Ihnen Jarć und Premru nach Agram geschickt habe. Ich kann mich der Hoffnung nicht entschlagen, daß Sie inzwischen sich überzeugt haben, es sei dem Lande damit eine Wohlthat erwiesen worden. Ich thue was in meiner Macht steht, um Landeseingeborne zu tüchtigen Lehrern heranbilden zu lassen, und hoffe, daß Weber und Mesić gute Dienste leisten werden. Das alles reicht aber nur aus, um das Agramer Gymnasium vorwärts zu bringen. Dabei kann es aber doch nicht bleiben. Ich habe in Preßburg, in Ofen und in Leutschau [Levoča] drei Gymnasien ins Leben gerufen, wie bisher in Agram noch keines bestand; das wird selbst von den Ungarn anerkannt. Es sind deutsche Gymnasien, man erkennt sie aber als eine Wohlthat für das Land an, und sie ziehen schon die andern nach sich. Das war aber freilich nur dadurch möglich, daß ich Lehrer aus den Ländern diesseits der Leytha auswählte und hinüberschickte. Sehr gerne möchte ich auch in Warasdin [Varaždin] und Essek [Osijek] ordentliche achtklassige Gymnasien zustande bringen. Die Franziskaner können aber da nicht zum Ziele helfen. Es ginge nicht anders als in ähnlicher Weise wie in Preßburg und Ofen. Soll aber auch in Essek und Warasdin ausschließlich illirischer Unterricht sein, so ist es gar nicht möglich an die Regulirung zu gehen. Ich bin überzeugt, die Ortsbewohner hätten gar nichts dagegen, daß deutsche Gymnasien errichtet würden, an welchen nur die Nationalsprache gründlich durch alle Klassen gelehrt, der Unterricht in der Religion illirisch ertheilt und in den unteren Klassen illirisch in dem Maße unterrichtet würde, als es die Sprachkenntnisse der Schüler erfordern. Und ist es nicht wahr, daß damit dem Lande ungleich mehr genützt wäre, als wenn es Gott weiß wie lange dauert, bis etwas Ordentliches dort zustande kommt, blos weil sich die Banatregierung vor dem Gespenste der Germanisirung fürchtet?
Verehrtester Ban! Die ganze Welt weiß, daß Sie ein Held sind, der sich vor nichts fürchtet; sagen Sie es auch Ihren Landsleuten, daß jetzt nichts die Nationalsache mehr diskreditiren kann, als wenn sie den Muth nicht haben zu dem, was als das Zweckmäßige anerkannt werden muß. Denn wer sich stark fühlt, dem fällt es nicht ein darin eine Gefahr zu sehen oder eine Ehrensache aus etwas zu machen, bei dem es sich nur um die Frage der Zweckmäßigkeit handeln kann. Ich weiß sehr wol, ich – oder sonst ein Nichtkroate – darf das Ihren Landsleuten nicht sagen, und es wäre auch sehr unrecht dem Volke, dessen lebendiges Nationalgefühl uns so große Dienste gleistet hat, nur gleichsam den Text lesen zu wollen. Aber Sie können es ihnen sagen, und von Ihnen wird es sich auch hierin führen lassen, weil es weiß, daß Sie es nur dorthin führen, wohin zu gehen zu seiner Ehre gereicht. Darum bitte ich um Ihre Hülfe. Ich habe die Entscheidung über diese Fragen nach Ihrem Wunsche der Landesschulbehörde in die Hände gelegt in dem Vertrauen, daß Sie sich die Entscheidung derselben persönlich vorbehalten werden.

Mit wahrer Verehrung