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Dokument Heinrich Suchecki an Leo Thun
Prag, 10. Januar 1860
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D547
Regest

Der Slawist Heinrich Suchecki bitte Leo Thun um Verleihung einer Lehrkanzel für slawische Sprachwissenschaft in Galizien bzw. um eine Aufbesserung seines derzeitigen Gehalts. Suchecki wurde vor vier Jahren von Leo Thun eine linguistische Lehrkanzel in Galizien in Aussicht gestellt. Zuvor sollte er jedoch einige Semester an der Prager Universität wirken. Da er nunmehr seit drei Jahren in Prag mit unzureichendem Gehalt tätig ist, erhofft er sich die baldige Realisierung der von Thun in Aussicht gestellten Versetzung. Suchecki betont, dass er seit seiner Ankunft in Prag zahlreiche Forschungen betrieben habe.
In der Beilage legt Suchecki seine Ansichten zu seiner Stellung dar. Suchecki schreibt zunächst, dass seine Vorlesungen in polnischer Sprache sehr gut besucht sind. In der Folge schildert er seine Eindrücke von der stagnierenden Entwicklung der polnischen Sprache in Galizien und fordert Thun auf, die Sprache stärker zu fördern.

Beilagen, Anmerkungen

Beilagen: Bemerkungen Heinrich Sucheckis zur polnischen Sprache sowie zu seiner derzeitigen Lebenslage.

Schlagwörter
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Transkription

    Hochgeborner Herr Graf und Excellenz!

    Meine Lage zwingt mich zu der Taktlosigkeit, auf die gnädigen Andeutungen Eurer Excellenz Bezug zu nehmen.
    Vor 4 Jahren wurde mir durch die Lemberger Statthalterei die Mittheilung gemacht, Eure Excellenz wollten mich für Galizien in linguistischer Richtung gnädigst verwenden, wenn ich zuvörderst auf 1–2 Jahre nach Prag mit 600 fl gehe.
    Vom tiefsten Dankgefühl durchdrungen, folgte ich der huldvollen Ordre, lese schon 3 Jahre Collegien, von denen auf einen [sic!] Semester ein streng wissenschaftliches im Durchschnitte fallen dürfte, lebe aber bei dem unausreichenden Gehalte in bedrängter Lage mit Familie in der Aussicht auf Realisirung der von Eurer Excellenz mir so gnädig zugedachten Bestimmung.
    Ohne zudringlich sein zu wollen, wagte ich im Jahre 1858 Eurer Excellenz mich persönlich blos in Erinnerung zu bringen. Seitdem verliefen 15 hoffnungsvolle Monde. Dann legte ich dem Hochgeehrten Staatssekretär Baron Helfert auf dessen Geheiß ein Verzeichnis meiner wissenschaftlichen Vorlesungen mit der Bitte vor, Eurer Excellenz meine Tendenz, Diensteifer, Fortschritte im Fach und dabei mißliche Lage schildern zu wollen.
    Um aber in der Zwischenzeit Eurer Excellenz einen bescheidenen Beweis für die Tragweite meiner Kenntnisse zu liefern, las ich im verflossenen Sommerhalbjahr das nach Schleicher unbesetzte Sanscrit 1 mit Beziehungen auf das Kirchenslavische und dann zunächst Polnische, als Beruf, und Böhmische. Daß in der Betreibung des indoeuropäischen Sprachenkreises die theoretische Routine in ältern und neuern Slavinen einbegriffen liegt, versteht sich von selbst. Die mir von Eurer Excellenz gnädigst dargebothene Gelegenheit in Slavicis hier vieles zu gewinnen, stimmt mich zu einer lebenslänglichen Dankbarkeit.
    Um ferner die Gewogenheit Eurer Excellenz aufmerksam zu machen und darzuthun, daß ich kein bloßer Kenner und Nachsprecher der bisherigen fremden Resultate der Sprachwissenschaft bin, sondern im indoeuropäischen und vorzüglich slavischen Gebiete mit selbstthätiger Forschung arbeite, las ich in der k. böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften, als Mitglied derselben, eine Abhandlung2 über den im Sanscrit wurzelnden "participialen Ursprung der slavischen Substantive auf A (E)" (böhmisch z. B. dítĕ, tele, – símĕ, břímĕ), eine von den originellen Wahrnehmungen und Erschlüssen, die meine Materialien zu einer historisch vergleichenden Grammatik der slavischen Sprachen aufzuweisen hätten. Im Druck kann die Abhandlung erst später erscheinen, da ich jetzt an der polnischen Concursgrammatik für Gymnasien arbeite.
    Um in Deutschland einen Anhaltspunkt für meine Forschungen im Bereiche des Sanscrit und Zend zu gewinnen, trat ich in Verhältnisse mit der deutschorientalischen Gesellschaft zu Leipzig und Halle , unter deren Mitgliedern ich nun erscheine.3
    Auf Grundlage obiger Thatsachen ermuthigt mich nun mein festes Vertrauen auf den Edelsinn Eurer gräflichen Gnaden, die Bitte hiemit einzubringen, mich bei dem unzureichenden Gehalte nach Möglichkeit nicht darben zu lassen, umso weniger als durch eine mißliche Lage, beim Mangel der Mittel, die angestrebten Fortschritte gehemmt und jede bedeutendere schriftstellerische Thätigkeit unmöglich gemacht werden.
    Ohne Anmaßung, den Absichten Eurer Excellenz vorzugreifen oder die Tendenz und Lage des Staates ergründen zu wollen, inwiefern es Eurer Excellenz möglich wäre, den Antrag auf Creirung einer Kanzel der indoeuropäischen oder wenigstens slavischen Sprachwissenschaft für Galizien zu stellen, zumal da sogar das Polnische daselbst schwächer, in Krakau aber fast gar nicht vertreten ist, – wage ich vorderhand, falls möglich, um eine Aufbesserung meiner gegenwärtigen Stellung und um eine gnädige bestimmtere Andeutung über die Zulässigkeit meiner Hoffnungen zu bitten.
    Ohne einen Wink erhalten zu haben, welcher Art Thätigkeit mich meiner von Euer Excellenz mir gnädig angedeuteten Bestimmung näher rücken soll, that ich nach dem Obigen, bei meinen jetzigen bedrängten Umständen, mein Möglichstes; ohne mich eines Fehltritts bewußt zu werden, wodurch ich die edlen Rücksichten Eurer Excellenz eingebüßt hätte, harre ich in zuversichtlich geduldiger Erwartung der Lösung meines Schicksals, um nach dem Wunsche Eurer Excellenz für das Kronland Galizien oder sonst ersprießlicher wirken zu können.
    In unwandelbarer Hoffnung auf Gott und Eurer gräflichen Gnaden zeichne ich mich in tiefster Ehrfurcht

    Eurer Excellenz

    gehorsamster und dankbarster Diener
    Heinrich von Suchecki
    a.o. Prof. d. pol. Spr. u. Lit.

    Prag, am 10. Jänner 1860

    Specielles
    Im laufenden Semester zähle ich für die polnische Sprache, die ich vergleichend vorzutragen pflege, 33 ordentliche Zuhörer und einige außerordentliche im vorgerückten Alter, eine Zahl, die für die böhmische Sprachwissenschaft seit meinem Hiersein meines Wissens kein Mal erschwungen wurde, und 6 Zuhörer für die polnische Literatur, eine Kleinzahl, deren Grund darin zu liegen scheint, daß die meist nicht wohlhabenden Studierenden das Collegiengeld für dergleichen Gegenstände ungern verschmerzen, theils darin, daß der Sinn und Geschmack der hiesigen Jugend, durch geeignete Collegien wohl für Sprachwissenschaft, aber für die Literatur im Allgemeinen, fast durch keine, geschweige denn ästhetische Vorlesungen über die einheimische Literatur geweckt und gebildet wird.
    In Galizien findet das umgekehrte Verhältnis statt.
    Geruhen daher Euer Excellenz bei der huldvollen Erwägung des Bedürfnisses eines wirksameren Sprachlehrstuhles in Krakau noch doppeltes zu berücksichtigen, einerseits den erfreulichen Umstand, daß nach der neuesten Verordnung des Herrn Ministers des Innern die galizischen Beamten mit dem Volke in der Landessprache mündlich und schriftlich zu verkehren haben, andererseits aber die traurige Thatsache, daß im polnischen Schriftthum an der Sprache selbst wegen Haftung an den alten und Unkenntnis der bessern neuern Theorien nicht blos eine Stagnation, sondern sogar ein fortschreitendes Verderbnis allzu sichtbar ist.
    Das Schicksal der polnischen Sprache, welche namhafte literarische und sprachliche Schätze im Slaventhum aufweiset, liegt nun lediglich in der Hand Eurer Excellenz, da bekanntlich außerhalb Oesterreichs nur auf ihre Vernichtung abgezielt wird.
    Die heutige wie jede spätere Generation der polnischen Zunge wird den Namen Eurer Excellenz zu verewigen haben in ihrer Culturgeschichte.

    Privatumstände
    Als Familienvater habe ich einen Sohn, welcher an der böhmischen Oberrealschule studirt und eine jüngere Tochter.
    Wegen bedrängter Umstände muß meine Frau in der Lage sein, für sich und die Erziehung der Tochter selbst zu sorgen.
    Ich hatte daher blos folgende Bedürfnisse mit möglichster Einschränkung zu bestreiten:
    1. Nahrung für mich und Sohn à 55 k ÖW täglich pro Person 400 fl
    2. Erziehung des Sohnes 150
    3. Unterstützung meines im Greisenalter erblindeten Vaters in Galizien 180
    4. Wohnung von 2 Zimmern in dem billigsten Stadttheile auf der Kleinseite, 3. Stock, Zinsgroschen u. 470
    5. Licht, Heizmaterial 50
    6. Bekleidung, Wäsche, literarische Bedürfnisse 100
    7. Bedienung, Einkommensteuer, Almosen u. u. 180
    zusammen 1.230 fl ÖW
    Leider nimmt jetzt mein Sohn wegen einer Haemorrhagia pulmonum, die er sich durch weite Kurse in die Schule und eine Anstrengung im Studiren zugezogen hat, noch außerordentliche Auslagen in Anspruch; dazu ist die Theuerung in Prag im Zunehmen.
    Nach dem Obigen war ich also bemüßigt, mir neben dem Gehalte von 630 fl mindestens ein Alterumtantum jährlich durch anderweitige, zwar literarische, aber möglichst einträgliche, daher meistens nicht wissenschaftliche Arbeiten zu erwerben suchen. Letzthin mußten selbst dringende Beleuchtungen [sic!] einer Recension verschoben werden.
    Das Mißlichste dergleicher Nahrungssorgen ist daher Vergeudung der Zeit und Kräfte auf Kosten des wissenschaftlichen Strebens, Störung und Hemmung einer edleren Thätigkeit.