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Dokument Karl Friedrich Stumpf-Brentano an Leo Thun
Innsbruck, 24. Oktober 1860
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D623a
Regest

Der Historiker Karl Friedrich Stumpf-Brentano bedauert den Rücktritt Leo Thuns und sieht darin einen herben Schlag für die gesamte Wissenschaft in Österreich. Aus der Sicht von Stumpf-Brentano habe erst mit dem Wirken Thuns echte Wissenschaft in Österreich Einzug gefunden. Dieser große Fortschritt wurde auch in Deutschland anerkannt. Stumpf macht sich deshalb nun Sorgen um die Zukunft der Wissenschaften in Österreich. Er versichert dem Minister jedoch, dass er selbst weiterhin im Sinne von Thun wirken wird. Denn schon bisher war das Vertrauen und die Förderung des Ministers seine stärkste Antriebsfeder.

Beilagen, Anmerkungen

Das Schreiben befindet sich im Nachlass gemeinsam mit 39 weiteren Dankadressen unter der Signatur A3 XXI D623a.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Euer Excellenz!

    Eben von meiner Reise durch Süddeutschland zurückgekehrt und im Begriffe Euer Excellenz über Dr. Lexer, der jetzt in Nürnberg mit einem Jahresgehalt von siebenhundert Gulden bei der Herausgabe der deutschen Städtechroniken verwendet wird, Auskunft zu geben, erfahre ich den nicht für mich allein, ich darf wol sagen für die gesammte junge Wissenschaft Oesterreichs unverhofft herben Schlag durch das Zurücktreten Euer Excellenz von der Leitung unsres geistigen Lebens. Was die stille Freude, die Zuversicht und das Vertrauen in Oesterreichs Zukunft bei einem großen Theil emsig-regsamer und selbstthätiger Männer in und außerhalb Oesterreichs wesentlich genährt und lebendig erhalten, was das frische Erwachen ernsten wissenschaftlichen Lebens, das sich unter Ihrer aufopfernden Liebe und unausgesetzter Sorgfalt so freudig entwickeln durfte und dem es auch Alles zu danken, von dem es auch Alles zu hoffen hatte. Ich kann so reden, denn ich habe im Laufe meiner Reisen beweisende Äußerungen in fast sämmtlichen Gauen Deutschlands vernommen. Bei solcher Überzeugung, welche Zukunft steht diesem Schößling bester Hoffnungen jetzt bevor? Zu schwach, um durch eigne Kraft völlig erstarken zu können, läuft er nicht Gefahr bei minder frischer und liebevoller Pflege und ungewohnt lebhaftem und ausschließlichem Antheil von oben herab trotz eingeimpfter Beharrlichkeit allmählig zu verkümmern?
    Ich gestehe es gerne, daß diese Anschauung mit durch meine eigenste Empfindung, die mich mächtig bewegt, bestimmt ist. Denn was bei all meinen, ich darf wol sagen, oft recht mühsamen und unerquicklichen Arbeiten mir stets neuen Muth, Kraft und Ausdauer verliehn, war die freudige Zuversicht einst unter Ihrem Schutze und zu Ihrer Zufriedenheit in einem meinen Anlagen wie Neigungen entsprechend bescheidenen Wirkungskreis für meine Heimat thätig sein zu können. Ich muß wol jetzt darauf verzichten und damit auf meine schönsten, meine lebensfrohsten Stunden, die ich mir geträumt habe. Nicht, daß ich je aufhören würde redlich-rastlos zu arbeiten, Pflicht wie Natur fordern mich gebieterisch auf und ich werde gehorchen, aber die Freude des Schaffens, die ist gebrochen, denn die Zuversicht ist dahin. Was mich übrigens, ich fühle es, mit neuer Wärme wieder und stets zur Arbeit aneifern wird, ist die Überzeugung, daß ich vor allem das unschätzbare Vertrauen Euer Excellenz, das mich stets stolz gemacht und gehoben hat, nicht nur zu rechtfertigen, sondern es mir auch immer lebendig zu erhalten haben werde und daß ich so zugleich am besten bescheiden in dem Geiste wirke, in welchem Sie im Großen so unausgesetzt bemüht waren, Oesterreichs Glück und Segen zu fördern.
    Und nun füge ich nur noch die innige Bitte hinzu, Euer Excellenz mögen gütigst Nachsicht mit diesen Zeilen haben, die nicht erst lange überlegt, frisch vom Herzen kommen, das Ihnen in kindlicher Anhänglichkeit unbegränzt ergeben ist und es vielleicht früher nie zu sagen gewagt hätte. Auch konnte ich meinem tiefbewegten Dankgefühle diesen schwachen Ausdruck nicht versagen.
    In tiefster Ehrfurcht und aufrichtigster Hingebung zeichne ich mich

    Euer Excellenz
    unwandelbar treu ergebenster
    K. F. Stumpf

    Innsbruck, den 24. October [1]860