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Dokument Karl Friedrich Stumpf an Leo Thun
Göttingen, 19. September 1858
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D470
Regest

Der Historiker Karl Friedrich Stumpf-Brentano berichtet Leo Thun von seinen Recherchen in verschiedenen deutschen Archiven und Bibliotheken. Außerdem schildert er die gescheiterten Verhandlungen zwischen Johann Friedrich Böhmer und Georg Heinrich Pertz wegen der Herausgabe des "Codex diplomaticus imperii". Stumpf-Brentano hofft dennoch, dass das Werk vollendet werden wird. Er teil Thun außerdem mit, dass Böhmer im Herbst nach Wien kommen wird und Thun persönlich seine Aufwartungen machen möchte. Stumpf-Brentano hofft, dass ihm Thun auch weiterhin sein Vertrauen schenkt.

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Transkription

    Euer Excellenz!

    Ich hätte längst gewagt, wie es auch meine Pflicht gewesen wäre, ein Lebenszeichen zu geben, hätte sich nicht mein Aufenthalt in den sächsischen, thüringischen und fränkischen Archiven durch unerwartet reiche Ausbeute länger hinausgezogen, als ich zur Zeit meiner Abreise aus Wien vermuthen konnte. Ich kam erst Ende Augusts nach Frankfurt a. M., wo ich leider unsern trefflichen Böhmer nicht so vollauf in der alten rüstigen Stimmung fand, wie ich ihn verlassen habe. Er mußte auch bald in ein Bad eilen. Soviel konnte ich übrigens erschließen und theilweise erfahren, daß eine Einigung über die Herausgabe des „Codex diplomaticus imperii“ mit Pertz wenigstens für jetzt nicht erzielt worden ist und eine Aufforderung an mich mußte schon darum selbstverständlich unterbleiben. Da aber die ganze Angelegenheit gleichsam nur privatim zwischen Böhmer und Pertz verhandelt wurde, ist zugleich mir jede weitere Besprechung wie auch jeder Antrag zur bereitwilligsten Mitwirkung benommen. Das Scheitern dieses Lieblingsplanes mag indes zum Theil auch die Ursache von Böhmers Verstimmung sein. Es freut mich übrigens, daß Euer Excellenz wahrscheinlich Gelegenheit haben den Mann, der mir seit Jahren ein Leitstern meines ganzen Strebens ist und seines Gleichen in Deutschland wahrlich nicht hat, persönlich kennen zu lernen. Noch beim Abschied sagte er mir, daß er die Absicht hege, Anfangs Octobers in Wien einzutreffen, wo er dann jedenfalls um die Auszeichnung einer Audienz bei Euer Excellenz ansuchen wird. So sehr es mir leid thut, nicht jetzt gleich zu einem großen Nationalwerke mit schwachen Kräften mein Weniges beitragen zu können, so leb' ich doch immer noch in der Hoffnung, daß Böhmer diesen seinen Lebensplan trotz aller Hindernisse früher oder später, wie es ihm auch gebührt und er vor allen der Mann dazu ist, zur Ausführung bringen wird und die Bemerkung im Allgemeinen, daß Euer Excellenz, falls er mich zu Arbeiten unter seiner Leitung zu gebrauchen dachte, geneigt wären mich ihm abzutreten, dürfte ihm vielleicht deshalb willkommen sein. Die Initiative ergreifen, wo jetzt auch die unmittelbare Veranlassung fehlt, würde er wohl kaum wagen.
    In meinen Arbeiten bin ich übrigens nicht im Geringsten gestört; sie sind zum Theil nothwendige Vorstudien zu jenen großen Unternehmen und ich schmeichle mir sogar, daß ich mit ihrer Vollendung vielleicht Veranlassung zur schnelleren Erreichung desselben werde geben können. Eine schönere Belohnung könnte ich mir freilich kaum denken.
    Gestern hab' ich in der hiesigen Bibliothek, der letzten bedeutenden Deutschlands, die ich noch zu besuchen hatte, Gottlob mit dem wirklich mühevollen und ermüdenden Sammeln geschlossen und athme völlig freier auf. Jetzt kann ich endlich zur Schlußredaction schreiten. Nur noch einen Sprung in die Archive zu Hannover, Wolfenbüttel, Goslar, dann Karlsruhe und Stuttgart und ich bin fertig und hoffe dann bestimmt mein gegebenes Wort zur erstrebten Zufriedenheit lösen zu können. Ich habe nur die eine Bitte, daß Euer Excellenz das Vertrauen, womit Sie mich bisher gehoben haben, mir auch ferner, soweit ich es rechtfertige, gnädigst schenken mögen und lege meine ganze Zukunft unverzagt in Ihre Hände. Wie sich diese für den Professor in partibus gestalten werde, wage ich freilich kaum zu errathen, lebe aber noch immer in der süßen Hoffnung, daß mir die von Euer Excellenz huldreichst bewilligte freie Zeit unverkürzt belassen bleibe. Ich werde sie redlich und gewißenhaft verwenden, damit mir später eine sichre und erfolgreiche Wirksamkeit in der geliebten Heimat umso gewißer werde. Den Entschluß Euer Excellenz bitte ich mir vielleicht durch meinen alten Freund Karl Tomaschek oder im Wege der hohen k.k. Bundesgesandtschaft kundgeben zu lassen, damit ich dann sofort die nöthigen Schritte zu meiner Legitimation im Auslande thun könne.
    Mit dem innigsten Danke für das unverdiente Wohlwollen Euer Excellenz und der Entschuldigung für die Belästigung mit diesen Zeilen, zeichne ich mich in tiefer Ehrfurcht

    Euer Excellenz

    aufrichtigst ergebenster
    Karl Friedrich Stumpf

    Göttingen, den 19. September 1858