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Dokument Bericht über die Stimmung unter den Protestanten Ungarns
Pest, 28. Dezember 1856
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D395
Regest

Der Bericht betont die allgemeine Oppositionshaltung der ungarischen Protestanten. Diese richtet sich nicht nur gegen jegliche Einmischung in Glaubensfragen, sondern allgemein gegen die Politik der Wiener Regierung. Derzeit streben die Protestanten eine allgemeine Synode an.

Beilagen, Anmerkungen

Der Bericht ist mit einem Begleitschreiben Erzherzog Albrechts übermittelt worden.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Ofen, am 31. Dezember 1856

    Es ist Mir aus einer gut unterrichteten und verläßlichen Quelle eine vertrauliche Mittheilung über die Bestrebungen und Pläne der Protestanten in Ungarn zugekommen, deren Inhalt Mir so wichtig scheint, daß ich Mich veranlaßt finde, eine Abschrift derselben Euerer Excellenz in der Nebenlage, jedoch nur zur eigenen persönlichen Kenntnisnahme zu übersenden.

    Albrecht

    Abschrift

    Die kirchliche Bewegung in den beiden protestantischen Confessionen läßt als rothen Faden die eine gemeinschaftliche Absicht durchblicken: strenge Verwahrung gegen Einflußnahme der Regierung in die Angelegenheiten ihrer Verwaltung und ihres Schulwesens. Nach allen Stimmen, die ich bisher darüber vernommen habe, und nach dem Urtheile der besten Köpfe ist selbst von sonst loyal gesinnten Mitgliedern dieser Gemeinden an Nachgiebigkeit nicht zu denken, und der ausgesprochene Wunsch einer großen Synode in Pesth zielt mehr darauf hin, Zeit zu gewinnen, ihre Argumente zu kräftigen und solche in Massen um so nachdrücklicher zu vertheidigen.
    Die große Empfindlichkeit, namentlich der Calviner in diesem Punkte, liegt schon in der den Ungarn angebornen Leidenschaft der Selbstregierung, der sie wohl jedes Opfer zu bringen fähig sind, welche zu opfern aber nur Gewalt sie zwingen kann.
    Man ist um so hartnäckiger in Behauptung altdocumentirter Rechte auf diesem Felde, als hier gleichzeitig ein Weg angebahnt ist, verkappten regierungsfeindlichen Gesinnungen anständig und ohne unmittelbar nachtheilige Folgen Luft zu machen.
    In letzterer Beziehung ist wohl zu berücksichtigen, daß die eigentliche große Aristokratie (welche zumeist katholisch ist) hier außer Betheiligung bleibt, und die wenigen Einfluß nehmenden höher stehenden Familien, welche dem protestantischen Glauben angehören als: die Teleki’s, ein Graf Řaday und andere, in ihren Tendenzen genügend bekannt sind. Man erwähnt bei dieser Gelegenheit vielseitig der Zeit, wo unter Pius III. [sic!] ein Theil der ungarischen Aristokratie, der früher gleichfalls dem Protestantismus angehörte, wie ein Batthyányi und selbst ein Eszterházy, zum katholischen Glauben überzutreten sich bestimmen ließen.
    Man ist der Ansicht, daß unter heutigen Verhältnissen Einflüsse und Zwangsmaßnahmen der katholischen Kirche ganz gegentheilige Wirkungen hervorrufen dürften, wie überhaupt die große Apathie, die unter Katholiken in Folge des Konkordats zu Tage liegt, und die thatsächliche Lauheit in Glaubensangelegenheiten, welche unsere katholische Bevölkerung charakterisirt, die Protestanten in der Zuversicht bestärkt, ihrer oppositionellen Stellung in den weitesten Kreisen Theilnahme und Unterstützung zu gewinnen.

    Pest, den 28. Dezember 1856