Wenzel Sigmund an Leo Thun
o. O. [Prag], o. D. [1852]
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Regest

Wenzel Sigmund bittet Leo Thun um Hilfe für sich und seine blinde Mutter. Sigmund ist Bauzeichner in Prag, aber aufgrund geringer Bautätigkeit derzeit beschäftigungslos. Sigmund hatte sich schon im vorigen Jahr bei der Staatsbahn in Prag beworben und zunächst auch eine Zusage erhalten. Später wurde er allerdings doch nicht in den Dienst aufgenommen. Aus diesem Grund bittet er nun Thun, dass dieser ihn beim Handelsminister empfehle, damit er doch eine Stelle bei der Staatsbahn erhalte. Zuvor erinnert er Thun jedoch, woher er ihn kenne und es daher gewagt hatte, an Thun mit der Bitte heranzutreten: Sigmund war es nämlich, der Thun – gemeinsam mit anderen – während der tumultuarischen Juniereignissen 1848 in Prag vor der herannahenden Meute gewarnt hatte.

Anmerkungen zum Dokument

Schlagworte

Edierter Text

<1852>1

Euer Excellenz,
Hochverehrter Herr Graf!

Im Vertrauen auf Ihre Milde und Großmuth wage ich es, gezwungen von einem harten verhängnisvollen Schicksale, dieses Schreiben mit dem Inhalt einer demüthigsten Bitte an Euere Excellenz zu richten. Und gewiß wird meine Hoffnung, gestärkt durch die unzähligen Beweise der Mildthätigkeit Ihrer hochherzigen wahrhaft edlen Familie, die viele Trähnen trocknete, viele Schmerzen linderte, nicht vereitelt.
Euere Excellenz werden gewiß sich noch des Jünglings zu erinnern wissen, der in den Juniereignissen Prags, als Sie vom Clementinum auf die Kleinseite von dem Swornoster (Bauerssohne, Fingerhut) und dem Fleischhauermeister Pangner begleitet gingen, Ihnen zum Altstädter Brückenthurm entgegenlief, um Euere Excellenz auf die Gefahr aufmerksam zu machen, die von dem Kleinseitner Proletariat für Ihr Leben zu befürchten war. Damals hob ich meine Hand und schwur Ihnen heilig und theuer, als Sie ängstlich zu mir und den beiden anderen die Worte sprachen: (Lidičky [?] mi, mei se zastat, bi se mi nic zlehonestalo) mein eignes Leben für Euer Excellenz bei der geringsten Ihnen drohenden Gefahr zu opfern. Ich wehrte Ihnen ab sich noch denselben Tag vom Presidium mit Herren Stadtverordneten Batka auf die Altstadt zu begeben, weil sich viele der die Thore besetzthaltenden Proletarier hören ließen, Sie, im Falle Euere Excellenz ihnen entgehen wollten, nieder zu machen. Noch denselben Tag legte sich etwas die Aufregung der Proletarier und Euer Excellenz begaben sich künftigen Tags Vormittag auf den Augezd [Újezd] und die Altstadt unter das k.k. Militär, wo ich zuvor desselben Tages früh um 4 Uhr, hierauf eifrigst einwirkte, die Barikaden der Brücke und Brückengasse wegzuräumen (Was alle Bürger der Brückengasse bezeugen können). Warf mich denselben Tag noch mit blankem Säbel unter die Pöbelmasse, die abermals Barikaden aufschlichten wollten, wo selbst ich, mit Steinen beworfen villeicht mein Leben eingebüßt hätte, wären mir einige bewaffnete Bürger, die ich dadurch ereiferte, nicht zu Hilfe zu kommen. Seine Majestät der Kaiser haben mehrere Bürger Prags mit Ehrenzeichen für ihr eifriges Bestreben Ruhe zu stiften belohnt. Jedoch weit davon entfernt sind die Fantasien meines Geistes, denn mich hat Gott mit vielen Leiden heimgesucht, harte Noth drücket mich und noch dazu erblindete mir meine gute sorgsame Mutter auf beide Augen den 2. Februar 1851. Ich weiß mir keinen anderen Ausweg mir Hilfe zu schaffen, als mich zu Ihren Füßen, hochherziger Menschenfreund, zu werfen und um Ihre mächtige Fürsprache in tiefster Demuth zu bitten. Vorigen Jahres nahm ich eine Fußreise nach Wien vor, um durch die Fürsprache Euere Excellenz mich um eine Bedinstung [sic!] bei der Staatsbahn zu bewerben. Ich bekam erfreuliche Antwort von Seiner Excellenz dem Herren Handelsminister; es wurde mir aber aus der Ursache, weil mich die unteren Herren, für die Bausektion, zu der ich zu kommen gebeten, ich weiß nicht warum befähiget fanden, später eine abweisliche Antwort schriftlich nach Prag geschickt, trotzdem, daß ich in meinem Gesuche mich für die Prüfung meiner Befähigung für dies Fach aussprach. Da in der jetzigen Zeitperiode in Prag beinahe nichts gebaut wird, daher die Baumeister keine Zeichner brauchen, bin ich beschäftigungslos geworden und bloß darauf beschränkt mir mit 2 Konditionen durchzuhelfen, deren Ertrag kaum hinreicht sich an trockenen Erdäpfeln satt zu essen, so mit meiner theueren blinden Mutter dem schrecklisten Elende, beinahe halb erblößt und den Zins für ½ Jahr schuldend, preisgegeben.
Gewiß werden Euer Excellenz mein Elend berücksichtigen, mich mit meiner flehentlichen Bitte nicht abweisen und mir gnädigst bei seiner Excellenz dem Herren Handelsminister eine Anempfehlung an den Prager Herren Bahndirektor durch Eure Excellenz mächtiges Wort erwirken und mich sicherlich mit einer Bedinstung, sey es zu welchem Fache immer, beglücken wird, indem bei der Bahn besonders in Prag Individuen ohne aller technischen, bloß mit einfachen Schrift- und Rechnungskenntnißen ihr Unterkommen gefunden haben.
Ich bitte Euer Excellenz nochmals unterthänigst sich meiner gnädigst anzunehmen sowie mir diese Erdreistung Sie zu belästigen in gewohnter Milde zu vergeben, wo ich mich sodann mit unermüdetem Fleiße, steten Fortschritten in den Wissenschaften und unbescholtener Treue dieser hohen Gnade würdig zu machen eifrigst bestreben werde.

In tiefster Demuth

unterthäniger

Wenzel Sigmund
Bauzeichner wohnhaft in Nr. 45/3 in Prag