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Dokument Ludwig Schmarda an Leo Thun
Sydney, 15. Dezember 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D309
Regest

Der Naturforscher Ludwig Schmarda berichtet Thun von seiner Forschungsreise nach Afrika, Asien und Australien. Zunächst zeigt er sich aber erfreut darüber, dass die Untersuchungen gegen ihn wegen angeblicher Aufwiegelung im Jahr 1848 eingestellt worden sind. Er nimmt daher an, dass sein Dienstverhältnis nun wieder aufrecht sei und bittet sogleich um eine Verlängerung seines Urlaubes.
In der Folge berichtet Schmarda ausführlich von seinen Forschungen. Zunächst untersuchte er in Ägypten die Naturgeschichte der wirbellosen Tiere. Anschließend reiste er nach Ceylon, wo er mit seinem Begleiter und Financier, Franz von Friedau, umfangreiche Messungen und Untersuchungen durchführte. Außerdem legte er eine umfangreiche zoologische und botanische Sammlung an. In der Folge berichtet er von verschiedenen Expeditionen auf der Insel. Besondere Aufmerksamkeit legte Schmarda auf die Erforschung der Meeresfauna an der Südküste des Landes. Im Jänner 1854 brachen er und seine Begleiter nach Südafrika auf, nachdem die Reisegruppe den Plan, in den Himalaya zu sein reisen, verworfen hatte. In Südafrika verließ ihn sein Begleiter Franz von Friedau. Er lobt diesen in den höchsten Tönen und wünscht Österreich mehr solcher Männer, die die Wissenschaft fördern. Im darauffolgenden Juni verließ er Südafrika und reiste nach Australien und Neuseeland. Dort hat Schmarda erneut zahlreiche Arten entdeckt und gesammelt. Außerdem hat er Fossilien gefunden. Die meisten seiner Neuentdeckungen hat er auf Tafeln bildlich festgehalten. Besonders betont er den großen Wert seiner mikroskopischen Untersuchungen der kleinsten Meerestiere. Um seine Untersuchungen auch in anderen Erdteilen fortsetzen zu können, benötigt er noch ein weiteres Jahr Urlaub. In diesem Jahr möchte er nach Amerika reisen. Zur Untermauerung seiner Bitte betont Schmarda die hohe Relevanz seiner Untersuchungen und das Prestige, das er mit seinen Forschungen für Österreich schon erlangt hat und noch erlangen wird.

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Transkription

    Eure Excellenz!

    Eure Excellenz geruthen den Herrn Statthalter von Steiermark zu beauftragen die von mir erbetene Procedur, in der gegen mich erhobenen Anschuldigung wegen Mißbrauch meiner Stellung als öffentlicher Lehrer 1848 und 1849, vorzunehmen. Ich war von dem für mich günstigen Ausgange im Vorhinein überzeugt und habe durch meine Freunde – allerdings in Folge der weiten Entfernung erst vor wenigen Tagen – die bestimmte Nachricht erhalten, daß Nichts gegen mich vorliege. Mich demnach im ungeänderten Dienstverhältnisse betrachtend bitte ich Eure Excellenz unterthänigst um die gnädige Verlängerung meines Urlaubes ohne daß ich ein Wiederflüssigmachen meines seit Oktober 1853 gesperrten Gehaltes beanspruche.
    Zur Motivirung meiner Bitte erlaube ich mir Eurer Excellenz eine Skizze meiner Thätigkeit vorzulegen. Über den Gang und die Ausdehnung meiner Forschungen im Nilthale habe ich Eurer Excellenz bereits umständliche Anzeigen gemacht; die der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften eingeschickten Resultate insofern sie die Naturgeschichte der wirbellosen Thiere Egyptens [Ägyptens] betreffen so schon von der Akademie durch den Druck veröffentlicht und wie ich hoffe ein Separatdruck in den Händen Eurer Excellenz.
    Vom Mai 1853 bis Ende Jänner 1854 blieb ich in Ceylon. Der Ritter von Fridau und ich theilten die Arbeiten in der Weise, daß mein Freund die magnetisch-astronomischen Bestimmungen, Botanik und Pflanzengeographie, ich Zoologie und Zoogeographie und nach Maßgabe der Umstände barometrische Nivellirungen und meteorologische Beobachtungen übernahm. An letzten hatte jedoch von Fridau in der Regel den größeren Anthail.
    Die Specialitäten unserer Arbeiten hatten häufige Trennungen zur Folge. So brachte ich die Monate Juli und August allein an der Ostküste zu, um die zoologischen Sammlungen zu completiren, während mein Freund den Mahawelleganga beschiffte und sein Stromgebiet in naturhistorischer Beziehung untersuchte; das erste Unternehmen dieser Art in welchem mein Freund einen seltenen Muth und Ausdauer bewies und allen Entbehrungen in einer unbewohnten und wegen ihrer Fieberluft gemiedenen Wildnis trotzte. Im September stieß von Fridau in Trincomalli zu mir. Von dort gingen wir nach Batticaloa und dann landein durch unbewohnte Gegenden unsere Provisionen mit uns führend, nach dem centralen Bergland. Auf dem Plateau von Newera Ellia machten wir einen dreiwöchentlichen Aufenthalt und gingen Ende November nach Point Galle.
    Von dort brachen wir Anfangs Dezember nach den südlichen elefantenreichen Berggegenden auf und erreichten zu Weihnachten den Adamspick. Von Fridau ging von dort in südöstlicher Richtung nach Hanbantotti und ich durch das Thal des Kaluganga. Ich eilte von dort nach Belligam an der Südküste, wo ich bis Mitte Jänner mit der Untersuchung der Meeresfauna beschäftigt war. Außer einem reichen Material an höheren Thieren, dessen Aufarbeitung erst in Europa erfolgen wird, sammelte ich eine sehr große Anzahl von Beobachtungen über niedere Thierformen, Infusorien, Rhizopoden, Bryozoen, Strudelwürmer und Ringelwürmer, mikroskopische Crustozeen und dergleichen. Die neuen Formen und deren Organisation füllen 80 Blätter colorirter Zeichnungen. In die Zeit unseres Aufenthaltes in Belligam fällt die Änderung und respective das Aufgeben unseres ursprünglichen Reiseplanes nach dem Festlande von Indien. Zeichen von Unruhen im westlichen Himalaya machten die Reise dahin unrathsam und Geschäftsverhältnisse erlaubten meinem Freunde nicht jenes Ausmaß von Zeit, welche zur Erforschung des östlichen Himalajalandes nothwendig ist.
    Ende Jänner verließen wir Ceylon und gingen nach einem kurzen Aufenthalte in Mauritius ans Vorgebirge der guten Hoffnung. Dort trennte ich mich im April von meinem Freunde, der nach Europa zurückkehrte. Es ist sehr zu bedauern, daß ein Mann, der durch die Allseitigkeit seines Wissens, durch Enthusiasmus für jedes wissenschaftliche Unternehmen und durch Ausdauer in seinen Arbeiten einen ehrenvollen Platz verdient, genöthigt war seine Pläne aufzugeben, um so mehr da es so selten der Fall ist, daß Private der Wissenschaft so bedeutende Opfer bringen als es Fridau that, der die besten und kostbarsten Instrumente für die Reise anschaffte und alle Ausgaben aus seinem Vermögen allein bestritt und mich in die Lage versetzte meine speciellen Forschungen fortzusetzen, nachdem unser gemeinschaftliches Project in Folge der dringenden Umstände aufgegeben worden war.
    Ich blieb durch 4 Monate am Cap. Den größten Theil dieser Zeit brachte ich an der See zu. Die Sammlungen aus den höheren Thierklassen sind zwar nur klein dagegen die aus den Abtheilungen der Nudibranchien, [?] und Crustaceen reich und sehr werthvoll. Die neuen Formen nehmen 75 Tafelabbildungen ein, von denen ungefähr 30 mikroskopische Organismen sind.
    Am 23. Juni dieses Jahres verließ ich das Vorgebirge der guten Hoffnung, erreichte am 11. August Melbourne im südlichen und am 26. August Sydney im östlichen Australien. Den Monat September verwendete ich zu Untersuchungen in Port Jackson und zu einer Reise am Flusse Hunter. An der Huntermündung machte ich in den kohlenführenden Gebirgsschichten eine große Sammlung von Pflanzenabdrücken, die ich unserem großen Botaniker Unger zugedacht habe. Die Monate Oktober und November brachte ich in Neuseeland zu, wo es mir gelang einige Knochen der ausgestorbenen Riesenvögel zu acquiren. Ich bin gegenwärtig im Besitze einer fast vollständigen Tibia eines dieser Vögel, der nach den Dimensionen dieses Knochens zu urtheilen 18–20 Fuß hoch gewesen sein muß. Die Reste gehören dem Geschlechte Notornis an. Die Sammlungen der Seethiere enthalten mehre seltene Thier und selbst neue Formen. Die Zahl der abgebildeten Formen ist bei 200 auf 27 Tafeln. Zurückgekehrt nach Neu-Süd-Wales bereiste ich die blauen Berge, die Goldländer von Bathurst und die Berge von Illawara, letzte durch ihre Palmen und Baumfarnen eine fast tropische Vegetation darstellend. Die Novitäten füllen 35 Tafeln. Da es unmöglich ist hier Sammler zu bekommen und die extravaganten Forderungen der Bootleute und Fischer meine Excursionen mit dem Schleppe und Grundnetz sehr kostspielig machen (ich bezahle 2 Pfund Sterling für ein Boot mit 1 Mann für 8 bis 10 Stunden) so habe ich beschlossen Neu-Süd-Wales bald zu verlassen. In wenigen Tagen ist es 2 Jahre seit ich das Vaterland verließ; während dieser Zeit habe ich in 3 Welttheilen ungeheure Strecken zu Wasser und zu Lande zurückgelegt, 24 Kisten Naturalien gesammelt, eine Menge neuer Thierformen entdeckt und deren Organisation ermittelt und über 230 Tafeln zoologischer und zootomischer Abbildungen angefertigt. Zum ersten Male sind in entfernten Welttheilen und Meeren die mikroskopischen Organismen untersucht worden und damit ein großer Schritt zur Kenntnis des wundervollen Thierlebens in der Richtung des kleinsten Raumes geschehen.
    Ich betrachte diesen Theil der Arbeit als den werthvollsten, denn nur wenige der lebenden Naturforscher sind dieser Aufgabe gewachsen. Nur dem Umstande, daß ich seit meinem 19. Jahre mit dem Gebrauch des Mikroskopes vertraut bin und durch jahrelange mühsame Untersuchung mir die Kenntnis der europäischen Formen verschaffte, habe ich es zu danken, daß meine rastlose Thätigkeit mit einem Erfolge gekrönt wurde, auf den unser Vaterland stolz sein kann. Außer dem Material und den neuen Daten in Specialrichtungen bringe ich eine Fülle von Anschauungen aus dem Naturleben, die für jeden Naturforscher unschätzbar sind für mich aber besonders werthvoll, da sie meinem Unterrichte die größte Wahrheit und Lebendigkeit geben werden.
    Alles dieses macht es wünschenswerth meine Forschungen über einige Theile von Amerika, das noch im Kreise meiner Arbeiten fehlt, auszudehnen um die nöthigen Anhaltspunkte für die Geschichte und Verbreitung der Thiere besonders der niedern Organismen aus allen Theilen der Erde zu gewinnen. Ich habe folgende Punkte zur Basis meiner Untersuchungen gewählt: Einen in Südamerika außerhalb und einen innerhalb der Tropen, einen in den Hochländern der Anden innerhalb der Wendekreise und eine der westindischen Inseln. Eventuell – wenn Eure Excellenz mir einen Urlaub über die Dauer des Schuljahres 1855 gewähren – Guiana und Brasilien und eines der Polarländer von Amerika.
    Ich gehe morgen mit einem Schiffe peruanischer Flagge von hier nach Valparaiso, dann nach Callao, Guajaquil und dem Hochlande von Quito und über Panama nach Jamaika, wo ich die Entscheidung Eurer Excellenz erwarten will, indem ich es Ihrem hohen Ermessen anheimstelle auf welchen Zeitraum Eure Excellenz die Urlaubsverlängerung auszudehnen geruhen.

    Hochachtungsvoll
    Euer Excellenz
    unterthänigster Diener
    Dr. Ludwig v. Schmarda
    Prof. der Zoologie an der k.k. Universität zu Prag

    Sydney in Neu-Süd-Wales, den 15. Dezember 1854