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Dokument Andreas Schaguna an Joseph Rajačić
Hermannstadt, 27. Juli 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D63
Regest

Der griechisch-orthodoxe Bischof Andreas Schaguna äußert seine Enttäuschung über die bereits dritte Verschiebung der geplanten Versammlung der griechisch-orthodoxen Bischöfe Österreichs. Seiner Meinung nach hätte Patriarch Joseph Rajačić bereits 1849, als er zu Beratungen über die griechisch-orthodoxe Kirchenfrage nach Wien beordert worden war, eine Versammlung mit den Bischöfen abhalten sollen. Er glaubt, dass durch das fortwährende Aufschieben der Synode die griechisch-orthodoxe Kirche an Ansehen bei der österreichischen Regierung verliere. Schaguna drängt daher darauf, dass die orthodoxe Kirche, ähnlich wie andere Konfessionen auf eine neue Regelung hinsichtlich ihres Verhältnisses zum Staat hinarbeiten solle. Abschließend betont Schaguna, dass es um die orthodoxe Kirche in Siebenbürgen sehr gut bestellt sei, vielmehr müsse man Sorge tragen, dass die Situation der gesamten orthodoxen Kirche in Österreich verbessert werde.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Euere Beatitudo!

    Dreimalige Zuschriften Euerer Beatitudo erhielt ich über die abzuhaltende Synode; jede derselben, aufrichtig sei es gesagt, erfüllte mich mit Verwunderung und Schmerz. Mit Verwunderung, sage ich, indem die Ursache, aus welcher die Synode schon dreimal verschoben wurde, mir nicht genügen kann; mit Schmerz, weil ich dabei den größten Nachtheil voraussehe, der unserer soviel versuchungsweise heimgesuchten Kirche durch diesen Aufschub der Synode bevorsteht. Ich zweifle nicht, daß Euere Beatitudo als der erste Steuermann unseres kirchlichen Schiffes in Österreich die Stürme kennen, in welchen sich das Schiff befindet.
    Dieser Umstand nöthigt mich, als einen treuen Sohn, Diener und Wächter unserer Orthodoxie, alle Geheimnisse meines Herzens und meiner Seele vor der gesammten Kirche jetzt – jetzt, da es nämlich noch nicht spät ist zu offenbaren und dadurch mich unverantwortlich zu machen vor dem Richterstuhle der Kirche. Dennoch enthalte ich mich nicht bestimmt zu sagen, daß die Kirche gegenwärtig um Vieles besser und tröstlicher bestehen könnte, wenn jener dreimaliger Aufschub der Synode nicht vorgekommen wäre und wenn bei dem zweiten Termine der Synode wir festgehalten hätten. Um aber meine frühere Meinung zu sagen, ich hätte gewunschen und nach den Satzungen unserer Kirche erwartet, daß Euere Beatitudo noch im vorigen Jahre, als Sie mittelst Allerhöchsten Decrets nach Wien der Berathung wegen in kirchlichen Angelegenheiten berufen worden waren, zugleich und unverzüglich dahin gewirkt hätten, daß auch andere Bischöfe zu demselben Zwecke dahin berufen werden. Da aber dies nicht geschah, so wurde der Grund zu dem unbeschreiblichen, zugleich aber auch nicht mehr zu verbessernden Übel gelegt!
    Es schmerzt mich im Herzen und Seele, wenn ich auf den Unterschied denke zwischen der Lage der Kirche, in welche dieselbe durch das Aufschieben der Synode und durch das Nichtberufen aller Bischöfe noch im verflossenen Frühjahre verfallen ist und zwischen jener Lage, welcher sie sich jetzt erfreuen könnte, falls die Synode zur gehörigen Zeit abgehalten worden wäre!
    Es beliebe Ihnen mir zu glauben, daß diese Verfahrungsweise unsere Achtung bei der Regierung vermindere und daß die Kirche, unsere heiligste Mutter, dabei leide durch die Schuld eigener Söhne. Oder leidet sie nicht, indem sie keinen Trost findet? Wissen müssen wir, daß der Fluch dieser heiligen Mutter und noch dazu der Fluch ihrer vielen, ja vielen treuen Söhne unser Andenken verfolgen wird nicht nur diesseits, sondern auch jenseits unsern finstern Grabes, wenn wir das Geringste vernachlässigen, das ihr nützen könnte. Und was soll ich von der Geschichte sagen, welche ohnehin viel über uns zu reden und zu schreiben wird haben?
    Andere Kirchen in österreichischen Staaten können uns Beispiel geben; diese wirken und bewerkstelligen Vieles, formen sich zu eigenem Gedeihen im Geiste der vom Allergnädigsten Monarchen verliehenen Constitution. Was können wir von unserer Kirche erwarten, wenn wir entweder nichts oder unvollkommen wirken? Es ist möglich, daß man auch bei uns wirkt und es für rathsam findet, es mir, als einem schwachen Gefäße, nicht mitzutheilen; ich würde mich auch dabei zufrieden stellen, wiewohl es nicht genügt, daß, nach den Worten des Bischofdichters, der Armeecommandant die Gefahr oder den Sieg der Schlacht allein wisse und das Heer nicht; ebenso im nationalen Leben ist es nothwendig, daß der Sionswächter seinen Mitwächtern seine Bedürfnisse zeitlich kundgebe.
    Ich bitte, den Inhalt gegenwärtigen Schreibens nicht so zu deuten, als befände sich etwa die Orthodoxie in meiner Diöcese in Gefahr und ich deshalb der Hilfe bedürfte; nein, meine Eparchie, Gott sei Dank, ist außer aller Gefahr, vielmehr sie erbeutet ihre unter 300jähriger Verfolgung ihr abgekürzten Rechte wieder und steht da als jeder und feste Burg ohne Furcht vor Feinden. Nicht also Hilfe suche ich für die mir anvertraute Eparchie, sondern ich richte meine Stimme dahin, daß in der Einrichtung unserer gesammten Kirche in Österreich ohne allen Verzug alles geordnet werde, was ihr Heiligthum und gefahrlose Zukunft von uns verlangt. Über diese dringende Noth sind vermutlich bis jetzt auch von andern Brüdern Bischöfen Vorstellungen zu Euerer Beatitudo angelangt.
    Was den Gesundheitszustand Euerer Beatitudo anbelangt, leid thut es mir, daß derselbe oft durch Krankheit beunruhigt wird, bin aber doch dabei frei in dieser Beziehung aufrichtig meinen Wunsch und meine Bitte zu äußern, daß Sie Ihre Hoffnung auf Gott legen und alle baldigst und zwar unausbleiblich für den Monat August nach Wien wegen kirchlichen Angelegenheiten zu berufen belieben.

    Hermannstadt, 27. Juli [1]850

    Andreas Schaguna m.p.
    gr. n. u. Bischof in Siebenbürgen