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Dokument Franz Joseph Rudigier an Kaiser Franz Joseph
Linz, 18. Oktober 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D294
Regest

Der Bischof von Linz, Franz Joseph Rudigier, unterbreitet dem Kaiser ein schriftliches Promemoria über das Gerücht, dass der Gustav-Adolf-Verein den Ankauf des Stiftes Engelszell plane. Dem Gerücht zufolge plane der Verein dort ein Seminar zur Ausbildung protestantischer Missionare zu errichten. Der Bischof erörtert anschließend einige Gründe, die für den Wahrheitsgehalt des Gerüchtes sprechen. Der kolportiere Plan ist aus der Sicht des Bischofs außerdem ein weiteres Anzeichen dafür, dass der Gustav-Adolf-Verein verstärkt von Bayern aus nach Österreich dränge. Der Bischof betont dann, dass er und die Gemeinde Engelhartszell sich über die Zusicherung des Kaisers, eine solche Gründung verhindern zu wollen, sehr gefreut haben. Rudigier versichert dem Kaiser, dass er alles tun werde, um die Gläubigen in seiner Diözese zu treuen Untertanen zu erziehen.
Beigelegt ist ein Brief des Mandatars des Besitzers des Stiftes an den Gärtner desselben. Der Gärtner wird darin aufgefordert sich zu äußern, ob er – sollte der geplante Verkauf des Stiftes erfolgen – im Dienste des Stiftes, und damit des Gustav-Adolf-Vereins, bleiben oder nach Mondsee versetzt werden möchte.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Abschrift eines Briefes von A. Eschborn an den Gärtner des Stiftes Engelszell. Engelszell, 29. September 1854.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Z. 110/Pr.

    Eure Kaiserlich Königlich
    Apostolische Majestät!
    Allergnädigster Kaiser und Herr!

    Da Eure Majestät in der Audienz am 12. dieses Monates mir allergnädigst erlaubten, über den Gegenstand, den ich Allerhöchstdenselben an jenem Tage vortrug, Eurer Majestät ein Promemoria zu überreichen, so wage ich dieses in tiefster Ehrfurcht in Folgendem zu thun.
    Es liegen sehr beachtenswerthe, beinahe unzweifelhafte Anzeigen vor, daß das ehemalige Cisterzienserstift Engelszell, am rechten Ufer der Donau bei ihrem Eintritte in das österreichische Gebieth gelegen, nunmehr eine Besitzung des baierischen Reichsrahtes Fürsten Wrede, an den Gustav-Adolph-Verein verkauft, und von diesem alldort eine Pflanzschule für protestantische Missionäre angelegt werden soll.
    Meine allerunterthänigste und angelegenste Bitte ging nun dahin, Eure Majestät wollen, wenn etwa der Ankauf dieser Besitzung durch den gedachten Verein nicht verhindert werden könne, wenigstens die Errichtung der Pflanzschule für protestantische Missionäre alldort nicht bewilligen.
    Eure Majestät geruthen in frommer und weiser Würdigung der Nachtheile, welche eine solche Anstalt mitten in einem ganz katholischen Landestheile der Kirche und dem Staate bringen würden, mich mit der bestimmten Erklärung zu erfreuen, daß die Errichtung einer solchen Anstalt nie bewilligt werden könne, und daß es vielleicht auch noch möglich sei, den projektirten Ankauf selbst zu verhindern – eine Erklärung, die überall, wo ich sie mittheilte, Freude erweckte, und namentlich in der Gemeinde Engelszell, der ich sie sogleich nach meiner Ankunft in Linz eröffnete, große Freude erweckt haben wird, nachdem dieselbe durch die Kunde über das fragliche Projekt sehr konsternirt gewesen war.
    Die Gründe für das wirkliche Vorhandensein dieses – beim ersten Anblick unwahrscheinlichen – Projektes sind:
    1. das Schreiben des General-Mandatars des Fürsten Wrede, Dr. Eschborn, an den fürstlichen Hofgärtner Strobl in Engelszell 1, das mir bei Gelegenheit der kanonischen Visitation zu Engelszell am 30. vorigen und 1. dieses Monates in Originali gezeigt wurde, und auch in diesem Augenblicke in Originali vor mir liegt.
    Ich unterbreite gehorsamst davon eine Abschrift.
    2. dem hiesigen landschäftlichen Concipisten und Referenten bei der Grundentlastungsfonds-Direktion, Joseph Edelbacher, der von dem oberwähnten General-Mandatar zu Verhandlungen mit dem Stifte Schlägel wegen des Verkaufes der Besitzung Engelszell aufgestellt worden war, ist, wie ich aus dem Munde seines Bruders, des hiesigen Landesgerichtsrathes Edelbacher, weiß, von dem genannten Mandateur jüngst vor 2 bis 3 Wochen, aufgegeben worden, die Verhandlungen mit Schlägel abzubrechen, mit dem Beisatze, der Fürst wolle seine Besitzung an den Gustav-Adolph-Verein verkaufen.
    3. Was dieses Projekt ferner wenigstens wahrscheinlich macht, wenn auch nicht beweiset, ist der Umstand, daß der Gustav-Adolph-Verein sicherem Vernehmen nach seit Jahren große Summen für protestantische Cultuszwecke in Oberösterreich verwendet, und auf Erlangung eines protestantischen Tempels in Passau auch aus der Ursache ein sehr großes Gewicht legt, weil er von dort auf das nahe Oberösterreich herüberzuwirken hofft. Der Bauplatz zum Tempel in Passau ist bereits angekauft, und die königliche Bewilligung zum Bau ertheilt. Die Nähe zwischen Passau und Engelszell ist unter diesen Umständen ein neuer Grund, das Projekt wahrscheinlich, aber auch ein neuer Grund, es sehr gefährlich zu finden.
    Ich setze nur noch bei, daß dem Bezirksamte und dem Steueramte in Engelszell die Wohnungsmiethe von dem Fürsten bereits gekündet ist.
    Nach allem dem ist kaum zu zweifeln, daß das fragliche Projekt wirklich besteht, und daß es zudem bald ausgeführt werden sollte. Um so größer und inniger ist mein Dank gegen Eure Majestät, den allergnädigsten Schutzherren der Kirche, für das kaiserliche Wort, wonach die Errichtung eines protestantischen Seminars in Engelszell nie bewilligt werden wird. Dieses hohe Wort ist mir ein neuer Sporn, mein Amt treu und freudig zu verwalten, um der katholischen Kirche in Oberösterreich treue Kinder und eben dadurch Eurer Majestät treue, mit Gut und Blut ergebene Unterthanen zu erziehen.
    Gott erhalte und segne Eure Majestät!
    Ich ersterbe in der allertiefsten Ehrfurcht

    Eurer Majestät
    Treugehorsamster
    Franz Joseph Rudigier,
    Bischof

    Linz den 18. Oktober 1854.

    Ad N. 110 Pr.
    Abschrift

    Herrn Hofgärtner Strobl, Engelszell

    Der Unterzeichnete als General-Mandatar Seiner Durchlaucht des Herrn Reichsrathes Fürsten Wrede zu Ellingen soll Sie als fürstlichen Diener von Nachfolgendem in Kenntnis setzen:
    Nachdem die seither mit dem Herrn Prälaten des Klosters Schlägl geführten Verkaufsunterhandlungen über Engelszell zu keinem erheblichen Resultate geführt haben, so soll nunmehr das vom protestantischen Gustav-Adolph-Verein gemachte Anerbieten, Engelszell kaufen zu wollen, und daselbst eine Pflanzschule für protestantische Missionäre, die zugleich in Ökonomie und Bierbrauerei unterrichtet werden sollen, anzulegen. Nachdem der Herr Direktor Prof. Hillebrand zu Frankfurt der diesseitigen Vorstellung ungeachtet, daß an der Gränze von Baiern in dieser österreichischen erzkatholischen Region eine solche Anstalt leicht dem einen oder anderen Theile zum Ärgernis werden könnte, darauf besteht, daß mit seinem Bevollmächtigten, der in diesen Tagen eintreffen wird, der Kauf abgeschlossen werden soll, so gebe ich Ihnen hievon Nachricht, um innerhalb drei Tagen von Ihnen die Erklärung zu erhalten, ob Sie als Hofgärtner mit an diese Missionsgesellschaft übergeben, oder im fürstlichen Dienste verbleiben und nach Mondsee zur Gärtnerei versetzt werden wollen, versteht sich in gleicher Eigenschaft und Besoldung. Mit freundlichem Gruß

    Ihr ergebenster Diener
    Ad. Eschborn m/p

    Engelszell 29. September 1854