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Dokument Joseph Othmar Rauscher an Leo Thun
Wien, 6. Mai 1860
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D582
Regest

Kardinal Joseph Othmar Rauscher macht Leo Thun auf zwei in der Wiener Zeitung publizierte Vorträge des Zoologen Gustav Jäger aufmerksam, welche Rauschers Meinung zufolge materialistisches Gedankengut verbreiten. Rauscher warnt davor, dass sich eine solche Lehre schädlich auf die Sittlichkeit der Menschen auswirken werde. Rauscher bittet, dass sich Thun selbst ein Bild von den Vorträgen mache. Abschließend ruft er die Anträge hinsichtlich der Renovierung des Stephansturms in Erinnerung und bittet die Bearbeitung zu beschleunigen.

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Transkription

    Hochgeborener Graf!

    Ich sehe mich genöthigt, Euere Excellenz auf mehrere Aufsätze aufmerksam zu machen, welche geradezu den Materialismus predigen und dennoch in die Wiener Zeitung Eingang gefunden haben. Dr. Gustav Jäger, über dessen Berufung die Freimaurerclique der allgemeinen Zeitung gejubelt hat, verfolgt die ihm gewordene Aufgabe, zu Auflösung der sittlichen Überzeugungen in Österreich mitzuwirken, mit großer Thätigkeit. Schon im März brachte die Wiener Zeitung von ihm einen populären Vortrag: „Die Pflanzenthiere“.1 Er verdient zwar ganz gelesen zu werden, um aber Euer Excellenz nicht zu viel Zeit zu rauben, bitte nur aus dem beigelegten Blatt vom 3. März die angestrichene Stelle S. 934 zu lesen. Im Mai folgt nun nach einem in der geologisch-botanischen Gesellschaft gehaltenen Vortrage ein Aufsatz über das Erkennen und Begehren der Thiere.2 Auch hier beschränke ich mich auf das Ärgste und Grellste und bitte Euer Excellenz aus dem Blatte vom 5. Mai den Schluß des erwähnten Aufsatzes S. 1888–1889 zu lesen. Indessen ist es nur die Spitze einer consequent fortschreitenden Entwickelung.
    Es handelt sich hier nicht um eine specifisch katholische, nicht einmal um eine specifisch christliche Frage; eine Wissenschaft, welche bei der Läugnung des freien Willens und darum der Zurechnungsfähigkeit ankommt, gehört für das liebe Vieh und nicht für den Menschen. Daß die Darstellung glatt und vorsichtig ist, macht die Sache nur gefährlicher. Wenn in diesem Sinne an der Universität gelehrt und in populären Vorträgen gewirkt wird, wenn sogar das ämtliche Blatt es sich zur Aufgabe stellt, solche Grundsätze zu verbreiten, wohin soll das führen? Ist das sittliche Gefühl nicht ohnehin schon genug abgestumpft? Ist es nicht eine Gewissenssache, ist es nicht eine Pflicht gegen den Staat eben so gut wie gegen Gott und die Kirche Einhalt zu thun? Doch bitte ich vorerst sich durch eigene Einsichtnahme sich von der Tragweite der hingestellten Behauptungen zu überzeugen.
    Ich benütze diese Gelegenheit, um die Bitte um Beschleunigung der Angelegenheit des Stephansthurms zu wiederholen. Vor allen Schwierigkeiten auszuweichen, vergeß ich auf jede, auf die geringste Erhöhung der bereits angewiesenen Summe, welcher man allerdings die Rücksicht auf den elenden Stand der Finanzen entgegensetzen kann. Ich werde auch ohne weitere Beiträge des Staates zum Ziele kommen, wenn ich nur freie Hand habe und der gute Wille der Stadtgemeinde und der Privatpersonen, welche zu Beiträgen bereit sind, nicht entmuthigt wird.
    Übrigens verharre ich mit der vollkommensten Verehrung

    Euer Excellenz

    ergebenster Diener
    J. O. Kard. Rauscher

    Wien, am 6. Mai 1860