Kultus Ungarn

Hochgeborner Graf!

Gestern Abends war der Herr Nuntius bei mir; er ist wiederholt angewiesen auf die Befreiung der Geistlichen von der Zeugenschaft wenigstens in Criminalsachen zu dringen. Ich wünsche zu vermeiden, daß die Sache zu der Ministerconferenz gelangt; es würde ganz nutzlos seyn und blos ein neuer Stoff zu Gerede und Zeitungsartikeln seyn. Die Sache kommt wieder aus Ungarn. Der Bischof von Siebenbürgen richtete bald nach der Wiener Versammlung an den Papst eine Beschwerdeschrift, welche, wie Kardinal Antonelli versichert, tiefen Eindruck gemacht hat. Er machte namentlich geltend, daß in Ungarn und Siebenbürgen die Sache sogar die Gewohnheit wider sich habe, indem die Geistlichen erst seit 1853 genöthigt würden, vor dem weltlichen Gerichte Zeugnisse abzulegen. Ist dieß wahr? Mußten die Geistlichen nicht auch vor 1848 wenigstens in gewissen Fällen als Zeugen auftreten? Ist die neue Ordnung der Dinge nicht schon im Jahr 1849 oder 1850 eingeführt worden? Ich bitte mir darüber zuverlässige Auskunft zu verschaffen.
Übrigens verharre ich mit der aufrichtigsten Hochachtung,

Euer Excellenz ergebenster Diener
J. O. Kard. Rauscher

<Ich bitte Sie zwischen 3 und 5 Uhr zu mir zu kommen und mir mitzubringen die Zuschriften an einige ungarische Bischöfe, die Sie mir in dieser Angelegenheit verfaßt haben, und mir mündlich mitzutheilen, was Ihnen etwa zur Beantwortung der gestellten Fragen weiter eben bekannt ist. Thun>1