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Dokument Joseph Othmar Rauscher an die Dekane der Diözese
Graz-Sekau, 2. April 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D41
Regest

Fürstbischof Joseph Rauscher läd die Dekane seiner Diözese zu einer gemeinsamen Versammlung ein und erklärt, warum sich die Einladung so lange verzögert hat. Als er zum Bischof ernannt worden war, wollte er sogleich die Dekane der Diözese einladen und sich mit ihnen über die Verhältnisse und Bedürfnisse in der Diözese austauschen. Rauscher musste die Einladung jedoch verschieben, weil er im selben Jahr noch zur Bischofsversammlung nach Wien gerufen wurde. Da in der Bischofsversammlung wesentliche Fragen zur Neugestaltung der österreichischen Kirche diskutiert wurden, von deren Lösung die Zukunft bzw. die Stellung der Kirche abhing, konnte er dieser nicht fernbleiben. Nun da die Beratungen in Wien ein Ende gefunden haben, lädt Rauscher alle Dekane ein, sich am 16. April in Graz einzufinden, um mit ihm die Ergebnisse der Bischofsversammlung zu besprechen.

Beilagen, Anmerkungen

Lithographiertes Rundschreiben

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Hochwürdiger Herr Dechant!

    Als die göttliche Fürsehung in einer ernsten Zeit mir die Bürde des bischöflichen Amtes auflegte, beschloß ich sogleich, jene, auf deren Mitwirkung ich vorzugsweise angewiesen bin, um mich zu versammeln, um über die Verhältnisse und Bedürfnisse der mir anvertrauten Gemeinden auf dem kürzesten Wege unterrichtet zu werden. Allein, ich hatte kaum die Leitung meiner Kirche übernommen, als das Herannahen der bischöflichen Versammlung mich nach Wien berief. Die Aufgabe, die unser dort harrte, war groß und mannigfach und der Julius hatte begonnen, bevor ich in meine Diöcese zurückkehren konnte. Im weiten Bereiche der österreichischen Lande harrten alle getreuen Kinder der Kirche mit Sehnsucht des Erfolges und ich hatte Grund zu hoffen, daß ich in nicht langer Zeit über die Entfernung der Hemmnisse, welche die Wirksamkeit der vaterländischen Kirche beirrten, eine erfreuliche Mittheilung würde machen können. Auch erschien es als zweckmäßig, daß die Zusammenkunft benützt würde, um über die Bestimmungen, welche das kirchliche Leben erneuern sollten, Aufklärungen zu geben und über die Durchführung derselben zu berathen. So fand ich mich bestimmt, der Einladung einen, wie ich hoffte, kurzen Aufschub zu geben. Allein, die Angelegenheit vertagte sich. Die Regierung Seiner Majestät übernahm ein Riesenwerk zu vollenden. Die vulkanischen Gewalten des Jahres 1848 sind auch wider Oesterreich furchtbar tobend hereingebrochen; der mächtige Bau eines Staates, welcher 38 Millionen schirmend auffaßte, wurde bis in seine tiefsten Grundlagen erschüttert. Überall galt es das Eingesunkene aufzurichten, das Wankende zu stützen, das Verworrene zu ordnen und die nächsten Bedürfnisse der Rechtsordnung forderten gebieterisch Berücksichtigung. Im November vorigen Jahres rief meine Pflicht als Mitglied des bischöflichen Ausschusses mich abermals nach Wien. Es handelte sich um nichts Geringeres als um die Neugestaltung der österreichischen Kirche und die Natur der Dinge brachte es mit sich, daß manche Schwierigkeit auftauchte. Am 20. Jänner glaubte ich meinen Mitarbeitern im Herrn die Aussicht eröffnen zu können, daß über Fragen von hoher Wichtigkeit eine Entscheidung, welche den Rechten der Kirche Anerkennung zolle, in nächster Zukunft erfolgen werde. Die weitverzweigten Verhältnisse, welche man in allen ihren Rückwirkungen erwägen wollte, führten noch einige Zögerung herbei; doch nun ist der Zeitpunct nahe, in welchem viele und namentlich jene Fragen, von deren Lösung die Stellung der Kirche abhängt, die langersehnte Entscheidung finden werden. Um so mehr beeile ich mich Sie zu ersuchen, spätestens am Abende des 16. April sich zu Gratz[Graz] einfinden zu wollen. Ich zweifle nicht, daß am 17. die bevorstehende Erledigung bereits in die Öffentlichkeit getreten ist. Um so reichhaltiger wird der Gegentand unserer Besprechungen seyn. Sollten Sie sich verhindert sehen, an dieser Zusammenkunft theil zu nehmen, so wird es mich freuen, wenn Einer der Pfarrvorsteher des Dekanates Ihre Stelle vertritt und mich mit seiner Erfahrung und seiner Erkenntnis der örtlichen Verhältnisse unterstützt.
    Empfangen Sie übrigens, hochwürdiger Herr Dechant, die Versicherung meiner Achtung und wohlwollenden Theilnahme.

    Gratz, am 2. April 1850