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Dokument Friedrich Wilhelm Radziwiłł an Leo Thun
Torgau, 24. November 1849
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D17
Regest

Friedrich Radziwill erteilt auf Anfrage Leo Thuns Auskunft über einige Personen, die für eine Stelle an einem Gymnasium bzw. an einer Universität in Frage kämen. Radziwill fühlt sich geehrt von dem Vertrauen, das in ihn gesetzt wird und bedauert die "Verwirrung" aufgrund der Unruhen von 1848. In der Folge teilt Radziwill Leo Thun die Informationen zu den gewünschten Personen mit, die er in Erfahrung bringen konnte. Dabei handelt es sich vorwiegend um Lehrer und Professoren aus Posen. Radziwill schildert jeweils ihre Eignung als Lehrer, ihre politische Haltung sowie ihre Stellung zur katholischen Kirche. Radziwill hofft, Thun mit den Auskünften behilflich zu sein. Schließlich bestärkt er Thun in dessen Reformanstrengungen und betont, dass er diese mit großem Interesse verfolge. Gleichzeitig äußert er jedoch seine Bedenken darüber, dass die Organisation der Gymnasien einem Protestanten [gemeint ist Hermann Bonitz] anvertraut worden sei.

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Transkription

    Torgau, den 24. November 1849

    Theuerster Graf!

    Gleich nach Empfang Ihres Schreibens vom 19. vorigen Monats habe ich die mir nöthig scheinenden Schritte gethan, um die Nachrichten einzuziehen, welche Sie wünschen. Gerade die, welche ich aus officieller Quelle eingezogen und auf deren Mittheilung ich den größten Werth legte, weil ich sie von einem Freunde mir erbeten, der im Ministerio selbst angestellt ist, haben mich bis jetzt im Stiche gelassen, und ich will nicht länger warten, um nicht in Ihren Augen als säumig und lässig zu erscheinen. Der Beweis von Vertrauen und freundlichen Andenken, den Sie mir durch ihren Auftrag gegeben, die unveränderten Gesinnungen, die sich in demselben aussprechen, haben meinem Herzen wohl gethan, ein solches Gefühl hat in den Zeiten, die Gott über uns verhängt hat, einen hohen Werth. Das Herz bedarf der Erwärmung; es ist so viel zerstört worden von dem, auf welchem unsere liebsten Hoffnungen ruhten, daß man mit keiner rechten Freudigkeit für die Zukunft arbeiten kann: Pflichtgefühl und Vernunft müssen an ihre Stelle treten.
    Männer von der Gesinnung, die Sie mit Recht wünschen, sind auch bei uns kaum zu finden: die Verwirrung, welche der vorjährige Umsturz in allen Köpfen angerichtet, ist so groß, daß ein Maaßstab aus der Zeit vor 1848 nicht mehr ausreicht. Was ich über die Personen, welche Sie mir nennen, habe erfahren können, theile ich Ihnen mit.
    Bei dem Marien Gymnasium in Posen sind zwei Personen angestellt, die leicht zu Namensverwechslungen Anlaß geben können. Ein Dr. Matecki (mit einem t), der nicht zu empfehlen ist; er gehört der demokratischen Richtung an, und ein Dr. Małecki (mit dem durchstrichenem l), den ich persönlich nicht kenne, der mir aber aus einer Quelle, die mir Vertrauen einflößt, als ein guter Lehrer und Katholik geschildert worden. Dr. Rymarkiewicz verdient kein Vertrauen; schwacher Charakter und Werkzeug in den Händen der demokratischen Leiter. Milewski in Ostrowo kenne ich persönlich; er ist indes kein Philolog, sondern Mathematiker. Als solcher recht tüchtig; das Jahr 1848 hat ihn zwar auch augenblicklich sehr aufgeregt, er soll aber zur Besinnung gekommen sein und ist ein ehrenwerther Charakter. Außer diesen kann ich Ihnen zwei Männer nennen, die nicht angestellt sind. Ein Dr. Prabudzki [Prabucki], Priester, früher Direktor des Marien Gymnasiums in Posen, guter Philolog und Lehrer, geübter Schulmann, strenger Katholik und ehrenwerther Charakter, indes in seiner consequenten Durchbildung und Überzeugung nicht ohne Schroffheit. Dadurch in entschiedenem Antagonismus mit der philosophisch liberalen Richtung war er mit der im Posen’schen herrschenden Gesinnung entschieden verfeindet, hatte nur die wirklichen Katholiken, also die Minderzahl zu Freunden. Seine Gegner thaten alles, um ihm bei der Regierung zu schaden und ihm seine Stelle zu verleiden. Die Theilnahme einer kleinen Anzahl Schüler der höhern Classen des Gymnasii an der Bewegung des Jahres 1846 brachte ihn mit den Provinzialbehörden, die ihm nicht wohl wollten, weil sie meist in der deutsch liberalen Richtung befangen waren, in einen Conflickt, in welchem er sich formell in Unrecht setzte, was seine Entfernung aus dem Rektorat mit Wartegeld zur Folge hatte. Sie hat für ihn durchaus nichts gravirendes, und ich halte ihn für einen Mann, der bei Ihnen gewiß an seiner Stelle sein würde. Er lebt in Posen und bewirbt sich um eine Pfarre, weil er sich ganz der Seelsorge widmen will; ich weiß also nicht, ob er einen Ruf ins Schulfach wieder annehmen würde. Derselbe Conflickt, der den Dr. Prabudzki vom Marien Gymnasium entfernte, bewog auch seinen nächsten Freund, den Oberlehrer Dr. Ciegielski [Cegielski], zum Austritte; einen guten Philologen, den ich stets habe rühmen hören. Man wollte ihn vortheilhaft in einer andern Provinz anstellen, er nahm es indes nicht an, trat aus dem Lehramte aus und fing ein Handlungsgeschäft in Posen an, das einen guten Fortgang haben soll. Ob er einen Ruf zu Ihnen annehmen würde, weiß ich nicht. Endlich nenne ich Ihnen einen Herrn Strzelecki, der in Krakau als Sekretair bei der Municipalität angestellt ist. Er ist zwar kein öffentlicher Lehrer gewesen, sondern hat sich hauptsächlich dem Berufe als Erzieher in vortheilhaften Stellungen gewidmet; er soll aber einer der besten Schüler des frühern Lyceum’s von Krzemieniec [Kremenez] in Volhynien gewesen [sein], dessen Ruf Ihnen gewiß bekannt ist. Er ist guter Historiker und Numismat und soll in Bezug auf seine religiöse und politische Richtung Vertrauen verdienen; vielleicht könnten Sie ihn bei der Jagiellonischen Universität brauchen.
    Soweit die Materialien, die ich Ihnen bis jetzt schaffen konnte, mögen sie Ihnen nützlich sein. Ich bin Ihrer Wirksamkeit mit lebhaftem Interesse in den officiellen Blättern gefolgt. Sie führen vieles bei Ihren neuen Organisationen ein, das sich bei uns in der Erfahrung bewährt, und haben so viel ich weiß einen preußischen Schulmann 1, der früher in Stettin angestellt war, ins Ministerium gezogen. Sie werden wohl gesehen haben, daß der praktisch brauchbare Mann, ganz auf einer protestantisch philosophischen Basis steht und also in einem überwiegend katholischen Erziehungssysteme nur bedingt zu brauchen ist. Ich kann mich wenigstens nicht von der Überzeugung losmachen, daß Schulen auf einer streng confessionellen Grundlage organisirt werden müssen, und denke auch, daß Sie sich an diesen Grundsatz halten.
    Gott fördere Ihre Thätigkeit: den Ihrigen empfehlen Sie mich angelegentlichst, und genehmigen Sie den Ausdruck meiner alten Freundschaft und herzlichen Hochachtung

    F. Radziwiłł