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Dokument Bericht des Polizeibezirkskommissariats Gumpendorf an die Stadthauptmannschaft
[Gumpendorf], 28. Februar 1851
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D106
Regest

Der Polizeibezirkskommissar von Gumpendorf legt einen angeforderten Bericht zur Ausbreitung des Deutschkatholizismus' in seinem Bezirk vor. Zunächst muss der Kommissar einschränken, dass er auf Grund seiner geringen Zeit im Amt bisher wenig zur Situation sagen könne. Er ist jedoch davon überzeugt, dass der Deutschkatholizismus vor allen Dingen deshalb Zulauf habe, weil der Pfarrer von Gumpendorf kein guter Seelsorger sei. Dieser erfülle seine seelsorgerischen Dienste nämlich nur mit Widerwillen und predige nie selbst. Auch werde der Religionsunterricht nicht vom Pfarrer selbst, sondern von Kooperatoren besorgt. Überhaupt trage der Lebenswandel des Pfarrers dazu bei, dass die Pfarrmitglieder sich von der Religion abwenden. Der Polizeikommissar ist sich daher sicher, dass bei Vorhandensein von genügend guten Seelsorgern und Kanzelrednern der Deutschkatholizismus keine Anhänger finden würde.

Beilagen, Anmerkungen

Verweis auf D108

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Transkription

    Z 1/g

    Bericht!

    Über hohen Auftrag von 25. dieses Z. 306/pr. sich zu äußern, ob die angebliche von Tag zu Tag sich vermehrende Ausbreitung und Regsamkeit der deutsch Katholiken zu Gumpendorf, insbesondere der Lauheit in dem Schulwesen, ganz besonders aber des hiesigen Pfarrers zuzuschreiben sey und wie im Wege der Belehrung und Anregung durch das Schul- und Pfarrwesen dem zu steuern seyn dürfte, muß der gehorsam Gefertigte vor allem bekennen, daß er in Folge der kurzen Zeit seiner ämtlichen Wirkens in Gumpendf. in Angelegenheit der freibezirklichen Deutschkatholiken noch nicht mit ihrem Treiben in der Art sich bekannt machen konnte, daß er mit Bestimmtheit behaupten könnte, diese Secte nehme an Ausbreitung zu oder ab; doch konnte man so viel bereits wahrnehmen, daß fast niemand von dieser Secte spricht und also im allgemeinen doch wenig Theilname haben muß.
    Den Herrn Pfarrer von Gumpendorf anbelangend ist er gerade wie die meisten andern Pfarrer; er ist Pfarrer, aber kein Seelsorger, verrichtet mit Wiederwillen[sic!] gerade wie die meisten Pfarrer seine pfarrämtlichen Verrichtungen, ist barsch gegen Partheien und grob statt liebevoll gegen die um eine Betheilung einschreitenden Armen, prediget nie selbst, weil er Cooperatoren hat und weil er auch wirklich nichts weniger sowohl seiner Person als seines Vortrages nach ein Kanzelredner wäre. Arme Kranke zu besuchen, selbe zu trösten und womöglich entweder selbst zu unterstützen oder aus anderer Quelle unterstützen zu lassen, ist bei den meisten Herren Pfarrer gar nicht recht[?] der Brauch. Der Religionsunterricht der Kinder in der Schule und Christenlehre wird lediglich nur von den Kooperatoren besorgt und so sind die meisten Pfarrer keine Seelsorger und genießen daher auch keine Achtung von Seite ihrer Pfarrkinder. Kommt dann noch hinzu ein zweideutiger Lebenswandel, so wird der gewöhnliche Mensch ganz irre an der Religion und daher die Lauheit in allen, was die Religion betrifft und die Leichtigkeit, mit der manche ihr Religionsbekenntnis wechseln. Und so kann man mit Bestimmtheit behaupten, daß der große Mangel an wahren Seelsorgern und der Mangel an guten Kanzelrednern eine Hauptursache bilden, daß diese Secte der Deutschkatholiken noch immer Zuwachs erhalten kann.
    Wird in der Schule die Jugend von einem Geistlichen unterrichtet werden, der mit jugendlichen Herzen zu verkehren versteht, wird in der Kirche das Wort Gottes von Männern verkündet werden, die sich zu wahren Kanzelrednern herangebildet haben (leider giebt es solche nur wenige, doch orator fit), wird die Pfarrgeistlichkeit bei jeder Gelegenheit stets vor Augen behalten, daß unsere Religion eine Religion der Liebe ist, wird endlich das Sprichwort: In der Kirche sind wir alle gleich, zur Wahrheit gemacht, so wird dieses Machwerk des Deutschkatholicismus von selbst zerfallen, wie ohnehin diese Secte nur mit ihrem Schicksal Unzufriedene oder zur Opposition Geneigte als Anhänger vereiniget.

    k.k. Pol. Bez. Koms. Gumpendorf
    am 28.2.1851
    [?]1