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Dokument Viktor Pierre an Leo Thun
Prag, 20. Mai 1858
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D452
Regest

Der Physiker Viktor Pierre äußert sich über die Eignung des Privatdozenten Wojciech Urbański, Lehramtskandidaten in praktischer Physik zu unterrichten. Pierre betont zunächst, dass er über den Umfang der Venia legendi von Urbański kein Urteil abgeben könne, da dessen Habilitation bereits vor seiner Tätigkeit in Lemberg erfolgt war. Während seines Aufenthaltes in Lemberg kam er jedoch mehrfach mit Urbański in Kontakt und konnte sich so überzeugen, dass dieser fundierte Kenntnisse in mathematischer Physik besitze. Deutlich konnte man dabei den Einfluss der Vorträge von Andreas Ettinghausen erkennen. Dieser Einfluss zeige sich auch in den beiden jüngsten Veröffentlichungen Urbańskis. Andere Arbeiten kann Pierre nicht beurteilen, da sie in Polnisch verfasst sind. Allerdings betont Pierre, dass in den Arbeiten und Gesprächen mit Urbański nur wenige eigenständige Gedanken zu erkennen waren. Pierre erzählt dann weiter, dass er seinen Unterricht in Physik mit Urbański abstimmen wollte, allein jener sah darin eine Beschränkung seiner Lehrfreiheit. Dies führte jedoch dazu, dass Urbański bald keine Hörer mehr hatte. Dennoch will Pierre ihm nicht die Eignung für eine Kanzel der theoretischen Physik absprechen, die Eignung für praktische Physik gehe ihm allerdings vollkommen ab. Außerdem sehe der Privatdozent auf die experimentelle Physik abschätzig herab und zeige gegenüber neuesten Forschungen wenig Interesse. Auch deshalb sei Urbański für den praktischen Unterricht, insbesondere für Lehramtskandidaten gänzlich ungeeignet. Zuletzt dankt Pierre dem Minister für seine Berufung nach Prag und berichtet, dass er das dortige physikalische Kabinett reorganisiert habe.

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Transkription

    Euere Excellenz!

    Nur nach reiflichem Nachdenken und gewissenhaftester Würdigung aller Umstände, erlaube ich mir die in Hochdero gnädigem Schreiben vom 17. dieses Monats gestellten Fragen zu beantworten. Wenn ich vielleicht zu weitläufig scheine, so bitte ich mich damit zu entschuldigen, daß ich so objektiv als möglich zu verfahren und Euer Excellenz in den Stand zu setzen wünsche die Gründe, auf welche ich mein Urtheil basiere, selbst würdigen zu können.
    Der Habilitationsakt Urbańskis fiel in die erste Zeit meines Wirkens an der technischen Akademie zu Lemberg, als Zawadzki die Physik an der Universität vertrat, und ich habe daher weder damals noch später ein competentes Urtheil über die ganze Angelegenheit vernommen. Alsbald jedoch kam ich mit Urbański selbst in mehrfache Berührung, und wir sprachen oft über mathematisch-physikalische Fragen. Durch diesen persönlichen Verkehr gewann ich die Überzeugung, daß der Betreffende sich sehr fleißig mit mathematischer Physik befaßt, und in mehreren Zweigen sich achtenswerte Kenntnisse angeeignet habe. Diese umfassen, so viel ich aus unseren Gesprächen entnehmen konnte, außer den von dem G. Reg. R. v. Ettingshausen in seinen Vorträgen über höhere Physik behandelten Parthien (Gaußische Theorie der Kapillarphänomene, Magnetismus, Statik und Dynamik der Elektrizität und Optik) auch noch die Fourrier’sche Wärmetheorie und die neueren in die mechanische Wärmelehre und Elektrodynamik einschlägigen Arbeiten. Auch mit theoretischer Astronomie hat er sich beschäftigt, doch wurde darüber nicht viel zwischen uns verhandelt, und scheinen mir seine Ansichten in manchen Punkten nicht völlig klar und einer zureichenden Kenntnis der objektiven Daten entbehrend. Über diese Dinge will ich mir indessen kein bestimmtes Urtheil erlauben. Was er sonst noch gearbeitet, ist mir, weil in polnischer Sprache geschrieben, zumeist unbekannt, und das Urtheil anderer muß ich hier gänzlich bei Seite lassen. Eine in deutscher Sprache abgefaßte mathematisch-physikalische Abhandlung in einem Gymnasialprogramme und das erste Heft seiner eben erscheinenden mathematischen Physik sind ganz abgesehen von der Frage nach dem geistigen Eigenthume lobenswerthe Redaktionen der Ettingshausen’schen Vorträge. Selbstständigkeit der Behandlung, mit Ausnahme rein formeller Nebendinge, hat er indessen weder im Umgange, noch in seinen mir bekannten Arbeiten entwickelt.
    Was seine Verwendung als Privatdocent betrifft, so war selbe nur so lange von Bedeutung, als Zawadzki, dem die mathematische Analyse eine terra incognita war, neben ihm als Professor fungirte; von dem Augenblicke an, als ich meine Wirksamkeit an der Universität begann, war die seine, einzig und allein durch seine Starrsinnigkeit nur mehr nominell geworden. Ich hatte nämlich, eine zweckmäßige Vertheilung des Materiales auf zwei Lehrkräfte im Interesse der Lehramtscandidaten für höchst ersprießlich erachtend, ihm ganz freundschaftlich vorgeschlagen, wir sollten uns vor Ankündigung unserer Vorträge über die von jedem von uns zu wählenden Parthien verständigen. Er glaubte darin eine Beschränkung der Lehrfreiheit zu sehen, und ich ließ ihn ruhig gewähren. Die leicht vorauszusehende Folge davon, daß er mit den meinigen parallel laufende Vorträge ankündigte, war die, daß er keine Zuhörer fand, mehrere Semester gar nicht las und überhaupt nur darum von Zeit zu Zeit im Lektionskatalog auftrat, um seine Dozentenbefugnis nicht zu verlieren.
    Nichtsdestoweniger werde ich jedoch, auf Grundlage meiner persönlichen Überzeugung mich stets dahin aussprechen, daß Urbański ganz wohl im Stande ist, eine Lehrkanzel der theoretischen (mathematischen) Physik mit Nutzen zu versehen. Ein minder günstiges Urtheil muß ich über seine praktische Befähigung fällen. Nicht der Umstand, daß ihm bisher die Gelegenheit zur praktischen Durchbildung fehlte, flößt mir Bedenken ein, sondern seine durchaus einseitige, mathematische Richtung und prinzipielle Geringschätzung der physikalischen Praxis. Arbeiten, welche keine Differenzial- und Integralzeichen enthalten, sind in seinen Augen höchst untergeordnete, und seine einseitige Auffaßung des Zweckes und der Bedeutung der Analysis auf dem Gebiethe physikalischer Forschung dürften Euer Excellenz daraus entnehmen können, daß er mir gegenüber allen Ernstes behauptete, alle Ergebnisse mathematisch-physikalischer Untersuchungen seien, insoferne sie keine Fehlschlüsse enthalten, als solche schon Naturgesetze, die einer Bestättigung durch die Erfahrung nicht erst bedürften. Auch hält er an dem Glauben fest: wer auf mathematischem Felde zu Hause sei, werde alles Übrige leicht von selber treffen. Dies ist aber nach meinen, an mir selbst und an meinen Schülern gemachten Erfahrungen durchaus nicht der Fall, und gerade in Galizien habe ich in dieser Hinsicht wenig erfreuliche Erfahrungen gemacht. Bei hoher Meinung von sich selber erwiesen sich mir die polnischen Kandidaten, ein paar ehrenvolle Ausnahmen abgerechnet, meistens sehr unanstellig; den Hang zur Schluderei und Unsauberkeit, der leider! auch anderwärts zu finden und die Ursache des traurigen Aussehens so vieler physikalischer Kabinette ist, kann man ihnen mit größter Mühe kaum abgewöhnen, und ihre Energielosigkeit vermöge welcher sie nur mit Widerstreben dahin zu bringen waren, sich durch die jedem Anhänger entgegentretenden Schwierigkeiten von erneuertem Anlaufe nicht abschrecken zu lassen, hat mir oft Verdruß gemacht.
    Ich glaube daher, daß gerade unter solchen Verhältnissen zur Leitung der praktischen Ausbildung der Candidaten ein Mann erforderlich ist, der selbst tüchtig geschult und seiner Sache in dem Grade gewiß ist, daß er in jedem Falle die Gründe des Mißlingens eines Versuches schnell und richtig zu erkennen und die Schüler anzuleiten vermöge, die Fehlerquellen methodisch zu suchen und sicher aufzufinden. Derlei Eigenschaften erwirbt man sich aber nicht sobald, am wenigsten aber dann, wenn man bei gänzlicher Unkenntnis der Methode des Experimentierens, dasselbe einfach als untergeordnete Schaustellung behandelt. Auch war es nicht bloß mir, sondern auch anderen aufgefallen, daß Urbański nie das geringste Interesse zeigte, die mitunter höchst wichtigen Erscheinungen, mit welchen die neuesten Forschungen den Schatz unserer Erfahrungskenntnisse bereicherten, trotz der an ihn ergangenen Einladungen kennen zu lernen.
    Die an der Lemberger Universität bestehende physikalische Werkstätte ist ebenfalls ein zu berücksichtigendes Institut. Dasselbe wird nur dann ersprießlich wirken, wenn es unter einer völlig fachkundigen Oberleitung steht. Mechaniker Leopolder ist nämlich ein sehr fleißiger und tüchtiger Arbeiter, aber nebenbei ein echtes Wienerkind, dem man zu imponiren verstehen muß, was eben nur dadurch möglich ist, daß man ihm bei jeder Gelegenheit Beweise von Überlegenheit auf praktischem Felde liefert.
    Alle diese Umstände veranlaßten mich schon damals, als es sich um die Supplirung der Lehrkanzel handelte, die Zuläßigkeit Urbańskis nur bedingterweise zuzugestehen und mein Urtheil dem Professorenkollegio gegenüber beiläufig in derselben Weise, wie im Voranstehenden, zu motiviren. Ich wurde deßhalb von gewisser Seite lebhaft angegriffen, aber selbst meine (übrigens nicht sachverständigen) Gegner konnten nicht umhin einzuräumen, daß meine Darstellung der Sachlage eine würdevolle und ehrenhafte sei, und ich darf umso mehr hoffen Euer Excellenz werden in dem Endurtheile: Urbański sei für die praktische Ausbildung von Lehramtscandidaten bestimmt nicht geeignet, für jede Lehrkanzel aber, bei welcher diese Richtung nicht in Frage kommt, jedenfalls empfehlenswerth – nur den Ausdruck der Überzeugung und der Rücksicht auf das allseitige Gedeihen des physikalischen Unterrichtes in Galizien zu erblicken geruhen.
    Bevor ich schließe, erlaube ich mir noch Euer Excellenz um Vergebung zu bitten, daß ich es bisher unterließ für das ehrenvolle Vertrauen, welches mich an die Prager Universität berief, und die gnädige Zuerkennung eines Übersiedlungskostenbeitrages untertänigsten Dank zu sagen. Meine pekuniären Verhältnisse sind durch die Übersiedlung und das dringende Bedürfnis einer umfassenderen Ergänzung meiner litterarischen Hilfsmittel, zu welcher mir in Lemberg fast alle Gelegenheit fehlte, so äußerst beschränkt geworden, daß ich die Kosten einer Reise nach Wien nicht wohl zu erschwingen vermochte und meine Konfinierung zu Prag zur schleunigsten Beseitigung des traurigen Zustandes, in welchem ich das physikalische Museum und Laboratorium auch hier vorfand, nach Möglichkeit zu benützen gezwungen war.
    Indem ich es wage, Euerer Excellenz Aufmerksamkeit auf den dießfälligen Bericht, welchen ich demnächst zu unterbreiten beabsichtige, im Vorhinein hinzulenken, habe ich die Ehre mich in tiefster Ergebenheit zu zeichnen

    Euer Excellenz
    unterthänigster
    Pierre

    Prag, 20. Mai 1858