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Dokument Johann Padlesák an Leo Thun
Prag, 31. März 1860
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D565
Regest

Der Priester Johann Padlesák sendet Leo Thun das Manuskript des Lehrbuches "Allgemeine Unterrichtslehre" und die Verbesserungs- und Korrekturvorschläge zu diesem, die er nach der Prüfung des Werks verfasst hat. Zunächst erklärt er, dass sich die Prüfung lange verzögerte, da es Unklarheiten gegeben habe, ob er das ganz Buch oder nur Teile desselben prüfen solle. Er beauftragte außerdem den Autor, einige Änderungen am Manuskript vorzunehmen, was ebenfalls Zeit in Anspruch genommen hatte. Trotz der vorgenommenen Änderungen ist Padlesák mit dem Manuskript nicht vollkommen zufrieden. Er bezieht sich dabei vor allem auf eine fehlende philosophische Durchdringung des Stoffes und sprachliche Mängel bei der Darstellung.

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Transkription

    Hochgeborner Graf!
    Euere Excellenz!

    Ich habe heute das Manuskript “Allgemeine Unterrichtslehre“ nebst meiner Rechtfertigung – an das hohe k.k. Ministerium und zu Euerer Excellenz hocheignen Händen addressirt – dem derzeitigen Universitätsrektor Dr. Reuss zur Einsendung übergeben.
    Die besonderen Umstände, welche diese verzögerten, lagen nicht in meiner Gewalt. Denn nach meiner Auffassung des hohen Auftrages Euerer Excellenz hatte ich das Werk bezüglich jener Abschnitte, die in philosophische Disciplinen einschlugen, mit dem Verfasser einer sorgfältigen Durchsicht zu unterziehen, bey etwa nöthigen Verbesserungen derselben mit Rath und That zu unterstützen, das Manuskript aber mit meinem Urtheile, wie weit der Zweck erreicht sey, an Euere Excellenz einzusenden.
    Ich hielt mich demnach nicht nur in ersterer, sondern auch in letzterer Beziehung zu einer Prüfung des ganzen Werkes verpflichtet. In ersterer, weil die Pädagogik sammt der Didaktik, die nur ein Zweig jener ist, zumeist auf rein philosophischen Gebieten sich bewegt und eben deshalb von vielen, z. B. der ganzen Herbart’schen Schule geradezu als ein integrirender Theil der praktischen Philosophie behandelt wird.
    Sollte ich aber ein Endurtheil über das Ganze abgeben, so verstand sich die Prüfung von selbst und es schien zweckmäßiger, die etwa nöthigen Abänderungen sogleich vorzunehmen, als durch weitere Verhandlungen den Druck des Werkes zu verzögern.
    Ich kannte aber weder den Verfasser noch sein Manuskript, als mir schon von zwey Seiten bedeutet wurde, ich hätte nur den rein psychologischen Theil zu prüfen – eine Ansicht, die später auch der Verfasser kund gab. Ein Ausweg aus einer für mich bedenklichen Situation war mir also von selbst gebothen, die Klugheit rieth, ihn zu ergreifen, als ich sah, was hier vorliegt. Aber Euere Excellenz zu hintergehen und was dasselbe, die gute Ruhe aus Feigheit zu verrathen, war gegen mein Gewissen. Da ich zugleich dem Verfasser meine Ansicht über den Sinn des hochgeneigten Auftrages nicht aufdringen konnte, entschloß ich mich zu meiner gehorsamsten Bitte vom 16. November vorigen Jahres um nähere Weisung.
    Als diese nicht erfolgte, ward meine Lage schwieriger, der Verfasser hielt seine Ansicht für die richtige. Ich befragte wieder nur mein Gewissen und die Verpflichtung gegen Euere Excellenz und begann einen Auszug aus dem ganzen Werke zu verfassen und übergab ihn sammt meinen beygefügten Bemerkungen dem Autor mit dem Ersuchen ihn durchzulesen. Es erfolgten hierauf weitere und mehrfache Besprechungen und er nahm freywillig mehrere von mir beantragte Abänderungen auf. Nur als ich darauf hinwies, daß aber auf dem rein psychologischen Gebiete Einiges vor der Drucklegung ganz beseitigt, Anderes ganz umgearbeitet werden sollte, bemerkte er, daß er zu einer solchen eingreifenden Änderung den früheren Beurtheilern, selbst dem hohen Ministerium gegenüber sich nicht mehr ermächtigt halte. Hiemit schien mir auch meine Aufgabe beendet. Ich schrieb nun eine Rechtfertigung der immerhin zahlreichen über das Ganze verbreiteten kurzen Abänderungen, soweit ihre Nothwendigkeit nicht von selbst jedem einleuchtet und nahm auch die Verantwortung für das, was durch meine Veranlassung geändert wurde, mit Beruhigung auf mich. Meine weiteren dabey angeführten Wünsche dürften vielleicht bey einer zweiten Auflage des Werkes einige Rücksicht verdienen. Manche von mir bezeichneten Stellen könnten unbeschadet des Ganzen wohl auch vor der ersten Drucklegung wegfallen.
    Wenn ich nun auch glaube, daß das Werk mehrfache Verbesserungen (und unter diesen selbst Berichtigungen von Widersprüchen) erfahren hat, so kann ich es doch auch jetzt nicht für ganz gelungen erklären. Der Verfasser ist ein in seinem Berufskreise ausgezeichneter Schulmann, von Erfahrung und achtungswerthen Kenntnissen. Aber all sein Fleiß und seine gewiß seltene Ausdauer konnten den Mangel philosophischer Durchbildung und jener Vertrautheit mit dem Stoffe, wie vorliegendes Werk sie theilweise fordert, doch nicht überall ersetzen, auch ist seine Sprache oft weniger kernig und präcis, als ein Lehrbuch sie verlangt. Hier könnte nur durch eine theilweise gänzliche Umarbeitung abgeholfen werden.
    Indem ich hier Rechenschaft über mein Verfahren in dieser Sache lege, bin ich mir vollkommen bewußt, nichts versäumt und auch nichts veranlaßt zu haben, was meine persönliche Hochachtung für Euere Excellenz, die ich unter allen Umständen bewahrte, sowie meine Dankbarkeit und ganze Berufsstellung nicht zur Pflicht machten – und daß ich vielleicht nicht klug, aber nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt habe. Genehmigen Euere Excellenz, daß ich mich mit der gewohnten aufrichtigen Anhänglichkeit und Verehrung zeichne

    Euerer Excellenz

    gehorsamst ergebener
    J. Padlesak
    k.k. Professor

    Prag, am 31. März 1860