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Dokument Abschrift eines Briefes ohne Absender und ohne Adressat
Liblin, 18. Januar 1850
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D30
Regest

Der nicht genannte Schreiber schildert seine Meinung zur Gründung und Zukunft der Zeitung „Morawské Nowiny“ („Mährische Zeitung“). Er war von Leo Thun aufgefordert worden, das im November 1848 neugegründete Blatt zu unterstützen. Er will dies gerne tun, sobald sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Der Schreiber sieht in der Zeitung eine Möglichkeit, die gemäßigten nationalen Kräfte zu fördern und gegen die radikale Blätter aufzutreten. Allerdings bezweifelt er, dass der Chefredakteur Franz Klacél der richtige Mann für diese Aufgabe sei, außerdem seien seine politischen Ansichten zweifelhaft. Zudem glaubt der Schreiber, dass Klacél zu wenig Einfluss habe. Zum Beweis führt er einen Artikel desselben an. Schließlich betont der Schreiber, dass die Zeitung – soll ihre Existenz und ihr Einfluss gesichert werden – große finanzielle Unterstützung benötige. Außerdem sei es nötig, unverbrauchte Redakteure zu gewinnen. Die Strategie der Zeitung müsse sein, den Aufwiegelungen der radikalen Zeitungen eine gemäßigte Stimme entgegenzusetzen.

Beilagen, Anmerkungen

Ungezeichnete Abschrift eines Briefes ohne Absender und Adressat.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Euer Wohlgeboren!

    Graf Leo Thun theilte mir unlängst Ihr Schreiben an ihn mit und sandte mir das Nr. 1 des Morawské Nowiny und forderte mich auf, die Sache zu fördern, wenn ich dazu Gelegenheit haben sollte.
    Allerdings habe ich jetzt noch wenig Gelegenheit dazu, glaube aber, daß sich mir mit der Zeit mehr biethen wird, und will sie wenn und so oft sie sich mir biethet, recht fleißig benützen. Zum Beweise hievon nehme ich mir die Freiheit, wenn auch unbekannterweise, direct an Sie zu schreiben.
    Was Sie über die Rolle, welche Mähren in der österreichischen Politik spielen könnte, sagen, ist vollkommen richtig; Mähren ist schon durch seine geographische Lage zwischen Böhmen, der Slovakei und Schlesien vorzüglich dazu geeignet, und wird keine Eifersucht erwecken. Es ist ferner richtig, wie das förderndste Mittel hiezu eine Journalistik ist, in welcher das besonnene Verfolgen aller jener nationellen Zwecke, welche mit dem wahren Wohle der Nation und – da dies von dem Bestande Oesterreichs bedingt wird – auch mit dem Bestande und der Kraft Oesterreichs vereinbar sind, vorherrschend ist.
    Graf Thun hat ebenso recht, wenn er vor allem wünscht, daß das Haupt der slavisch-nationellen Parthei in Mähren sich durch irgendeine Manifestation den Rücktritt von der Verfolgung obiger Tendenz unmöglich macht.
    Ich glaube aber, daß sich Thun sehr irrt, wenn er Klácel für das Haupt dieser Parthei haltet, und glaube, daß auch Sie irren, wenn Sie den Artikel „Učel a prostředky“ [Zweck und Mittel] als eine Bürgschaft nehmen, daß Klácel Ihre obige Tendenz ehrlich verfolgen wird, und wenn Sie die Fundamentspunkte dieser Tendenz, in diesem Aufsatze wiedergegeben finden. Der bewußte Artikel ist ein confuses Gemisch von Hegelischer, Herbartianischer usw. Philosophisterei, ist bitter gegen die anderen Nationalitäten, was die Einheit und Kraft Oesterreichs und folglich auch das Wohl der österreichischen Slaven nicht fördert, – und sagt endlich in praktisch-politischer Hinsicht gar nichts Anderes als: daß man an der Constitution vom 4. März festhalten solle: Dies ist aber heute keine Concession mehr, welche die Ultra-Nationellen und Demagogen der guten Sache machen, sondern es ist ihr eigener einziger Halt, und deshalb finden Sie diesen selben Satz in allen oppositionellen und Ultra-Blättern ebenfalls aufgestellt; ja, die deutschen Narodní Nowiny [Die Nationalzeitung], welche sich auch „Union“ nennen, gehen in ihrer Nummer 29 bereits so weit, daß sie recht eindringlich davor warnen, von dem § 123 1 nur ja keinen Gebrauch zu machen. Das Nr. 12 der Narodní Nowiny bringt einen Artikel aus den „Morawské Nowiny“ unter dem Titel „ex srdce morawského“ [aus dem Herzen Mährens], welcher so vollkommen in das Horn des Ultra-Čechismus in Böhmen bläst, daß dieser auf diese Art nicht isolirt werden wird. Rüksichtlich der Politik hat nun Klácel nicht mehr gethan als Hawliček, Pinkas, Palacký usw. und hinsichtlich der Vertretung der Nationalität, scheint er mir mit der Parthei der Narodni Nowiny durchaus Hand in Hand zu gehen; mit dem einzigen Unterschiede, daß er weint, wo sie fluchen.
    In welchem Ansehen Klácel in Mähren steht, und welchen Einfluß er dort ausübt, weiß ich nicht; kann Sie aber versichern, daß beides, sein Ansehen und sein Einfluß, in Böhmen sehr beschränkt ist, und weiß aus ganz verläßlichen Quellen, daß es sich die Narodni Nowiny zum Grundsatze gemacht haben, ihm insoweit entgegenzutreten, und gerade so viel lächerlich zu machen und zu verdächtigen, daß sein Blatt nur jene geringe Verbreitung finde, die es bis jetzt gefunden hat, diese Gränze der Anfeindung aber gewiß nicht zu überschreiten, damit die Redaction dem Klácel nicht abgenommen werde, indem schwer ein Redakteur eines offiziellen Organs gefunden werden dürfte, der die Narodni Nowiny theils direct theils indirect so gut unterstützt, wie Klácel.
    Soll also Ihr Plan in Ausführung kommen, so ist es vor allem nöthig, um andere ausgiebigere Mittel, d. h. einerseits um Geld, andererseits um neue noch unabgenützte Namen zu sorgen. Sind diese Mittel zur Stelle geschafft und in dem Maße gesichert, daß man 2-3 Jahre lang aushalten kann, dann ist es an der Zeit vorzutreten, und dann werden die folgenden Jahre auch den Verlust der ersteren ersetzen, bis dorthin aber glaube ich kaum, daß wir etwas anderes thun können, als den Vorpostenkrieg fortzuführen, und den Feind sich selbst aufzehren zu lassen.
    In Prag haben diesen Vorpostenkrieg die Pražské Nowiny bereits ernstlich begonnen und werden ihn hoffentlich ebenso fortsetzen. Der Grundplan aller Operationen muß seyn: die Inconsequenzen der Ultra-Blätter jedesmal hervorzuheben, und dann jedesmal zu schließen, daß derjenige Volkslehrer, der so vorgeht, entweder ein Betrüger, oder ein Unwissender, in jedem Falle aber zum Volkslehrer nicht nur untauglich, sondern als solcher dem Volke selbst gefährlich ist. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen diejenigen Nummern der Pražské Nowiny, welche vorzüglich in diesem Sinne vorgehen werden, seiner Zeit zu senden, wenn Sie nicht anderweitig Gelegenheit haben, dieses Blatt zu lesen.
    Ganz in diesem Sinne sollten auch die Morawské Nowiny vorgehen, und außer ihnen die Slowanské Nowiny in Wien; jedes Blatt der slavischen Ultra-Presse überhaupt, vorzüglich aber jenem Blatte negirend entgegentretend, welches an ihren eigenen Absatzorten am meisten gelesen wird. Daß nun Klácel so auftreten wolle, bezweifle ich und glaube selbst, daß er es nach seinem früheren unbestimmten Verhalten gar nicht kann, wenn er auch wollte. In dieser Behauptung bestättigt mich z. B. gleich wieder das Nr. 30 der Union, welche ich gerade erhalte. Dieses Blatt erzählt, wie die Morawské Nowiny eine lächerliche deutsche Einladung von Schneidergesellen als Beweis anführet wie Mähren vorzüglich slavisch sey. Ich habe vor wenigen Stunden den beiliegenden böhmischen Zettel erhalten, und kann Documente von derartigem cechischen Styl und Orthographie zu Tausenden beibringen; und nicht nur von einzelnen Personen, sondern auch von Cooperationen, Stadtverordnetencollegien usw. die schwerer ins politische Gewicht gehen, als die Holleschauer Schneiderzunft. Was würde Herr Klácel sagen, wenn ich sie in einem deutschen Blatte veröffentlichen und als Beweis anführen wollte, daß diese Leute (die kein Wort deutsch verstehen) Deutsche seyn müssen und folglich meine Gegend (die durchaus čechisch ist) eine deutsche seyn müsse, weil die Leute schlecht čechisch schreiben?!
    Verzeihen Sie, daß ich so aufrichtig mit Ihnen spreche, es geschieht gewiß nur aus warmer Theilnahme für Ihren ebenso patriotischen als gut basirten Plan. Ich habe aber seit 2 Jahren so viele, ebenso patriotische und ebenso richtig combinirte Pläne daran scheitern sehen, daß man auch nicht genügende Mittel ergriff, und glaube, daß es Ihnen ebenso ergehen wird, wenn Sie Klácel hiezu verwenden oder überhaupt damit vortreten wollen, bevor Sie sich tüchtiger Organe und tüchtiger Geldkräfte versichert haben.
    Ich erlaube mir ferner Ihnen bei dieser Gelegenheit meinen Aufsatz „O rakouském Krajanstwí“ [Über die österreichische Landsmannschaft] einzusenden, Sie ermächtigend, jeden Ihnen beliebigen und passenden Gebrauch davon zu machen. Er dürfte Ihnen Gelegenheit biethen zu erfahren, welche Gränzen Klácel seinen nationellen Zwecken steckt. Dieser Aufsatz, welcher deutsch in der „Wage“ erschien, hat in Prag Aufsehen gemacht, wird aber von allen demagogischen ultracentralistischen und nationellen Blättern, sowohl čechischen als deutschen durchaus nicht besprochen, weil ihnen natürlich, dem einen wie dem anderen, unendlich viel daran liegt, daß die österreichische Landsmannschaft nicht geweckt werde.
    Mich nochmals entschuldigend

    Euer Wohlgeboren

    ergebener Diener

    Liblin, Post Rokycan, den 18. Jänner 1850