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Dokument Auszug aus einem Brief ohne Absender, ohne Adressat
o. O., 18. August 1849
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D3
Regest

Ein nicht genannter Schreiber äußert sich in diesem Schreiben besorgt über die vom Freiburger Theologen Johann Baptist Hirscher veröffentlichte Schrift „Die socialen Zustände der Gegenwart und die Kirche“. Der Schreiber ist davon überzeugt, dass dies nachteilige Folgen für die katholische Kirche haben werde, insbesondere weil sie den niederen Klerus gegen die Bischöfe aufstachele. Er ist daher auch überzeugt, dass der Heilige Stuhl in Kürze ein Anathema gegen Hirscher aussprechen werde. Sorgen bereitet dem Schreiber, dass Leo Thun sich mehrmals günstig über Hirscher geäußert hat. Der Schreiber kennt und schätzt den Minister und hält es deshalb für geboten, dass Thun seine Meinung revidiere. Andernfalls böte er seinen zahlreichen Gegnern eine leichte Angriffsfläche. Da der Schreiber Thun aber für den am besten geeigneten Mann auf dem Posten des Unterrichts- und Kultusminister hält, müsse man Thun von seinem Irrtum abbringen und einstweilen dafür sorgen, dass er sich vorerst nicht mehr zu Hirscher äußere.

Beilagen, Anmerkungen

Auszug eines Briefes ohne Absender und Adressat.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    <Mir von Fürst Felix Schw[arzenberg] damals übergeben> 1

    Auszug aus einem Schreiben ddt. 18. August 1849

    Professor Hirscher in Freiburg hat eine Schrift („Die kirchlichen Zustände der Gegenwart“) 2ausgehen lassen, welche, wenn nicht ein halbes Wunder den natürlichen Lauf der Dinge hemmt, Bewegungen im katholischen Deutschland hervorrufen wird, neben welchen das Rongescandal 3als ein weit geringeres Übel verschwinden dürfte. Das Wichtigste und Übelste daran ist, daß sie die Fahne der Rebellion des niedern Clerus gegen die Bischöfe aufpflanzt. Was das deutsche Episcopat dagegen thun wird, weiß ich zur Stunde noch nicht. Was ich aber aus gewissen, mir bekannten Prämissen heute schon mit Bestimmtheit voraussagen kann, ist ein Anathem 4vom Heiligen Stuhle, welches in wenigen Monaten, vielleicht noch früher, erfolgen wird:
    Nun weiß ich ex certa scientia, daß Graf Thun sich über Hirscher und seine neueste Schilderhebung mit Enthusiasmus geäußert hat.
    Ich kenne den Grafen persönlich und seine Äußerungen machen mich nur besorgt, aber nicht irre in meiner, sonst sehr günstigen Meinung über seinen Character und seine Denkweise. Er kennt aber gewisse factische Verhältnisse nicht und hat sich mit jenen Fragen nie ex professo beschäftiget. Zudem ist die Hirscher‘sche Schrift mit großer List und Kunst, gerade auf die Berückung edler, aber der Sache unkundiger Gemüther berechnet. Auch habe ich die eben mitgetheilte Notiz nicht aus dem Berichte solcher geschöpft, die dem neuen Minister übel wollen, sondern die ihn aufrichtig hochverehren und in anderen Beziehungen, namentlich in Betreff seiner richtigen Würdigung des Einflusses der Kirche auf die Wiederherstellung der Ordnung im Staate, nicht genug rühmen konnten. Ich bin bis jetzt noch immer der Meinung, dass die Wahl des Grafen L[eo] T[hun] die beste war, die getroffen werden konnte.
    Desto nothwendiger ist es, ihn zu conserviren. Zu diesem Ende muß um jeden Preis verhütet werden, daß er seine oben bezeichnete Ansicht von der Hirscher’schen Sache fixirt. Ein offener und fester Character, wie Graf T[hun] wäre unfähig, nicht nach seiner einmal festgestellten Auffassung zu handeln und die weitere Folge davon könnte keine andere sein, als 1) in allerkürzester Frist maaßloses Unheil und unheilbare Verwirrung (namentlich in Böhmen!) und 2) als letztes Resultat derselben, daß er selbst im Laufe eines halben Jahres „unmöglich“ wäre. Die Aufgabe ist also: zu bewirken, daß er sein Urtheil einstweilen suspendire, guten Rath höre, nach und nach seine Meinung berichtige, einstweilen aber sich aller Äußerungen enthalte, die denen, welche jetzt die Revolution auf das Gebieth der Kirche verpflanzen wollen, Hoffnungen erregen, die Katholiken aber mit Mißtrauen erfüllen, überhaupt Vielen, die ihm nicht wohl wollen, Waffen gegen ihn in die Hand geben könnten.