Leopold Neumann an Leo Thun
Wien, 13. April 1851
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Bildungssystem Österreich Osmanisches Reich

Excellenz!

Kiamil [Kemal] Effendi, welcher in Folge von Briefen, die er gestern aus Constantinopel erhalten hat, bereits morgen (Montag) seine Rückreise antritt, bedauert sehr aus diesem Grunde die hiesigen Cabinette und Collegien nicht mehr besehen zu können. Er erstattet seinen verbindlichsten Dank für die ihm von Eurer Excellenz gewidmete Aufmerksamkeit und bittet, die ihm versprochenen sämmtlichen Gesetze und Réglements über das österreichische Studienwesen der ottomanischen Bothschaft für ihn gefälligst übermitteln zu wollen. Ich hatte mit ihm eine sehr lange Unterredung, in welcher ich mich bemühte, so viel seine ziemlich oberflächliche Kenntnis der französischen Sprache und noch mehr seine trotz aller Reisen ganz eigenthümliche Anschauungsweise es mir möglich machten, ihm die Grundzüge unserer Schuleinrichtungen verständlich zu machen. Er schien lebhaftes Interesse an meinen Mittheilungen zu finden, machte mehrere Aufzeichnungen und bath mich, mir von Constantinopel aus durch seinen der französischen Sprache vollkommen kundigen Secretär in der Folge schreiben zu dürfen, worauf ich natürlich meine Bereitwilligkeit, ihm jede gewünschte Aufklärung geben zu wollen, erklärte. Schließlich stellte er mich noch dem Bothschafter vor, und wir schieden als die besten Freunde. Solchergestalt entledigte ich mich, so viel es die Umstände zuließen, des mir gewordenen Auftrages gegenüber von dem verehrlichen Herrn Inspecteur général des écoles de l’Empire ottoman und verharre dies berichtend

Euer Excellenz

ehrfurchtsvoll ergebenster Diener
L. Neumann

Wien, 13.4.1851