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Dokument Ferdinand Marckwort an Leo Thun
Washington, 27. Juni 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D264
Regest

Der Schriftsteller Ferdinand Marckwort berichtet Leo Thun von seiner Reise in die Vereinigten Staaten von Amerika und Kuba. Zunächst hatte er die Südstaaten der USA besucht und sich dort besonders über Handel und Sklaverei informiert. Anschließend ist er nach Kuba gereist, das ja auf Grund von kriegerischen Auseinandersetzungen mit den USA in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten war. Er glaubt, dass der Konflikt nur durch die Errichtung einer selbständigen Monarchie auf Kuba und Schutz derselben durch die europäischen Mächte gelöst werden könne. Er ist außerdem der Meinung, dass man durch die Förderung des monarchischen Elementes in Nord- und Südamerika auch die Ausbreitung der Demokratie verhindern könne. Marckwort berichtet dann, dass er vor kurzem nach Washington zurückgekehrt sei, wo er einige bedeutende Politiker der USA kennenlernen durfte. Allerdings äußert er seine Ansicht, dass die politische Klasse dort derzeit über keine echten Staatsmänner verfüge. Auch sieht er die Macht der Politiker bedenklich eingeschränkt und den Schritt zur gefährlichen Alleinherrschaft des Volks nah. Insgesamt äußert er sich kritisch zu der Entwicklung des politischen Systems der USA. Kritisch spricht er sich auch über die kriegerische Expansion des Landes aus. Am Ende zieht er sogar einen Vergleich zwischen Russland und den Vereinigen Staaten, die bei aller Verschiedenheit sich in vielen Punkten ähneln würden.

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Transkription

    Hochgeehrtester Herr Minister!

    Der lebhafte Wunsch mir auch in der Ferne das mir von Euer Excellenz bewiesene Wohlwollen zu bewahren, läßt mich einigermaßen übersehn, daß die Blicke der Staatsmänner jetzt ausschließlich auf den Osten gerichtet sind und daß der Augenblick, wo sich die Geschicke großer Staaten vollziehn, kaum geeignet ist den Lauf eines einfachen Individuums zu verfolgen. Vielleicht sind aber Euer Excellenz eben des Kontrastes wegen nicht abgeneigt mir einen Augenblick hieher nach Westen zu folgen, wo eben ein Land in jugendlicher Kraft – aber freilich auch in jugendlichem Uebermuthe – ersteht, während der Osten nur den Anblick eines dem Untergange verfallenen Reiches bietet. Von Euer Excellenz Gewogenheit bin ich es übrigens überzeugt, daß Sie die Freiheit, die ich mir nehme, mich Ihrem freundlichen Andenken zurückzurufen, einigermaßen mit Nachsicht betrachten werden, sowie auch hoffe, daß diese Zeilen Sie, Herr Minister, in vollkommener Gesundheit antreffen werden.
    Nachdem ich hier mehrere Monate in einigen Haupthandelsstädten die vorherrschende Thätigkeit und Richtung des Landes und in Virginia und Südcarolina besonders das Institut der Sklaverei studirt und darüber dem hohen Ministerium des Auswärtigen berichtet, bin ich im December nach Cuba gegangen, indem ich glaubte, daß die frühern Vorgänge dieser Insel eine hinlängliche politische Wichtigkeit gegeben hätten, und daß diese für das monarchische Europa so bedeutungsvolle Frage bei den bekannten Annectionsgelüsten Amerikas in Kurzem leicht die höchste Aufmerksamkeit der Diplomatie, selbst neben der orientalischen Frage, in Anspruch nehmen könnte. Kurz vor dem Black Warrior Konflikte, einer an sich höchst einfachen Zollangelegenheit, aus der, wie es Euer Excellenz bekannt ist, die Nordamerikaner einen casus belli zu machen suchen, hatte ich dem hohen Ministerium einen ausführlichen Bericht über die ganze dortige Lage gesendet und darin auch einige Gedanken über die etwaige friedliche Lösung der Frage geäußert, die ich nämlich nur in der Errichtung einer selbständigen Monarchie sehe, garantirt gegenüber Nordamerika und den wenig loyalen Creolen durch einen Europäischen Kongreß. Die amerikanischen Zeitungen schreiben in diesem Augenblick, wo Lord Elgins Anwesenheit die Blicke auf Canada geleitet, der Königin von England einen ähnlichen Plan in Bezug auf diese Kolonie zu – für den Augenblick indessen wol ohne Grund. Monarchische Elemente sind in beiden Kolonien allerdings hinlänglich vorhanden und das Gedeihen Brasiliens zeigt die Möglichkeit einer prosperirenden Monarchie auch in Amerika, welches meiner Ansicht gar nicht so fatalistisch der Herrschaft der Demokratie verfallen ist, wie einige maßgebende Publizisten, wie Herr von Tocqueville etc., es in Europa glauben zu machen suchen. Eine Monarchie im Süden und Norden der Union würde wie Wasser auf Feuer wirken und zur Konsolidirung der sich dort bereits evident genug bildenden aristokratischen Elemente und Neigungen wesentlich beitragen, während bis jetzt die große Republik durch die Reaktionskraft des verwandten Princips alle kleineren Republiken zu sich herüber neigen macht und auch die Kolonien, wo durch die fortwährende Abwesenheit des Souverains und den steten Wechsel des Gouverneurs nur ein Schatten von Monarchie wie in Kanada oder ihre Karikatur wie in Cuba besteht – ihrerseits unheilsvoll influenzirt.
    Im Monat Februar fand sich Herr von Hulsemann veranlaßt, dem hohen Ministerium den Antrag zu machen mich bei der Legation in Washington zu attachiren und die Entscheidung hierüber abzuwarten bin ich seit einiger Zeit hieher zurückgekehrt. Durch die Güte desselben Herrn habe ich außer den meisten Mitgliedern des diplomatischen Korps, dem Präsidenten und den Ministern, auch bereits mehrern Senatoren wie den Oberst Benton, der soeben Thirty years in the Senate1 herausgegeben, General Cash, den treibenden [?] Mann, Sumner von Boston und Nachfolger Websters sowie dessen Hauptgegner S[tephen] Douglas, Urheber der die Sklaverei ausdehnenden Nebraska-Bill kennengelernt. Euer Excellenz zu versichern, daß die Qualität aller hiesigen Staatsmänner, selbst im Vergleich zu einem Calhovn, Clay und Webster, eine sehr gesunkene ist, wäre überflüßig – aber gewiß ist es ein schlimmes Zeichen, wenn bedeutende Männer absichtlich von der Politik ausgeschlossen werden oder freiwillig sich davon entfernen und es scheint mir dieses System der hiesigen Demokratie auf das geheime Bewußtsein zu deuten von der Unmöglichkeit ihre Macht lange behaupten zu können. Diese Macht, die nach der weisen Absicht der Väter eine beschränkte sein sollte, nähert sich stets mehr einer absoluten und eine absolute Demokratie ist wol immer eine despotische. Die Garantien, welche ursprünglich die Konstitution gegen the excesses of popular power enthielt, werden stets mehr beseitigt und bald ist das allmächtige Volk fertig, während die gebildeten, wohlhabenden Klassen mehr und mehr legislatorisch und social herabgedrückt werden. Von einem allmächtigen Volke zu einer allmächtigen Centralgewalt ist aber freilich nur ein Schritt!
    Unter den legislatorischen Veränderungen bezeichne ich besonders die schrankenlose Ausdehnung des Stimmrechts, wodurch die Natur der Staatenlegislaturen und somit auch die des von jenen gewählten Unionssenats wesentlich verändert worden ist, die Wählbarkeit und Absetzbarkeit der Richter durch das Volk – bis jetzt freilich auf die Staatenrichter beschränkt – und dann die Ausdehnung der Sklaverei durch die soeben angenommene Bill – alles Maßregeln, wodurch der Buchstabe und der Geist der Verfassung bedeutend alterirt wird. Die letzte Maßregel betrachte ich indessen nur als die äußerste Logik einer maßloswerdenden Demokratie, die sich noch nie bereitgefunden zu sich herauf zu nivelliren. Die vorherrschende kommerzielle, egoistische Richtung hier erklärt außerdem vollständig die Beibehaltung und Vermehrung der Sklaverei, die bekanntlich ja auch in England nur durch die Bemühungen der Aristokratie aufgehoben werden konnte. Die Politik der alten Konstitution und der ersten Kongreße war Nichtintervention in den Sklavenstaaten und Ausschließung der Sklaverei aus allen neuen Territorien – das junge Amerika aber verhöhnt bereits diese Politik und heißt einen Washington, Franklin und Adams old foggies.
    Die großen Veränderungen, die auch in der Praxis vorgehn, sind nicht weniger ominös. Die aggressive propagandistische auswärtige Politik, von Jackson begonnen, wird systematisch und brutal fortgesetzt. Auf der einen Seite ertönt überall der Ruf nach Annection Cubas, Canadas, Mexicos, etc. und seeräuberische Expeditionen werden unter den Augen der Behörden ausgerüstet, andererseits tritt General Cash, der besondere Freund des Präsidenten, mit der Forderung auf, daß den A[merikanischen] Bürgern im Auslande ihre religiösen Rechte auf diplomatischem Wege gesichert werden sollen.
    Eine Hauptabsicht der Konstitution, nämlich zu beweisen, daß die Duldung aller Sekten nicht zur Gleichgültigkeit führe, erscheint mir bereits gänzlich verfehlt, indem auf 21 Millionen nur 8 Millionen als zu einer bestimmten Kirche gehörig vorkommen. Durch das Freischulensystem mit Ausschluß des Religionsunterrichts wird die folgende Generation nicht allein eine souveraine, sondern auch eine nationalistische Demokratie werden, deren Unmöglichkeit die Geschichte beweist. Die erwähnte Duldung besteht allerdings für alle Sekten, selbst die Mormonen und Spiritualisten, nur nicht für die Katholiken, welche social wenigstens verfolgt werden. Zu den neuen Prätentionen gehören besonders noch die Repräsentanten zu Votivmaschinen und alle Beamte direkt wählen zu wollen sowie Vertheilung alles disponiblen Landes an Nichtbesitzende.
    Wie ich nirgends mehr Unzufriedenheit gesehen habe als hier, so habe ich auch in keiner Hauptstadt, selbst in London nicht, so viel von Camarilla und Patronage gehört als in Washington. The Spoils to the Victor hat es beim Antritt des Präsidenten geheißen, sodaß gemäß dieser Praxis die Stellen nur der siegenden Parthei, zum Nachtheil des Staates, anheimfallen. Der materielle Nothstand hier ist auch jedenfalls ein zu schneller, um solide zu sein, und frühere Krisen möchten sich leicht wiederholen mit zahlreichem individuellen Unglück. Nordamerika ist aber auch weniger mächtig, als es scheint und Selbstüberschätzung hier ebenso charakteristisch wie in Rußland, welches überhaupt viel Parallelen mit Amerika bietet, wie denselben kaufmännischen fast jüdischen Geist und somit Mangel an Anhänglichkeit für Haus und Hof; dasselbe ausschließliche Streben nach Erfolg; denselben höchst praktischen, nicht spekulativen, unphilosophischen Geist; denselben Mangel an Romantik, weil ohne Mittelalter; dieselbe Verachtung des Lebens; dieselbe Geringschätzung des Auslandes; dieselbe Apotheose ihrer respectiven Staatsformen und Maximen; dieselbe oberflächliche journalistische Richtung der Literatur – soweit dieses in Rußland möglich; dieselbe Eitelkeit ohne Stolz; dieselbe Feindschaft gegen den Katholizismus und vor allem die Identität der Sklaverei, in Rußland freilich ein zu lösendes Problem hier aber eine Frage von Sein oder Auflösung!
    Verzeihen Ew. Excellenz die Länge und Unförmlichkeit dieses Schreibens und genehmigen Sie schließlich die Versicherung, daß ich bei längerem Aufenthalte mich glücklich schätzen würde, Ihnen in irgendeiner Weise angenehm sein zu können.
    Ich habe die Ehre, mit dem tiefsten Respekt zu verharren, hochgeehrtester Herr Minister,

    Euer Excellenz
    unterthänigster Diener
    F. Marckwort

    Washington, 27. Juni 1854
    (Adr. Herr von Hulsemann)