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Dokument Hermann Leonhardi an Leo Thun
Prag, 11. März 1852
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D159
Regest

Der Philosoph Hermann Leonhardi bittet den Minister um Erhöhung seines Gehalts. Er hat dazu bereits ein offizielles Schreiben an das Ministerium gerichtet, das sowohl von der Universität als auch von der Statthalterei unterstützt wird. Er führt dann einige Gründe auf, warum er die Erhöhung seines Gehaltes für gerechtfertigt hält. Zunächst betont er, dass ihm schon bei der Annahme der außerordentlichen Professur die baldige Beförderung auf ein Ordinariat in Aussicht gestellt worden sei. Seitdem habe sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllt, indes wurden jedoch andere Professoren auf einen Lehrstuhl berufen. Er habe allerdings stets fleißig gearbeitet und sich insbesondere durch die Herausgabe von mehreren Bänden aus dem Nachlass von Krause um die Philosophie verdient gemacht. Zudem würde mit einer Erhebung zum Ordinarius auch die Position der Philosophie innerhalb der Universität gestärkt, der ja eine wichtige Rolle zukomme. Er betont außerdem, dass die Erhöhung seines Gehaltes auch deshalb notwendig sei, damit er die Kosten für seinen Lebensunterhalt decken könne. Besonders die Übersiedelung von Heidelberg nach Prag hatte enorme Kosten verursacht. In Anbetracht all dieser Gründe hofft Leonhardi, dass Thun seine Leistungen würdige und ihm eine Professur verleihe und damit auch sein Gehalt erhöhe.

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Transkription

    Euer Excellenz!

    Im Begriff, meine Schrift über zeitgemäße Organisation des Studiums der Philosophie und über Einrichtung philosophischer Übungskurse für Lehramtskandidaten zu vollenden – was mir wegen häufiger durch Krankheit meiner Frau herbeigeführter Störungen erst jetzt möglich wird –, sehe ich mich noch vor Beendigung des Druckes durch die Berufung des mir befreundeten Professor Zimmermann als Ordinarius an hiesige Universität veranlaßt, mich an Euer Excellenz zu wenden mit Rücksicht auf ein am 29. Jänner von mir eingereichtes Gesuch um huldvolle Zuweisung eines angemessenen Gehaltes, das fast einstimmig und ohne vorausgegangene Diskussion von unserm Lehrkörper vorwortlich einzubegleiten beschlossen wurde und das, wie ich mir schmeichle, auch die vorwortliche Einbegleitung der hohen k.k. Statthalterei erhalten haben dürfte.
    Ich habe in diesem Gesuch absichtlich nur um einen Gehalt gebeten, um Euer Excellenz, Die mir die Versicherung gegeben haben, daß Hochdieselben wegen einer passenden Stellung an mich denken wollen, in keiner Weise vorzugreifen und würde gar kein Gesuch gemacht haben, wenn meine Freunde mir nicht gesagt hätten, daß die formelle Anregung von mir ausgehen müsse.
    Durch Gewinnung der beiden neuen Professoren, Vertreter zweier verschiedener Richtungen der Philosophie, für die k.k. Prager Universität ist die Ausführung meines Planes in einer Weise vorgearbeitet, daß ich in der Übergehung meines Namens in der Prager Zeitung keine Mißtrauensbezeugung der hohen k.k. Staatsregierung erblicken kann, wozu ich auch keinen Anlaß gegeben zu haben glaube. Ich kann vielmehr darin nur eine Aufmunterung finden, Euer Excellenz meine bestimmten Wünsche kundzugeben.
    Hierin bestärkt mich noch die mir erst ganz kürzlich gewordene Versicherung Seiner Eminenz des Herrn Cardinal Erzbischof, daß er der Ausführung meines Planes kein Hindernis bereiten werde, als auch das Bewußtsein, daß es sich um Gründung einer Institution handelt, die der Ausgangspunkt einer neuen besseren Richtung der Zeit zu werden bestimmt ist – „um den Keim einer großartigen und äußerst wichtigen, wahrhaft kaiserlichen Schöpfung einer noch fehlenden eigentlich philosophischen Sektion einer Akademie der Wissenschaften, wie sie sein soll“ – wie Dr. Veit, dem ich den Plan vorlegte, ganz richtig erkannte.
    Mit Rücksicht auf die gute Sache, die ich vertrete, wage ich es also Euer Excellenz meine Wünsche so offen und vertrauensvoll auszusprechen, als bei meinem Eintritt in den kaiserlichen Dienst Seiner Excellenz dem Grafen Stadion und Herrn Ministerialrat Exner, an den er mich wies.
    Fand schon damals das, was ich seit Krauses Tod durch Fortbildung seiner Schule und durch größere Vollendung seiner wissenschaftlichen Methode geleistet, die Anerkennung, daß meinem darauf gegründeten Anspruch nicht als Anfänger behandelt zu werden, Rechnung getragen wurde, so ist es jetzt, nachdem meine Befähigung zum frei entwickelnden Vortrag sich längst erprobt hat, wohl ein ganz natürlicher Wunsch, daß mein biederes Benehmen, infolgedessen ich für den Anfang auf Gehalt verzichtete, mir nicht zu bleibendem Nachtheile gereiche und meine Hoffnung ist wohl nicht unbescheiden, daß auch Euer Excellenz, Die mir wiederholte Beweise des Vertrauens gegeben haben, meinem eigenen Dafürhalten, unter welchen Bedingungen ich am erfolgreichsten werde wirken können, jetzt eine gleiche Berücksichtigung angedeihen zu lassen geruhen werden.
    Meine Verhältnisse sind diese. Nach Prag zu gehen ward ich bestimmt durch die günstige Aussicht auf baldige Erlangung einer ordentlichen und angemessen besoldeten Professur an hiesiger Universität, welche das hohe Unterrichtsministerium mir damals eröffnete. Durch ein Nervenleiden wurde ich verhindert meine Vorträge schon im Winter 1849–50 zu beginnen (Ich hatte mir dieses Leiden durch den meiner Übersiedlung wegen unvermeidlichen Aufenthalt in Heidelberg grade während der badischen Revolution zugezogen); bin aber nun bereits vier Semester in voller, und ich darf sagen mit Rücksicht auf Zahl und Fleiß der Zuhörer, in erfolgreicher Thätigkeit. Daran, daß auch weniger begabte Zuhörer, wenn sie nur beim Vortrage sich Notizen machen, am Conversatorium sich betheiligen und zuhause das Buch benutzen, bei mir etwas lernen, habe ich den Beweis, daß meine allerdings nicht leichten und auf solche, die durch Sitzen im Hörsaal dem Gesetz zu genügen glauben, freilich nicht berechneten Vorträge auch für die durchschnittliche Fassungskraft verständlich sind. Ich kann darum wohl behaupten, daß ich schon seit einem Jahre die mir selbstgestellten Bedingungen für Geltendmachung meiner Ansprüche auf eine meiner Leistungsfähigkeit angemessene Stellung erfüllt habe.
    Auf eine solche Stellung kommt es mir vor allem an; denn nach ihr werden die Vertreter anderer Fächer und wird die studirende Jugend es bemessen, in welcher Wertschätzung die von mir vertretene harmonisch-organische Richtung der Wissenschaft bei dem hohen Unterrichtsministerium stehe.
    Soll mir nun behufs der Lösung meiner ohnehin schwierigen Aufgabe, die mich nöthigt:
    verderblichen Zeittendenzen in zwar versöhnender, nichtsdestoweniger aber völlig entschiedener Weise entgegenzutreten und die Studenten – von denen die meisten noch an bloß formeller Verstandesbildung und eitler Ausstaffirung des Geistes mit Gedächtniswerk sich genügen lassen – zu dem bei weitem unbequemeren Selbstdenken, das in die Sache eindringt, und zur geistigen Bescheidenheit anzuleiten;
    soll mir für diesen Beruf der Weg einigermaßen geebnet werden, soll ich nicht auch noch mit all den kleinen Hindernissen zu kämpfen haben, die sich dem so gern in den Weg stellen, der eine andre als die herkömmliche, einseitig abstrakte oder einseitig empirische Richtung anschlägt und Parteiintriguen sich nicht anschließt, so scheint dafür erforderlich, daß ich als Ordinarius mit der höheren Gehaltsstufe gestellt werde, um in das gehörige Verhältnis zu kommen mit den hauptsächlichsten Vertretern der andern in der philosophischen Fakultät gepflegten Wissenschaftszweige.
    An einem ausreichenden Gehalte muß mir ferner auch darum liegen, damit ich nicht in Gefahr bleibe, ohne gesicherte Zukunft auch noch die Reste meines Vermögens meiner Lehrbethätigung zum Opfer zu bringen, und damit ich die Hülfsmittel nicht zu entbehren brauche, ohne die es unmöglich ist, sich zugleich über abstrakte, ethische und Naturwissenschaften einen fortlaufenden Überblick zu erhalten. Es muß mir daran umso mehr liegen, als ernste philosophische Vorträge bisher überhaupt nur ein kleines Publikum haben und die Eifrigen sich, wie das nur zu wünschen ist, in die Hörsäle mehrerer Professoren desselben Faches vertheilen, sodaß auf eine nur einigermaßen bedeutende Einnahme von Collegiengeldern nicht zu rechnen ist.
    Folgende Billigkeitsgründe, die gleichfalls hiefür sprechen, erlauben mir Euer Excellenz noch anzuführen.
    Wenn ich gleich keine Dienstjahre im gewöhnlichen Sinn aufzuweisen habe, so sind doch die seit Beendigung meines Universitätsstudiums verflossenen zwanzig Jahre ebenso viele im ununterbrochenen und uneigennützigen Dienste der Wissenschaft zugebrachte Jahre. Was ich an Zeit, Kraft, Geld und ich darf sagen an Carriere bei meiner privaten Wirksamkeit zu Fortbildung der Krausischen Schule der Wissenschaft geopfert habe, das kommt jetzt auch dem Kaiserstaate zugut. Was nur durch solche Opfer errungen werden konnte, jene bestimmt christliche, in principieller Entschiedenheit der Revolution entgegentretende und praktisch besonnene Richtung sowie die größere Vollendung der philosophischen Methode, das ist zugleich für den Kaiserstaat errungen, sofern mir die Mittel einer umfassenden Bethätigung gewährt werden. Ich habe diese Reife nicht wie andre Professoren erst im Staatsdienste, nicht auf Staatskosten gewonnen.
    Dann habe ich – auch wenn ich die Kosten meines Lebensunterhaltes im ersten Jahre meiner wirklichen Bethätigung an hiesiger Universität (Ostern 1850–51) als ein der mir in Aussicht gegebenen Stellung als ordentlicher Professor bleibend gebrachtes Opfer betrachte – doch für Übersiedlung von Heidelberg sowie für die Kosten des zweiten Jahres (Ostern 1851–52) ein Capital aufwenden müssen, dessen Entbehrung kaum durch den zehnjährigen Mehrbezug von dreihundert Gulden über den gewöhnlichen Anfangsgehalt eines Ordinarius aufgewogen wird.
    Was endlich meine literarischen Veröffentlichungen betrifft, die – meist zerstreut in fünf von mir herausgegebenen starken Bänden des Krausischen Nachlasses, denen sie zur Einleitung zur Erläuterung und Ergänzung dienen – sich dem Blick entziehen, während mir dadurch eine Stelle in der Geschichte der Philosophie gesichert ist, so würden sie, zusammengedruckt, einen Großoktavband von zwanzig Bogen füllen, durch welchen die Wissenschaft grade in den für das Leben wichtigsten Begriffen wesentlich gefördert ist. Ein weit größerer Theil meiner eignen wissenschaftlichen Ausarbeitungen war nicht für unmittelbare Veröffentlichung, sondern für den engen Kreis der Schule bestimmt, ist aber nichtsdestoweniger auch für das Publikum fruchtbar geworden, weil diese nur handschriftlichen Hefte meinen Schülern das tiefere Verständnis der Krausischen Philosophie vermittelten und ihnen bei Abfassung ihrer in verschiedenen Sprachen über die ganze gebildete Welt verbreiteten Werke die wesentlichste Hülfe leisteten.
    Hoffentlich werde ich bis Ende der andern Woche imstande sein Euer Excellenz meine Druckschrift vorzulegen, die im Calvischen Verlag als erste Nummer eines Organes für harmonisch-organische Behandlung der Wissenschaft eine Reihe zwangloser Hefte eröffnen soll.
    Halten Euer Excellenz dafür, daß ich den Seminarplan in Verbindung mit meinen beiden neuen Collegen am hiesigen Orte praktisch durchführen solle, so werde ich so frei sein, die Bedingungen bestimmt zu bezeichnen, unter denen ich dies mit Erfolg zu unternehmen mir getraue.
    Genehmigen Euer Excellenz die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, mit welcher zu zeichnen die Ehre hat

    Euer Excellenz

    gehorsamer Diener
    Dr. Hermann Fhr. v. Leonhardi
    k.k. Professor

    Prag, 11. März 1852