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Dokument Ludwig Lange an einen Ministerialrat im Ministerium für Kultus und Unterricht1
Prag, 1. Mai 1859
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D504
Regest

Der klassische Philologe Ludwig Lange berichtet einem nicht näher bezeichneten Ministerialrat, dass er Minister Thun einen Brief geschrieben und darin die Gründe für die Annahme der Professur an der Universität Gießen geschildert habe. Er versichert, dass ihm dieser Schritt sehr schwer gefallen sei, aber der ständige Kampf mit Constantin Höfler habe keinen anderen Ausweg zugelassen. Er schildert dabei die angespannte Lage an der Universität Prag und die feindliche Stimmung, die ihm allgemein entgegengebracht wurde. Lange erklärt sich bereit, bis zum Ende des Sommersemesters in Prag zu bleiben, falls Thun dies wünschen sollte. Andernfalls könnte Jan Kvičala die Vorlesungen fortsetzen. Weiters wiederholt er auch seine Bereitschaft zur Abfassung eines Gutachtens über die Wiederbesetzung der Professur und äußert die Bitte, ihn direkt oder durch Hermann Bonitz darüber zu instruieren. Anschließend empfiehlt Lange seinen Schüler Eduard Novotny. Dieser habe bereits 1857 die Lehramtsprüfung mit Auszeichnung abgelegt und bewerbe sich seitdem erfolglos um eine Anstellung. Lange vermutet, dass Vorbehalte von Schulrat Franz Effenberger gegen ihn, Lange, daran Schuld seien. Zuletzt bedankt er sich für die bisherige und langjährige Unterstützung des Ministerialrats.

Beilagen, Anmerkungen

Verweis auf A3 XXI D503.

Schlagwörter
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Transkription

    Hochzuverehrender Herr Ministerialrath!
    Euer Hochwohlgeboren

    werden bereits durch Prof. Bonitz erfahren haben, daß ich einen Ruf an die Universität Giessen [Gießen] erhalten und angenommen habe. Ebenso darf ich voraussetzen, daß Euer Hochwohlgeboren bereits von den Motiven unterrichtet sind, die mich zur Annahme des Rufes bestimmt haben. Ich glaube daher mich der unerquicklichen Wiederholung derselben überheben zu dürfen und bemerke nur, daß ich am 28. April an Seine Excellenz einen Privatbrief mit ausführlicher Motivierung meines Entschlusses abgeschickt habe.2 Vielleicht ist es Euer Hochwohlgeboren angenehm zu wissen, was ich Seiner Excellenz geschrieben habe. Nach einer kurzen Erwähnung des thatsächlichen Vorganges der Berufung habe ich 1. erklärt, daß der pecuniäre Gesichtspunct für mich nicht entscheidend gewesen sei; 2. auseinandergesetzt, daß die Gießener Stelle vor meiner hiesigen insofern den Vorzug verdiene, als ich dort das Recht der Promotion und die Pflicht, namens der Universität Programme zu schreiben besitze. Ich habe den Mangel des Promotionsrechts besonders stark betont, weil darin eine Zurücksetzung nicht meiner Person, nicht meiner Confession, sondern der Philologie liegt, und darauf aufmerksam gemacht, daß diese Zurücksetzung ihren Grund in der Stellung des philosophischen Doctorencollegiums habe, während in der juridischen Facultät die Stellung des juridischen Doctorencollegiums eine andere, mit dem Promotionsrechte aller ordentlichen Professoren verträglicher sei. Sodann habe ich 3. die Vorzüge der Gießener Stelle in Bezug auf Recotrat, Decanat und Mitgliedschaft des Senates erwähnt; Rechte, von denen ich hier als Protestant ausgeschlossen sei. Ich habe aber sofort hinzufügt, daß diese Zurücksetzungen für mich nicht entscheidend gewesen seien, weil ich einer Regelung der Verhältnisse der Protestanten im Allgemeinen vertrauensvoll entgegensähe und überzeugt sei, daß der Charakter der Universitäten als Staatsanstalten immer ungetrübter anerkannt werde. Dagegen habe ich 4. gesagt, daß die trüben persönlichen Erfahrungen, die ich hier gemacht hätte, von großem Einflusse auf meinen Entschluß gewesen seien und dabei ausdrücklich den Prof. Höfler genannt und deutlich zu verstehen gegeben, daß seinetwegen sowohl Schleicher als ich zu diesem Entschlusse gekommen seien. Endlich habe ich 5. den dringenden und für mich maßgebenden Wunsch meiner Mutter erwähnt, mich näher bei Hannover zu wissen, da sie alt ist und im Fall der Verschlimmerung der Krankheit meines Bruders, die zu ernsten Besorgnissen Anlaß gibt, meiner Stütze bedarf. Den ganzen Brief habe ich nach bestem Wissen in ehrerbietigster Form und ehrerbietigstem Tone gehalten, aber andererseits auch unverhohlen meine Meinung gesagt; ich hielt das für eine Pflicht gegen mich wie gegen die Sache, welche ich hier zu vertreten hatte und die ich, wie ich ohne Anmaßung behaupten darf, frei von Menschenfurcht vertreten habe, so gut ich konnte.
    Euer Hochwohlgeboren werden meiner Versicherung Glauben schenken, daß ich mit schwerem Herzen um meine Entlassung nachgesucht habe. Wie gern würde ich alles ertragen und geduldet haben, wenn ich nicht fühlte, daß der Kampf zwischen Höfler und mir mit gar zu ungleichen Waffen geführt wird, und befürchten müßte, daß mir zu einer Zeit, wo ich dann keinen Ruf zu acceptieren hätte, der Boden unter den Füßen weggezogen werden könnte. Ich weiß, daß meine Zuhörer, einzelne meiner Collegen und verschiedene achtbare Männer in Prag meinen Fortgang aufrichtig bedauern; wie sehr es aber gelungen ist, die Literaten, Journalisten und das von ihnen beherrschte große Publikum gegen mich einzunehmen, zeigt die Art, wie der gestrige Tagesbote meinen Fortgang angezeigt hat. Freilich kann ich nicht erwarten, daß ein urtheilsloses Publikum, welches Höfler für einen großen und „geistreichen“ Historiker hält, was in ganz Deutschland bekanntlich außer einigen baierischen Ultramontanen Niemand thut, unbefangene Anerkennung für mich besitzt, der ich nie geschmeichelt und stets die Wahrheit gesagt habe. Aber eben diese Urtheilslosigkeit des Prager Publicums, so gleichgültig sie mir angesichts der Anerkennung, die in der Thatsache einer Berufung liegt, ist, läßt mich an der Möglichkeit zweifeln, daß die hiesigen Zustände jemals besser werden können. Charlatanerie wird hier immer besser gedeihen als ernste Wissenschaft.
    Der Tagesbote hat an die Nachricht von meiner Berufung auch die Notiz angeknüpft, daß Prof. Stein danach trachte, die in Berlin erledigte Professur der Zoologie zu bekommen. Auch daraus können Euer Hochwohlgeboren sehen, wessen sich ein Ausländer, wenn er sich auch noch so bescheiden zurückhält, hier zu versehen hat. Denn die Professur in Berlin ist gar nicht erledigt; Prof. Stein denkt gar nicht daran, nach Berlin berufen zu werden oder gar directe Schritte deshalb zu thun. Der Einsender der Notiz hat also die Sache rein aus der Luft gegriffen, um die Ausländer zu verdächtigen. Geradeso war, etwa 1 Jahr vor Chambon‘s Tode über diesen ausgesprengt, er trachte nach Gießen zu kommen, während in Gießen für ihn durchaus keine Vacanz war.
    Ich fühle mich verpflichtet Euer Hochwohlgeboren zu bitten, an damalige Verdächtigungen der Ausländer nicht zu glauben. Es ist möglich, daß mein Fortgang verletzt und eine gewisse Antipathie gegen die Ausländer erzeugt oder, wo sie schon vorhanden ist, nährt. Sehr schmerzlich würde es mir sein, wenn mein College Stein, der nur für seine Familie und die Wissenschaft lebt und z. B. gerade jetzt ein großes und bedeutendes Werk über die Infusorien schreibt, das ihm in Berlin eher Feinde als Freunde erwerben wird, weil es gegen Ehrenberg gerichtet ist, darunter leiden müßte, daß ich einen Ruf bekommen habe.
    In meinem Briefe an Seine Excellenz habe ich zum Schlusse rücksichtlich des Zeitpunctes meiner Entlassung mich Seiner Excellenz zur Verfügung gestellt. Obwohl man in Gießen wünscht, daß ich sofort komme, habe ich mir in dieser Hinsicht die Hand frei behalten und werde es als eine freudig zu erfüllende Pflicht ansehen, wenn Seine Excellenz befehlen, daß ich bis Ende des Sommersemesters da bleiben soll. Euer Hochwohlgeobren werden hierin wenigstens einen schwachen Versuch meiner Dankbarkeit erkennen; denn ich möchte um keinen Preis weder Seiner Excellenz noch Ihnen, Hochgeehrtester Herr Ministerialrath, durch ein rasches und rücksichtsloses, auch unzeitgemäßes Fortgehen Anlaß geben, mich mit Recht für undankbar zu halten. Ich habe bereits die Inscriptionen der Studierenden begonnen und gedenke in den nächsten Tagen, sobald die Zahl sich einigermaßen gesammelt hat, anzufangen zu lesen.
    Sollte wider mein Erwarten Seine Excellenz wünschen, daß ich sofort gehe, so kann dann Kvičala, wenn es Ihnen zweckmäßig scheint, die Vorlesungen zu Ende führen und das griechische Seminar dirigieren. Zufällig sind die Gegenstände meiner diesmaligen Vorlesungen solche, in welche sich Kvičala sehr rasch wird hineinfinden können: sowohl Grammatik als Plato sind ihm Lieblingsfächer. Ob in diesem Falle Kvičala auch mit der Abhaltung der bereits am 26. Mai beginnenden Lehramtsprüfung zu beauftragen sei, darüber will ich mir kein vorgreifendes Urtheil erlauben. Für fähig halte ich ihn dazu, aber vielleicht könnte ich, auch wenn ich die Entlassung auf sofort bekäme, die Prüfung noch selbst abhalten, da ich in diesem Falle nicht vor Anfang Juni meine Übersiedelung bewerkstelligen könnte.
    Ganz am Schlusse meines Briefes an Seine Excellenz habe ich gebeten, Excellenz möchten mir dadurch einen Beweis der Zufriedenheit mit meiner Wirksamkeit geben, daß Sie mich, wie früher den Prof. Curtius, auffordern ließen, mich gutachtlich über die Wiederbesetzung der Professur zu äußern. Euer Hochwohlgeboren werden diese Form hoffentlich billigen; wenn mein Wunsch erhört wird, so darf ich wohl an Euer Hochwohlgeboren die Bitte richten, entweder selbst oder durch Prof. Bonitz mich rücksichtlich derjenigen Gesichtspuncte instruieren zu lassen, die mir vielleicht entgehen könnten.
    Zu den trüben Erfahrungen, die ich hier gemacht habe und die ich nicht sämmtlich Seiner Excellenz aufzählen konnte, gehört auch die mit Candidat Novotny. Dieser ausgezeichnete junge Mann, den Schleicher, Curtius, Bippart, Hattala und ich einstimmig für außerordentlich tüchtig halten und erklärt haben, der auf unsern Vorschlag mit einem Stipendium auf 1 Jahr in Bonn gewesen ist, der eine ausgezeichnete Prüfung 1857 abgelegt hat, muß jetzt nach einer Anstellung als Lehrer förmlich betteln. Als er sich Herbst 1858 dem Schulrathe Effenberger zur Verfügung stellte, hat dieser erklärt, ihn nicht gebrauchen zu können, während er viel unfähigere Leute brauchen konnte. Er nahm dann eine Supplentenstelle in Preßburg mit der Hoffnung auf Anstellung daselbst an; stattdessen hat die erledigte philologische Stelle ein Physiker erhalten. Seitdem bewirbt sich Novotny um eine Stelle nach der andern und wird immer fort abgewiesen. Ich habe Grund zu vermuthen, daß der Schulrath Effenberger ihn aus Gereiztheit über mich nicht genommen hat; denn gereizt ist dieser Herr, weil die Thatsache der Vorbereitungsabtheilung im Widerspruch steht mit dem Glauben, daß die böhmischen Gymnasien bereits den gesetzlichen Erwartungen genügten. Was der Grund ist, weshalb Novotny auch anderwärts zurückgestoßen wird, weiß ich nicht. Aber welche Aussicht ist das, wenn ich mir sagen muß, daß meine tüchtigsten Schüler um meinetwillen verstoßen werden; wenn ich mir sagen muß, daß ich deshalb Anstoß errege, weil ich ungeschminkt die Wahrheit eingestehe und auf Abhülfe denke und nicht gefügig genug bin, glänzende Resultate da zu finden, wo noch keine sind.
    In der That, hochgeehrtester Herr Ministerialrath, ich bedauere ein Land, in dem das Scheinwesen eine solche Ausbreitung hat finden können; ich habe geglaubt, die ganze Unabhängigkeit meiner Stellung dem gegenüber geltend machen zu müssen, aber ich habe mich leider immer mehr überzeugen müssen, daß der Einzelne zu schwach ist. In Wien stehen die Sachen ohne Zweifel anders und wesentlich besser; aber in Prag ist abgesehen von der Jugend, die ja empfänglich ist und Hoffnungen erweckt, ein durchaus ungünstiger Boden.
    Es erübrigt mir nur noch Euer Hochwohlgeboren persönlich meinen innigsten und ehrerbietigsten Dank auszusprechen für die Unterstützung, die ich in meiner Wirksamkeit stets bei Ihnen gefunden habe. Es waren immer wahre Lichtblicke für mich, wenn ich die Resultate Ihrer Bemühungen wahrnahm und jetzt ist kein Gedanke, der mehr auf mir lastet als der, daß ich durch die unglücklichen Verhältnisse gezwungen bin, die kleine Zahl derjenigen Männer betrüben zu müssen, die unsere Sache mit unermüdlicher Ausdauer unter Gefahren und Schwierigkeiten aller Art hochhalten. Möge Ihnen, hochgeehrtester Herr Ministerialrath, die Freude vergönnt sein, diese Sache siegreich durzuführen! Möchte mir es möglich sein, auch aus der Ferne mitzukämpfen!
    Mit der vorzüglichsten Hochachtung und unwandelbaren Verehrung zeichne ich,

    Euer Hochwohlgeboren

    ganz ergebenster
    Dr. Ludwig Lange

    Prag, 1. Mai 1859