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Dokument Johann Kreutz an Leo Thun
Venedig, 24. Juni 1853
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D210
Regest

Der Kunsthistoriker Johann Kreutz möchte sich an den Planungen der Votivkirche beteiligen und mit seinen Überlegungen zum Kirchenbau zum Erfolg dieses Projekts beitragen. Kreutz hat sich seit Jahren mit dem Markusdom in Venedig beschäftigt und bereitet derzeit ein Manuskript über den Dom zum Druck vor. Die Beschäftigung mit dem Markusdom hat ihn zu allgemeinen Fragen der Architektur und zur Frage der Rolle der Architektur geführt. Sein Anliegen ist es nun, einen zeitgemäßen Baustil zu entwickeln, der sowohl die Kunstgeschichte und die Geschichte der katholischen Kirche, als auch die aktuellen Ansichten der Philosophie und den Anspruch der Kirche reflektiere und zum Ausdruck bringe. Er bittet Thun daher um Erlaubnis, seine Ansichten darüber noch weiter und ausführlicher klarlegen und ihm ein Modell für den geplanten Kirchenbau in Wien zusenden zu dürfen. Sollte sein Vorschlag beim geplanten Kirchenbau nicht berücksichtigt werden, so bittet er, dass Thun sein Schreiben mit dem Modell an ihn zurücksende.

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Transkription

    Eure Excellenz!

    Entschuldigen, daß ich mit vorliegenden Zeilen mir erlaube, Hochdero fördernde Kunstliebe in Anspruch zu nehmen.
    Schon bei Bekanntmachung, daß zur Verewigung der glücklichen Rettung Seiner k. Majestät eine Kirche und dieselbe im gothischen Styl erbaut werden soll, war ich entschlossen, Eurer Excellenz eine Ansicht über den Kirchenbau, die ich jahrelang gepflegt und ausgebildet, mitzutheilen, doch Mangel an Zeit (denn ich schreibe diese Zeilen, während ich mit einem Theil der nun im Druck erscheinenden Fortsetzung der Markuskirche1 beschäftigt bin) und eine gewiße Ängstlichkeit hielten mich stets davon ab.
    In Bezug der Letzteren wissen Eure Excellenz zu gewiß, daß es Gedanken giebt, die, um im Gewande der Formung ihren vollkommensten Ausdruck zu gewinnen, bis auf die letzte Gränze an durchdacht und dargestellt werden müssen, hierdurch erst richtig durchgebildet, aber zur Gewöhnlichkeit etwas sonderbar, ja heterogen erscheinen.
    Dies ist der Fall umso gewisser in der Frage, wie soll man Kirchen bauen, wenn die Beantwortung nicht wie bisher in verbrauchter Weise bloß vorzeitlicher Formungen unerreichbar bleiben sollte.
    Liegt es ja in der Möglichkeit, hierin eine Norm aufzustellen, so kann dieselbe, indem es sich hierbei absolut nicht von einer in der Zeit werdenden Reife technischer Ausbildung, sondern direckt um Erfassung, Aufstellung eines Gedankens handelt, nur in gänzlich entgegengesetzter Bahn als einer bisher gepflogenen Nachahmung geschehen.
    Nach mehreren Jahren in der Zeit der Anfertigung meiner Zeichnungen aus der Markuskirche2, im Bestreben, die Gesetze im Grunde ihrer Tendenz zu erfassen, welche das Ganze in der Ausbildung der Bauform und deren dekorationellem Schmucke überwalten, ward natürlicher Weise in meinem Geiste und Gemüthe besondere Hinneigung zu Kunstwerken, die der Religion dienen, vorherrschend.
    Dieses und die unaustilgbare Originalität bei wahrhafter Kunstbestrebung ward Ursache, daß in mir ein Gedanke mit erkeimte und ich mich unvermuthet in das Labyrinth, in welchem Styl man Kirchen bauen soll, hineingezogen fand und seit 8 Jahren in allen meinen freien Stunden mit ernstem Eifer eine Lösung dieser Frage zu fördern suchte.
    Mein Bestreben, wie schon bemerkt, war kein Bemühen, wie sich ein zu fertigender Bau in einer oder andern Art des Styls wohl kunstgefälliger, jedoch stets im gewöhnlichen Geleise herumdrehend darstelle, sondern wie in Reflection zur Kunstgeschichte im Geiste des religiösen Kultus und der Denkweise gegenwärtiger Philosophie sich beweisen ließe, wie zufolge der Tendenz, welche die Kirche representirt, der Bau derselben in richtig und einfachster Weise auszubilden sei, sonach in direckter Folgerung eines Bautheiles aus und für den andern bei strengster Consequenz zur Tendenz ein innigst verbunden abgeschloßenes Ganzes errungen werden könnte.
    Die Veröffentlichung eines solchen Programms könnte das beengte unstette Bestreben bei Projecktionen für den Kirchenbau beenden und der Kunst einen weit umfangreicheren Wirkungskreis und herrlicheren Impuls darbiethen.
    Ist es gleich für mich noch nicht an der Zeit, acktiv hierbei mitwirken zu können, so wünsche ich doch innigst, Eurer Excellenz klaren Beurtheilung meine Ansicht hierfür zu unterbreiten und bitte mir Hochdero Erlaubnis schriftlich hierüber zukommen zu lassen.
    Insoferne dann Eure Excellenz meinen Gedanken zu den Kirchenbau erwidert, dem Zeitgeiste und sonstigen Verhältnissen angemessen finden und das zusendende Model nach dessen Motiv und baulichen Anordnung einer direckten Anwendung im Programme für den Conkurs bei vorhabenden Baue zuzusagen geruhen können, überlasse ich mein Bemühen anspruchslos Dero weiteren Verfügung zur Ausführung.
    Im entgegengesetzten Falle aber erbitte ich mir zuzusichern, daß Eure Excellenz mir versiegelt das übersendete Schreiben sammt Model durch das hiesige Gubernium wieder zurückzusenden geruhen und das ganze Ergebnis im Sinne des Eigenthumschutzes bewahren, bis ich selbst einst nach Vollendung meines Werkes meine Ansicht mit Projektionen belegt veröffentliche. Möge durch die Gesammtheit dann meinen Bemühen was immer für eine Beurtheilung werden, so wird es in Bezug seiner Eigenthümlichkeit unwiederlegbar einer Umwandlung des Kirchenbaues förderlich sein.
    Zufolge dieses bitte ich Eure Excellenz, wenn Hochdieselben für nöthig fänden, nebst Dero eigenen Beurtheilung anderseits eine Ansicht über den Gehalt des Gedankens und dessen Ausführbarkeit erheben zu wollen, die Wahl auf Gelehrte, Priester und in Bezug der Künstler nur auf Individuen ausdehnen, welche, fern von eitlem Ehrgeitz, auch nicht mitwirkend in der Conkurrenz der erbauenden Kirche erscheinen, indem es im Falle einer nicht direckten Annahme nicht in der Macht Eurer Excellenz wäre, mir durch Verschwiegenheit das Eigenthumsrecht zusichern zu können, welches ich mir von Dero Gnade ohne Ausnahme erbitte.
    Von jetzt über 3 Wochen hoffe ich mehr der Freiheit genießen zu können, da die neue Ausgabe meines Werkes zur Verabfolgung an die P.T. Subscribenten bereitet sein wird, dann könnte ich, im Falle Eure Excellenz meine Ansicht über den Kirchenbau zu erhalten wünschen, die gesammelten Notizen schriftlich zusammenstellen und sammt einen kleinen, jedoch gänzlich schmucklosen Model, um in Beziehung zu jeder Stylweise neutral zu sein, durch das hiesige k.k. Gubernium Eurer Excellenz ergebenst übersenden.
    Mit der Bitte, daß Eurer Excellenz Wohlwollen, welches Kunst und Wissenschaft stets zu befördern strebt, dieses Schreiben entschuldigen, wage ich zugleich auch den Ausdruck meiner innigsten Hochachtung beizufügen, mit welcher ich die Ehre habe zu sein

    Eurer Excellenz

    unterthänigster Diener
    Johann Kreutz

    Venedig, den 24.6.1853
    San Marco
    Calle Larga Nr. 281/rosso