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Dokument Josef Krauss an das Ministerium für Kultus und Unterricht
Hünfeld, 14. Oktober 1851
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D126
Regest

Der Gymnasiallehrer Josef Krauss bittet um eine außerordentliche Professur für klassische Philologie an der Universität Wien: Er will seine Fähigkeiten ganz in den Dienst Österreichs stellen und ist zum sofortigen Eintritt bereit. Er betont außerdem, nicht an einer protestantischen Universität wirken zu wollen, da dies seinen Grundsätzen als Katholik widerspräche.
Im beiliegenden Promemoria setzt Krauss seine Ansichten zu den wichtigsten Aufgaben einer zeitgemäßen Philologie in Österreich auseinander. Eine solche Philologie müsse sich demnach auf der Grundlage der norddeutschen Philologie eigenständig entwickeln. Dabei sollte sie die historisch-kritische Methode anwenden und gleichzeitig dazu beitragen, Österreich zu einer antirevolutionären Macht zu etablieren. Die Philologie sollte das gesamte geistige Leben der Monarchie positiv beeinflussen. Krauss selbst war Schüler der bekannten Philologen Gottfried Hermann in Leipzig und Friedrich Ritschl in Bonn und möchte deren kritisch-grammatische Richtung der Philologie nun auch in Österreich etablieren. Nach der Ansicht von Krauss muss es nämlich das vorrangige Ziel sein, den zukünftigen Gymnasiallehrern eine solide Ausbildung in der Grammatik zu bieten. Abschließend schildert Krauss seinen beruflichen Werdegang. Als Erklärung für seine Entscheidung, anstelle der universitären Laufbahn jene des Gymnasiallehrers eingeschlagen zu haben, nennt er private Gründe. Er hofft jedoch, in Österreich nun die Möglichkeit zu bekommen, an einer Universität wirken zu können.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Promemoria zum Gesuch.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Kaiserliches Königliches Hohes Ministerium des Cultus!

    Der unterzeichnete Dr. Joseph Krauss in Bonn bittet unterthänigst um eine außerordentliche Professur der klassischen Litteratur an der Universität Wien.

    Da bei der Reorganisation der Universität Wien die kritisch-grammatische Seite der Philologie, von der ganz vorzüglich die Blüthe der Gymnasien abhängt, bis jetzt durch keine geeignete Persönlichkeit vertreten ist, so bitte ich ganz unterthänigst um eine außerordentliche Professur der klassischen Litteratur an derselben Universität unter Hinweisung auf die im anliegenden Promemoria in den flüchtigsten Skizzen entworfenen Grundsätze.
    Griechische und römische Dichter, antike Metrik, griechische und lateinische Grammatik, Encyklopädie, Kritik und Hermeneutik würden hauptsächlich den Kreis meiner Vorlesungen ausmachen.
    Zum sofortigen Eintritt bereit ist es mein sehnlichster Wunsch, dem Kaiserstaate und dem katholischen Deutschlande meine Kräfte zu weihen und für das hohe Ziel beider keine Mühe und Arbeit zu scheuen; auf einer protestantischen Universität zu wirken entspricht nicht meinen Grundsätzen als Katholik.
    Indem ich um die möglichst schnelle Entscheidung meines Wunsches unterthänigst bitte, bin ich

    Eines hohen Ministeriums

    unterthänigster
    Dr. J. Krauss

    Hünfeld in Kurhessen, den 14. Oktober 1851

    Unterthänigstes Promemoria zum Gesuche des Dr. phil. Joseph Krauss in Bonn um eine außerordentliche Professur der klassischen Litteratur an der Universität Wien

    Wenn ich, ein Unbekannter, es wage, Euer Excellenz mein Anliegen vorzutragen, so bewegt mich dazu einerseits der Wunsch, mir selbst eine passende Laufbahn für die Zukunft zu eröffnen, andererseits aber die zuversichtliche Hoffnung, durch Vereinigung der mir verliehenen Kraft mit den zu erwartenden Leistungen anderer es zu bewerkstelligen, daß im Laufe einiger Dezennien Österreich eine philologische Wissenschaft aufweisen kann, wie es seiner hohen Stellung würdig und für die zukünftige Aufgabe des Kaiserstaates unumgänglich nötig ist. Um diese Aufgabe näher zu bestimmen, erlaube ich mir Hochdenselben meine Ansicht hierüber in gedrängter Kürze vorzulegen.
    Die zu schaffende österreichische Philologie muß meiner Einsicht nach ein zwiefaches Ziel haben:
    1. muß sie die Vorzüge der norddeutschen philologischen Wissenschaft so in sich vereinigen, daß sie auf derselben sicheren Basis der Kritik ruhend, mit derselben Schärfe gehandhabt, nach Ausscheidung der absolut feindlichen Elemente – der Halbheit und Willkür – sich eine selbstständige unüberwindliche Stellung erwerbe.
    2. aber muß sie, von jener gänzlich verschieden, dahin ihre Anstrengungen richten, daß sie auf soliden positiv-kritischen Grundlagen ruhend Hand in Hand gehe mit der von mir als Österreichs zukünftige Aufgabe betrachteten antirevolutionären Richtung in staatlicher wie in kirchlicher Entwickelung und zugleich diese aufs eifrigste fördere.
    Daß diese beiden Punkte das Ziel einer wahrhaft gesunden Philologie sind, die zugleich auf das gesammte Geistesleben, auf alle Zweige der historischen Wissenschaft belebend und erhaltend wirkt, werden Euer Excellenz nach Ihrer hohen vielfach bewiesenen Einsicht am klarsten verstehn. Es ist dieses nichts Unerhörtes und Neues, sondern vielmehr eine offene Wahrheit, für welche die erste Hälfte unseres Jahrhunderts ein Tausendfaches unsterbliches Zeugnis gibt.
    Als am Ende des vorigen Jahrhunderts die Seichtigkeit und Plattheit französischer Philosophen alle Zweige der historischen Wissenschaft dergestalt unterwühlt hatte, daß an einer Heilung gradezu verzweifelte, war es der große Philolog Gottfried Hermann in Leipzig, der zuerst und vor allem auf die Quellen der Überlieferung hinwies, die Wahrheit vom Truge wieder unterscheiden lehrte und beim Mangel unbedingter Evidenz auf die Grade der Probabilität aufmerksam machte, der an grammatisch-kritischen Stoffen die Denkkraft seiner Schüler übend, sie mit scharfem Urteile und einfacher Präzision den Sinn der Classiker zu ergründen lehrte, und indem er ihnen so Schritt für Schritt das Alterthum erschloß, sie – um es mit einem Worte zu sagen – fähig machte productiv zu werden. Unsterblich sind Hermanns Verdienste nicht allein um die Philologie, sondern um jede Wissenschaft, die mehr oder weniger mit ihr in Verbindung steht; durch ganz Europa erscholl der Ruf der Leipziger Schule, und jeder Philolog, jeder Schulmann von einigem Namen hat seine Disciplin genossen. Aber nicht jeder seiner Schüler hatte wiederum didaktisches Talent, nicht jeder derselben ist befähigt gewesen eine Schule zu gründen; nur einer ist es, der die Vorzüge der Hermannschen Schule zusammenfassend, ihre Mängel, denn auch von ihnen war Hermann nicht frei, ausgleichend den philologischen Ruhm von Leipzig nach dem Rheine verpflanzte, es ist der erste Meister in seinem Fache, - Friedrich Ritschl. Und wie die Blüthe der sächsischen und preußischen Gymnasien auf Hermann zurückfällt, so ist es jetzt Ritschl, der jährlich zahlreiche und wohlgereifte Jünglinge aus seiner Schule entläßt, auf daß sie segensreich wirken, wo immer die Vorsehung sie hinführt. Aber solch tüchtige Gymnasiallehrer können auch nur in einer Schule gebildet werden, die man nach ihrer Richtung eine kritisch-grammatische zu nennen pflegt. Nicht scharf genug kann ich diese Wahrheit hervorheben. Schon zu Hermanns Zeiten und noch heute sitzen auf den Lehrstühlen der deutschen Universitäten ausgezeichnete Philologen: Böckh in Berlin, Lobeck in Königsberg, Bernhardy in Halle, K[arl] Friedr[ich] Hermann in Göttingen, aber die Schüler, die sie bilden, ohne ihnen im Entferntesten die Tüchtigkeit absprechen zu wollen, sind doch keineswegs diejenigen, welche die Blüthe der Gymnasien begründen, die Masse der Einzelheiten, die Fülle der Erudition sind mehr oder weniger das Ziel der Meister wie ihrer Jünger. Aber da die Gymnasialbildung nicht Vielwisserei bezweckt, sondern Festigkeit im Einzelnen, und da die klassischen Studien, welche immer den Mittelpunkt des Gymnasiallebens bilden werden, vorzüglich auf der sicheren Kenntnis der Grammatik beruhn, so ist es klar, daß nur ein Gymnasiallehrer, der eine tüchtige kritisch-gammatische Schule durchgemacht hat, in dieser Hinsicht allen Erfordernissen entsprechen kann, nur ein solcher kann Leben in die an sich trockene Materie bringen, Freude an dem spröden Stoff erwecken, und indem er den Schülern zeigt, daß klares Denken die Grundbedingung aller Wissenschaft ist, beseitigt er auf die einfachste Art alle Ungewißheit und Halbheit, allen Dünkel. Gleichwohl ist es nicht meine Ansicht, als müßten alle Gymnasiallehrer in diesem Sinne ausgebildet werden und wirken, die ausschließliche Herrschaft dieser Richtung würde schädlich sein, auch der Stoff hat sein Recht, vielmehr geht meine Ansicht dahin, und die Erfahrung hat sie bestätigt, daß ein Gymnasiallehrer in dieser kritisch-grammatischen Richtung erzogen einer Schule genügt, um Geist, Form und Stoff ins gehörige Gleichgewicht zu bringen; und zur Heranbildung methodisch tüchtiger Lehrer muß eine Universität zum wenigsten einen Professor aufweisen können, der seine Richtung mit Gründlichkeit und Schärfe vertritt, der im vollen Besitze der Methode ist, die man sich heutzutage einzig und allein in Bonn erwerben kann.1
    Erfüllt er dann auch den zweiten Punkt, bildet er Jünglinge heran, welche ihre geistigen Waffen nicht den revolutionären Dämonen, dem Atheismus und Skepticismus leihen, nicht in blinder Zerstörungswuth die geheiligten Überlieferungen zertrümmern, sondern vielmehr ihre historischen und philologischen Kenntnisse dem christlichen Staate und dem christlichen Glauben zu Diensten stellen und den Endzweck ihres Wissens darein setzen Träger, des Christenthums zu sein, dann wird nicht, wie es in Norddeutschland der Fall ist, ein offener und unheilbarer Riß entstehn zwischen Gelehrsamkeit und Volkssitte, zwischen Wissenschaft und Glauben, es wird eine Einheit und Harmonie entstehn, die der Segen des Himmels begleitet.
    Daß aber diese Richtung in Österreich bisher sehr wenige Garantien für sich habe, daß die aus dem nicht-österreichischen Deutschland dazu berufenen Kräfte zum Theil ungenügend, weil abgelebt, zum Theil im Gegensatze wirksam sind, ist eine Beobachtung, die sich jedem draußen Stehenden und Sachverständigen leider gar bald aufdrängt. Sollten daher Euer Excellenz geneigt sein, zur Anstrebung jener herrlichen Aufgabe die so nötigen frischen Kräfte in Anspruch zu nehmen, so glaubt der Unterzeichnete, sei es allein, sei es im Bunde mit Gleichgesinnten, ein nicht zu verachtendes Scherflein beitragen zu können. Daß er den strengen Anforderungen der heutigen Wissenschaft völlig gewachsen ist, beweisen die beiliegenden Zeugnisse seines unvergeßlichen Lehrers.2 Über den bisherigen Gang seiner Studien erlaubt er sich nachfolgende Notizzen anzuführen.
    Kurz nach Ostern des Jahres 1847 begab ich mich mit dem Zeugnisse der Reife auf die Universität Marburg, wo namentlich Prof. Bergk, ein tüchtiger Schüler Gottfried Hermanns die Hauptseiten der Philologie vertritt. Aber obschon Bergk selbst im Besitze einer tüchtigen Methode ist, so vermag er doch keineswegs seine Schüler ebenfalls methodisch heranzubilden, statt selbstständiger Forschung herrscht daselbst eine geistlose Compilation weitschüssiger Commentare. Auf Bergks eigenen Rath wanderte ich daher zu dem ersten Philologen unserer Zeit, zu Friedrich Ritschl in Bonn. Hier wurde mir der ungeheure Unterschied klar zwischen den früheren Collegien und denen, wo man das Beste gibt, was die Wissenschaft bisher zu leisten im Stande war; hier erst lernte ich den Weg der Forschung, den Weg, wie ich selber dahin gelangen konnte, wo ich andere seither bewundert hatte. Im philologischen Seminar, wo Ritschl sein Haupttalent entfaltete, war ich drei Jahre hindurch ordentliches Mitglied und leitete schon im letzten Jahre als Senior desselben die Übungen. Aber weit mehr noch als alles dies nützte mir das freundschaftliche Verhältnis, der persönliche Umgang mit meinem Lehrer, täglich und stündlich konnte ich bei ihm sein und in seine geistige Werkstätte schauen. Daher kam es auch, daß ich mich auf dieselben Fächer warf, die er vertritt, und dasselbe Feld bebauen werde, auf welchem er so glänzendes geleistet hat. Am Ende meiner akademischen Laufbahn schrieb ich als Doktordissertation: Quaestiones Terentianae criticae3, welche im Druck erschienen und von der philosophischen Fakultät recensirt wurden: docte, subtiliter atque eleganter, und machte mein Doktorexamen magna cum laude.
    Leider gestatteten es aber meine häuslichen Verhältnisse nicht als Docent auf einer Universität mich niederzulassen, mit schwerem Herzen gab Ritschl selber seine Zustimmung dazu, daß ich das Preußische Oberlehrerexamen machte und am Gymnasium in Bonn Beschäftigung erhielt, wo ich mich bis jetzt befinde. Den persönlichen Umgang mit meinem Lehrer konnte ich jetzt umso mehr fortsetzen, als ich ihn bei seinen Untersuchungen wesentlich unterstützen konnte. Es reiften mir so unter der Hand zwei neue Abhandlungen ebenfalls über den Terenz, die nächstens in den philologischen Zeitschriften erscheinen werden. Seit einem Jahre ungefähr ist mir die Ausbildung Seiner Durchlaucht des Prinzen Theodor von Thurn und Taxis übertragen, die ich auch im künftigen Semester fortsetzen werde, bis eine höhere Pflicht mich abruft.

    Dr. Joseph Krauss