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Dokument diktiertes Konzept von Leo Thun
o. O., o. D. [1849]
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D22
Regest

In dem diktierten Konzept beschreibt Leo Thun die in Prag herrschenden politischen Zustände bei seinem Antritt als Gubernialpräsident im Mai 1848. Er schildert seine Bemühungen, die Parteien - die Großdeutschen und den böhmischen Nationalausschuss - im Landtag unter Kontrolle zu bringen. Dies hatte dazu geführt, dass er sich letztlich die Feindschaft beider Parteien zuzog. Besonders beim böhmischen Nationalausschuss unter Vorsitz von Graf Franz Stadion stieß Thuns Politik auf Widerstand. Der Ausschuss versuchte damals eine provisorische Regierung zu bilden. Diesen Plan konnte Thun jedoch vereiteln, indem er sich von den Forderungen der Aufständischen in Wien distanzierte und selbst einen provisorischen Regierungsrat bildete. Dadurch konnte er den Forderungen der Parteien den Wind aus den Segeln nehmen, weshalb er auch bald festgenommen werden sollte. Für die Ereignisse im Juni 1848 verweist Thun auf einen offenen Brief, den er an Johann Slawik geschrieben hat.

Beilagen, Anmerkungen

Diktiertes Konzept von Thun.

Schlagwörter
Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
License eXist-db

Transkription

    <Handschrift des Gubernialconcipisten Altmann (nachher im Ministerium für Cultus und Unterricht) ohne Zweifel von Thun ihm in die Feder diktirt.>1

    In der Darstellung ist die Periode von der Petizionserledigung, 8.2Aprill3bis zu meinem Antritte des Gubernialpräsidiums (1. May) übersprungen. Und doch war sie die entscheidende.
    Graf Stadion, der von einer bewaffneten Rotte, die das Gubernialgebäude besetzt hatte, gezwungen worden war zu unterschreiben, jene Petizion enthalte die Wünsche des Landes, gab von dem Augenblicke an alles preis. Mit eilfertiger Überstürzung wurde den Studenten Lehr- und Lernfreiheit und die Bewilligung Studentenvereine zu bilden, ertheilt, von denen einige später die Herde der revoluzionären Bestrebungen wurden. In der Nazionalgarde, die sich ohne allen Einfluß der Behörden bildete, entstanden abgesonderte Corps, darunter die Swornost.
    Zur Berathung von Vorlagen für den Landtag waren anfangs zweckmäßig zusammengesetzte Comité‘s gebildet worden; Graf Stadion ließ sich herbei sie mit dem Wenzlscomité zu dem „Nazionalausschuße“ zu verschmelzen, einer sich durch eigene Wahl vermehrenden, öffentlich verhandelnden, durch gar keine Bestimmung geregelten Versammlung, der Graf Stadion vorsaß, ohne irgend einen Einfluß auf ihren Gang zu nehmen.
    Durch ihn hatte die Parthei des Wenzlscomité der Regierung auch die Initiative in der Landesgesetzgebung entzogen, während sie weit davon entfernt die Vorbereitung gründlicher Vorlagen für den Landtag zu betreiben, ihn nur dazu benützte, anscheinend in legaler Form ihr Unwesen zu treiben und die Leidenschaften immer mehr aufzuregen.
    All diese Schritte wurden von dem Ministerium genehmigt, Deputazionen des Nationalausschußes angenommen, ihm die Bearbeitung des Wahlgesetzes für den Landtag überlassen, etc. Die Organe der Regierung im ganzen Lande hatten allen Muth verloren, in Prag fanden immer häufigere Kravalle statt.
    Als ich am 1. May in Prag ankam, mußte ich mein Amt mit Androhung des Standrechtes für Prag beginnen. Ich fand das Land schon in zwei Lager getheilt; das böhmische wurde von der Parthei des Wenzlsbades mit Benützung des Nazionalausschußes bearbeitet, während in den deutschen Gegenden Verbrüderungsfeste mit den Sachsen gefeiert wurden.
    Die Frankfurter Wahlen bothen bald den Partheien den erwünschtesten Anlaß die Aufregung zu vermehren. Beide waren übrigens dem Radikalismus jener Zeit gleich ergeben und suchten die Zeitereignisse für ihn auszubeuten, nur die einen im Frankfurter, die andern im cechisch-provinziellen Sinne. Der steigenden Verwirrung gegenüber erübrigte mir nichts, als im Landtage einen legalen Boden zu suchen und ihn daher umso mehr zu betreiben, je mehr die Zentralregierung in Wien dahinschwand. Dadurch wurde mir aber die deutsche Bevölkerung immer mißtrauischer, während der Widerstand, den ich den Bemühungen des Nazionalausschußes, die Exekutivgewalt an sich zu ziehen, entgegenstellte, mir immer mehr die Feindschaft der Parthei des Wenzlscomité‘s zuzog. Die strebte ernstlich darnach, mir durch den Natzionalausschuß einen von ihr gewählten Rath an die Seite, das ist, ihn an meine Stelle zu setzen. Die Ereignisse des 26. März waren diesem abgekarteten Plane sehr günstig. Ich konnte ihn nur vereiteln, indem ich selbst der Bewegung in Wien mit Entschiedenheit entgegentrat. Es galt zu zeigen, daß die Provinzen sich nicht durch die Wiener Aula regieren lassen, und zugleich die Regierung demjenigen Ministerium zu wahren, das, wie ich vermuthen mußte, in Inspruk [Innsbruck] inzwischen gebildet werde. Es galt den Schritt aber in einer Weise zu thun, der nicht durch den Nazionalausschuß widersprochen werde, und zugleich seine Bestrebungen, eine provisorische Regierung zu bilden, zu durchkreuzen. Dazu diente die Einsetzung jenes Rathes, den ich zusammensetzte, und dessen Thätigkeit ich in solcher Weise auf eventuelle Fälle beschränkte, und von der vorläufigen a. h. Genehmigung seiner Einsetzung abhängig machte, daß er mich in meinem Wirkungskreise nicht beirren konnte, und auch wirklich ganz thatenlos geblieben ist.
    Ich hatte damit über die Partheiführer, deren einer sich an den Kaiser nach Inspruk absenden ließ, um die a. h. Genehmigung zu erbitten, gesiegt. Allmählich gelangten sie zu der Einsicht, darum war es beim Ausbruche der Empörung auf meine Gefangennehmung abgesehen. Über den Verlauf der Junyereignisse geben meine Beweise an Herrn Slawik vollen Aufschluß.
    4 Windischgrätz bezwang die Stadt trotz der von der Hofkommission verkündigten Konzessionen, weil sie nur verkündigt, aber nicht gemacht waren, Mensdorff einsah, daß er das Commando der Truppen nicht übernehmen könne, – und als sofort zum Bombardement geschritten wurde, die Empörer erkannten, daß jetzt keine Nachgiebigkeit mehr zu hoffen sei.