Friedrich Kolenati an Leo Thun
Brünn, 15. Oktober 1856
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Regest

Der Professor für Naturgeschichte Friedrich Kolenati übersendet dem Minister einen Artikel aus dem Brünner Tagesboten, der über die schwierige Situation an der Brünner Technischen Lehranstalt berichtet sowie einen Entwurf für eine Replik auf diesen Bericht aus seiner Feder. Kolenati erklärt außerdem, wie es zu dieser Replik gekommen sei: Sein Kollege Anton Winkler habe ihn im vergangenen August um einen Artikel über die Besetzung der Kanzel für Mathematik am Wiener Polytechnikum gebeten, worauf er aber nicht eingegangen sei. Nach einer neuerlichen Bitte sei er auf den Wunsch Winklers zum Schein eingegangen und habe die erwähnte Notiz über die Brünner Technische Lehranstalt verfasst. Winkler habe das Manuskript anschließend korrigiert und ihm zurückgestellt, mit der Aufforderung es nach Prag oder an eine ausländische Zeitung zu senden, was er allerdings unterlassen habe. Stattdessen legt er dieses Manuskript mit den Korrekturen Winklers nun Thun vor, damit sich dieser vom Sachverhalt überzeugen könne. Kolenati hofft, dass Thun ihm sein Vorgehen und diese Zeilen nicht übel nehme.
In dem beigefügten Manuskript beantwortet Kolenati die Kritik aus der Brünner Zeitung. Er erklärt darin die Schwierigkeiten des Brünner Technischen Instituts und weist insbesondere auf Nachteile gegenüber Wien und Prag hin. Er stimmt dem Autor der Zeitung zwar zu, dass die Technischen Institute reformbedürftig seien, allerdings spricht er sich gegen die vorgeschlagenen Maßnahmen aus. Aus der Sicht von Kolenati sollten die Technischen Institute nämlich analog zu den Universitäten reformiert werden.

Anmerkungen zum Dokument

Das beigelegte Manuskript von Friedrich Kolenati ist durch die vielen Korrekturen sehr schlecht lesbar und weist daher zahlreiche unsichere Lesungen auf.

Schlagworte

Edierter Text

Eure Excellenz!

Im Tagesboten Nr. 274 aus Böhmen war eine die k.k. technische Lehranstalt zu Brünn berührende Notiz, welche auch in den Brünner Blättern abgedruckt erschien.
Herr Director Dr. Schindler ersuchte mich, eine Entgegnung für ihn zu verfassen, was ich mit Vergnügen ausführte, und ihm das Manuscript zur Verfügung stellte.
Herr Professor Dr. Winkler, welcher mir stets voll guter Gesinnungen bekannt war und ich mich deshalb an ihn anschloss, ersuchte mich schon im Monate August, einen Artikel zu verfassen, welchen die Besetzung der erledigten Lehrkanzel der Mathematik am Polytechnikum zu Wien berühren sollte. Er muthete mir zu, selben Artikel in die allgemeine Zeitung zu bringen. Ich erklärte ihm, mit keiner Redaction von politischen ausländischen und inländischen Blättern in Verbindung zu stehen und somit unterblieb dies gewiss von meiner Seite.
Diesmal reizte er mich auf, in Folge des Artikels im Tagesboten, und schien mir, was die Besetzung der Lehrkanzel der Mathematik in Wien betrifft, sehr gereizt, indem er mir erklärte, man wolle Prof. Hartner nur deshalb zur Mathematik ziehen, um Prof. Heer [sic! richtig Herr] die nach ihm offene Stelle schnell zu verleihen. Ich folgte diesmal dieser Aufreizung zum Scheine und gab ihm den beiliegenden Aufsatz zur Correctur und Durchfeilung, nicht in der Absicht, den Aufsatz zu veröffentlichen. Er corrigirte daran, wie es seine Handschrift mit schwarzer und blauer Tinte darthut, und glaubte, ich solle es entweder nach Prag oder noch besser ins Ausland senden. Ich erhielt ihn bei diesem Wahne, ließ aber das Manuscript in der Absicht liegen, es an Eure Excellenz bloß in der Absicht gelangen zu lassen, dass
1. Eure Excellenz den wahren Sachverhalt und Standpunkt unseres Institutes erfahren und dort, wo ich recht gesehen, gnädigst unserem Elende abhelfen.
2. Wenn Dr. Winkler, was ich nicht zu vermuthen wage, sich eine Abschrift zu irgend einem Gebrauche gemacht hatte, das hohe Ministerium prävenirt wäre.
Indem ich Eure Excellenz bitte, mir die darin enthaltenen Ausdrücke nicht übel deuten zu wollen und das Ganze als eine privative Mittheilung zu betrachten geruhen, zeichne mich in aller Unterthänigkeit

Eurer Excellenz
treu ergebenster Diener
Dr. Friedrich Kolenati

Brünn den 15. Oktober 1856

<Dieser Artikel hat bereits eine Discussion in Brünner Blättern hervorgerufen, durch welche der Sachverhalt in ein ganz anderes Licht gestellt und der, gegen eine von der kaiserlichen Regierung gegründetes Institut und dessen berufene Organe vorgebrachten gehässigen Insinuationen ein Dementi gegeben wird. Indessen scheint uns, daß es, nachdem einmal die Angelegenheit vor das Forum der Öffentlichkeit gezerrt worden ist, eine allseitige Beleuchtung und Gewehr im wahren Interesse der angegriffenen Anstalt liegen müsse, als bekanntlich eine Reorganisation der technischen Institute des Kaiserreichs ernstlich in Angriff genommen ist.>1
Da die obige Notiz zum größten Theile das im Jahre 1850 eröffnete k.k. technische Institut zu Brünn in Mähren betrifft und von einem Manne verfaßt ist, welcher Glaubensgenosse der Redakzion des Tagesboten war, der sich nicht mehr in den mährischen Lokalblättern als umsichtig, hocherfahren, genial usw. herausstreichen kann, indem der Wiederholungen gar zu viele wären und das ruhige vernünftige Publikum Brünns sich mit aller Gewalt nichts aufschwatzen läßt; von einem anderen Manne an die Redakzion befördert ist, welcher als Namensverwandter desselben jede semitische Tendenz mit großer Dosis esprit de corps bestreut; so sind wir genöthiget, die Erläuterung jener Notiz, welche zwischen den Zeilen hauptsächlich Privatinteressen des Verfassers ersichtlich macht, auf ein anderes öffentliches und zugleich unpartheiisches Forum hinüber zu spielen.
Der Verfasser nennt <es eine Anomalie, daß die Frequenz>2 des k.k. technischen Institutes zu Brünn eine geringe ist. Wir wollen ihm und Anderen diese Anomalie aus dem tiefsten Grunde erklären und die hüpfenden Fragen gänzlich abschneiden.
Die Zuhörerzahl am k.k. technischen Institute ist <gegen die>3 Frequenz des Wiener und Prager Polytechnikums deshalb eine verhältnismäßig geringere, weil:
1. Wien und Prag durch die Eisenbahn leicht zu erreichen, in diesen beiden Städten die Techniker, wenn sie bemittelt sind, angenehmer leben; wenn sie mittellos, leichter durch Privatunterricht ihr Fortkommen finden; und wenn sie absolviren, viel leichter durch Verbindungen zur Anstellung gelangen. In Brünn gibt es nur wenig Adel und der Adel nimmt keine Techniker zu Erziehern; <die Söhne der>4 Beamten und Handwerker <werden>5 entweder durch die unbesoldeten und besoldeten Assistenten der Realschule und des Gymnasiums privatim unterrichtet oder zur Frequenz der noch immer drückend einwirkenden und selbst durch einen Ministerialerlaß nicht zu erdrückenden Correpetitionen gezwungen und die Fabrikanten, größten Theils akatholisch, <lassen sich>6 aus dem Auslande ihre Hauslehrer verschreiben. In Brünn fehlen die Centralstellen, bei denen der absolvirte Techniker sich um Anstellungen bewerben könnte.
2. Fehlt dem Brünner k.k. technischen Institute die gehörige Repräsentanz nach Außen und insoferne auch zum Theil der höhere Schutz. Dieser Mangel an Repräsentanz hat nicht seine Wurzel im Lehrpersonale, denn es sind Alle meist ihrem Fache vollkommen gewachsen, einige sogar, <Männer von>7 wissenschaftlichem <Ruhme>8 , wie dieß letztere auch der Verfasser des Artikels im Tagesboten selbst zugesteht. Um diesem Mangel an Repräsentanz auf den Grund zu kommen, bedarf es eine folgende Thatsachen zu erwähnen. Seit dem Jahre 1850 ist das k.k. technische Institut in der Miethe eines äußerst entlegenen und unzweckmäßig gebauten <früher für eine Fabrik bestimmten>9 Hauses, welches noch dazu von Jahr zu Jahr minder baufest wird. Die Kapitalien zum Aufbau eines zweckmäßigen Gebäudes sind durch eine auch schon ministeriell <nicht gebilligte>10 Verwaltung zum größten Theil aufgezehrt. Der seit der Gründung <bestehende>11 Lehrkörper ist <[?]>12 , <so daß das Meiste>13 von ihm Ausgehende nicht unterstützt <wird>14 , was <[?]>15 den bisherigen Referenten auch nicht ganz <allein zur Last fällt>16. Dafür müssen sie noch immer auf einen Salär von 1000 fl CM <sich so gut es geht zu behelfen suchen>17 , die unbemittelten leiden durch diesen Mangel sogar am bürgerlichen Ansehen. Zwei der Herrn Professoren haben diesen Standpunkt praktischer begriffen und sind, da sich ihnen eine günstige Gelegenheit eröffnet hat, abgegangen, leider eröffnen sich derartige Gelegenheiten nicht so vielmal, als es Professoren daselbst gibt. Es ist dieß eine Anomalie zur Stellung der Lehrer an den Realschulen, welche auch bis 1000 fl und darüber beziehen <und denen Allen das Vorrückungsrecht verliehen ist>18, die einer Reform bedarf, so lange es noch nicht allzu spät ist. <Jetzt geht man sogar>19 mit der Idee <um>20 das Miethaus für das k.k. technische Institut anzukaufen, wobei vielleicht nur der Hausherr allein Vortheile erreichen dürfte. In diesem Hause werden nie die Hörsäle, Zeichensäle schön und geräumig, werden nie die Sammlungen und Kabinette zur Aufstellung und gehörigen Benutzung geeignet sein, wird nie die denselben durch so nahe stehende Fabriken drohende Feuersgefahr beseitiget werden. Was helfen dann <alle>21 Dotazionen, wenn man das Angekaufte nicht zweckmäßig aufstellen kann, was helfen äußere Übertünchungen, wenn im Inneren der Wurmfraß herrscht. Was hilft auch der Wille des Unterrichtsministeriums, wenn provinziell im Lande am Untergange <[?]>22 förmlich gearbeitet wird. Der <studirende>23 Techniker sieht und fühlt es mit, er fühlt sich aber glücklich, wenn er diesem Institute den Abschiedsgruß zurufen kann. Er weiß wohl, daß er an diesem Institute wegen der geringeren Frequenz besser überwacht und eingeschult wird; seiner Jugend ist es aber zu verzeihen, wenn er mit der Herde ziehet dorthin, wo er leichter unter derselben verschwindet oder sogar leichter durchkommt. So lange am Wiener Polytechnikum eine unbedingte Aufnahme <besteht, werden>24 Prag, Lemberg, Gratz, Brünn leiden, am wenigsten jedoch Prag und Gratz, weil die Stände daselbst ein väterliches Schutzwort hineinzusprechen haben. Unter solchen Umständen <wäre es allerdings>25 ein wahres Glück nur für das Institut und die Professoren, wenn das Institut <soferne>26 man es nicht schützen könnte oder wollte, <aufgehoben würde.>27
3. Hat es sich im verflossenen Jahre herausgestellt, daß die selbst mit <[?]>28 aus der Brünner Realschule ausgetretenen Schüler in den technischen Studien <durchaus keine>29 Fortschritte gemacht haben und demgemäß auf die heuer zum Übertritte Reifen eingewirkt wurde, nach Wien zu gehen, auf daß nicht abermals ein solches Conclusium in das Brünner Publikum gelangen möchte. Eine Anstalt hat mehr gewirkt, wenn sie wenige und gut geschulte, als wenn sie eine große Masse verzogener Schüler liefert.
4. Hat sich die Realschule in Brünn und zum Theil auch Anderswo auf einen gänzlich falschen Standpunkt zu erheben abgemüht, indem den Schülern hohe Ideen und Phrasen, technische Oberflächlichkeit in <einem>30 Grade beigebracht wurden, daß Viele in ihrem gelehrten Wahne den Besuch der Technik für bereits überflüssig erachteten, indem manche sogar als Realschüler neue Entdeckungen, die schwierigsten organischen chemischen Analysen gemacht zu haben glaubten. Derartige höchst lächerliche Beweise liefern so viele Programme der Realschulen.
5. Bedürfen wirklich die technischen Institute in Oesterreich einer Reform, aber nicht einer solchen, wie sie der Verfasser des Artikels im Tagesboten anführt. Er ist nämlich der Ansicht, daß die Söhne der Fabrikanten als künftige Fabriksherrn an den technischen Instituten Oesterreichs eine für <diese>31 Stellung nöthige <gezielte>32 Ausbildung erhalten sollten. Der Verfasser irrt, wenn er <behauptet, daß von [?] solchen Zöglingen [?] [?]>33 an den technischen Instituten die entsprechenden Kenntnisse im Kommerz, in den mechanischen und chemischen Wissenschaften <nicht erlangt werden können>34; aber gewöhnlich wollen die Söhne der Fabriksherrn nichts lernen und befinden sich weiter vom Hause entfernt wohler, weil sie mehr Gold durchbringen können; <dazu noch kommt, daß>35 die Fabriksherrn meist für alles Ausländische mehr eingenommen sind. Aus der <vom Verfasser erhofften>36 Reform schimmert des Fürsprechers Wunsch, daß der jedesmalige Direktor eines technischen Institutes ein Kommerzmann sei. Ein Kommerzialist kann einer Handelsschule vorstehen, nicht aber, wenn er kein Fachtechniker ist, einem technischen Institute; dieß wäre ein höchst lächerlicher Mißgriff. Von den technischen Instituten ist jede Kommerzschule gänzlich zu trennen; Kaufleute <werden niemals>37 Techniker <werden>38 und sollen sich als solche auch nicht gebehrden. Die Fabriksherrn haben für jedes Fach ihre durchgebildeten Techniker und werden <[?]>39 selten oder nie Fachmänner <sein>40. Auch die Lehrer an Kommerzabtheilungen können nie auf den Standpunkt [?] eigentlichen technischen Lehrer Anspruch machen. Man <organisire Fachschulen, lasse>41 den eigentlichen Technikern sich den Fachstudien zu widmen; man wird <[?]>42 wir werden dann ebenso treffliche Ingenieurs, Architekten, Maschinisten <und technische Chemiker>43 aufweisen können, wie die, mit denen uns Deutschland, Frankreich und England bisher überschwemmt haben. Man oktroyire dem technischen Lehrkörper ja keinen Lehrer <[?] Familien herabsinken>44 und <setze an die Spitze dieser Anstalt eine bloß ihr persönliches Interesse pflegende oder>45 als Polyhistoren sich dünkenden Vorstände, man überwache <ebenso>46 einreißende Verschwägerungen mit eiserner Strenge, lasse den Lehrkörper seine Kräfte wo immer her berufen ohne <die [?]>47 formellen Konkurse, man lasse ihn entweder seinen Vorstand aus seiner Mitte wie auf Universitäten wählen oder gebe ihm einen bloßen ökonomischen Verwalter bei, welcher sich nicht <erlauben darf, ungehörige Eingriffe in die Lehrthätigkeit zu nehmen [?]>48, lasse den Professor-Senior die Lehrkörpersitzungen leiten <[?]>49 und man wird den Professoren ein Gespenst nehmen, welches ihnen ihren Wirkungskreis verleidet; man wird die Garantie des besten Erfolges für das Gedeihen einer Anstalt in die Hände einer Korporation, einer stets höchst achtbaren moralischen <und [?]>50 Person direkt gelegt haben. <Soviel zur Aufklärung der öffentlichen Meinung über eine gewiß sehr wichtige vaterländische Angelegenheit; soviel auch zu [?], die gelegentlich der nothwendig [?] Reformen ein „Geschäft“ machen möchten.>51