Rudolph Kink an Leo Thun
Triest, 18. Juli 1858
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Ministerium für Kultus und Unterricht Unterrichtsreferenten

Euere Exzellenz!

Bei meiner Rückkehr nach Triest wurde ich auf der Durchreise durch Venedig von dem Herrn Statthalter Grafen von Bissingen aufgefordert, mich zu erklären, ob ich die Unterrichtsreferentenstelle in Venedig an Martelli’s statt übernehmen wolle.
Obgleich nun mein Wunsch nicht nach Venedig und überhaupt nach Italien, sondern wie Euer Exzellenz wohl bekannt ist, auf die baldmögliche Rückkehr nach Wien gerichtet ist und obgleich ich wohl weiß, daß mit dieser Stelle, welche eine genaue Personalkenntnis und ein taktvolles Vorgehen erheischt, mancherlei Schwierigkeiten, besonders für den Anfang, verknüpft sind, so überwog doch die Betrachtung, daß mein Wirkungskreis in Triest mir je länger je weniger zusagen kann. Das Volksschulwesen ist in den Händen des Schulrathes Laukotsky sehr gut aufgehoben; die Gymnasien geben, einzelne Ausnahmen abgerechnet, den Referenten wenig zu schaffen. Auch die nautische Akademie ist, wie ich mich täglich mehr überzeuge, bei Littrow – einzelne Übereilungen und Ausschreitungen abgerechnet – in sehr guten Händen; sie wird gewiß in Kurzem überraschende Forstschritte zeigen. Ich bin Herrn von Littrow das Zeugnis schuldig. Daß diese Fortschritte kommen, dazu kann ebenfalls wieder der Referent nur sehr mäßig beitragen. In wissenschaftlicher Hinsicht kann ich hier nicht nur selbst nichts thun, sondern auch nicht einmal irgendwo oder auf irgend Jemand Einfluß nehmen. Beides, hoffe ich, kann sich in Venedig günstiger gestalten.
Ich gab daher dem Herrn Statthalter meine Einwilligung und erhielt die Nachricht, daß sein Vorschlag sogleich und ohne die Genehmigung der von Martelli eingereichten Pensionirung erst abzuwarten, schon ablief.
Da ich nun bei meinem letzten Aufenthalte in Wien Eurer Exzellenz die Bitte um die Übersetzung zur niederösterreichischen Statthalterei vorbrachte, so halte ich mich verpflichtet, von dem obigen Vorgange die Anzeige zu machen, damit es nicht den Anschein habe, als ob ich bei zweierlei Thüren zugleich habe anklopfen wollen. Dies ist wahrlich nicht der Fall, ich kann vielmehr beifügen, daß, wenn die Übersetzung nach Wien möglich wäre, ich dieselbe jedenfalls jener nach Venedig vorziehen würde. Überdies hatten Eure Exzellenz selbst einmal den Wunsch, nach Venedig überzutreten, rücksichtlich meiner ausgesprochen.
Ich darf mir daher wohl erlauben, auch für diesen Fall um Euer Exzellenz gnädige Unterstützung zu bitten und hiebei auch die schon einmal gestellte Bitte zu wiederholen, daß Eure Exzellenz mich nicht für immer in Italien lassen und dort vergessen mögen.

In tiefer Verehrung
Eurer Exzellenz
gehorsamster Diener
Rudolf Kink

Triest, 18. Juli 1858