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Dokument Rudolf Kink an Leo Thun
Wien, 26. September 1853
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D227
Regest

Ministerialkonzipist Rudolf Kink berichtet Thun über die Arbeit an seiner Geschichte der Universität Wien. Zunächst betont er, dass er sich über das Lob des Ministers sehr gefreut habe. Dann äußert er sich zur Gestaltung des letzten Kapitels: Dieses habe er mit großer Überwindung verfasst, weil es aus seiner Sicht besser gewesen wäre, die Darstellung mit dem Jahr 1790 zu beenden. Er möchte daher, dass dieser letzte Teil lediglich als Anhang gedruckt werde. Kink berichtet außerdem, die Änderungswünsche Thuns eingearbeitet zu haben, und hofft, dass dem Abschluss des Werks nun nichts mehr im Wege stehe. Kink versichert Thun schließlich, dass durch die Überarbeitung nun keine Überschneidung mit dem Werk Flirs zu befürchten sei und dass er sich mit allzu scharfen Urteilen über die Reformen der Theresianischen Ära zurückgehalten habe.

Beilagen, Anmerkungen

Unter dieser Signatur befinden sich weitere vier Briefe Kinks, die dieselbe Angelegenheit betreffen:
Rudolf Kink an Leo Thun. Wien, 23. August 1853.
Rudolf Kink an Leo Thun. Wien, 20. September 1853.
Rudolf Kink an Leo Thun. Wien, 27. September 1853.
Rudolf Kink an Leo Thun. Wien, 6. Oktober 1853.

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Transkription

    Euer Excellenz!
    Hochgeborner Herr Graf!

    Auf das gütige Schreiben Eurer Excellenz, welches ich gestern erhielt, muß ich vor allem anführen, daß die Zufriedenheit, welche Euer Excellenz über meine Arbeit aussprachen, mir überaus werth, ja der größte Lohn ist, den ich mir dafür erwarten könnte. Denn es kam mir vor, daß ich nun auf die zwei Jahre meines Wirkens für diese Aufgabe mit der Befriedigung zurückblicken könne, ein gutes Werk damit gethan zu haben. Ob es, wenn es nun in die Welt tritt, mehr oder weniger Beifall finden und so manche Mängel, die an ihm haften, auch nicht verhehlen wird können, das alles kann dem frohen Bewußtsein, das Rechte gewollt und nach Kräften geleistet zu haben, nichts mehr anhaben.
    Mit den Bemerkungen, welche Euer Excellenz namentlich über die Fassungsweise der letzten Abtheilung beifügten, haben Euer Excellenz ein Thema berührt, dessen wunden Fleck ich selbst schon seit längerer Zeit, wenngleich von einer anderen Seite aus, erkannte, und ich erlaube mir, mich darüber ganz offen auszusprechen.
    Jede geschichtliche Arbeit von Werth hat, wie jedes Kunstwerk, ihre Gesetze, welche deren Organismus und Gestalt mit solcher Nothwendigkeit bedingen, daß man sich nicht dagegen vergehen kann, ohne ihren künstlerischen Werth zu verringern oder zu zerstören. Wo aber letzterer fehlt, da fehlt auch jede Weihe, und man hätte besser gethan, lieber ganz davon zu lassen. Je mehr ich nun in meiner Arbeit dem Ende zuschritt, umso näher stellte sich mir die Mahnung, daß ich mit dem Jahre 1790 ganz abschließen und nicht weiter vorwärts gehen solle, und zwar nicht bloß aus dem Grunde, weil überhaupt die Geschichte in die Neuzeit herein sich nicht wagen soll, sondern aus tiefern, im innern Bestehen des Werkes selbst gelegenen Motiven. Man mag die Sache drehen wie man will, man wird nach 1790 nicht mehr wohl einen richtigen Abschluß, einen andern, der bloß willkührlich wäre, finden können. Ich kann Euer Excellenz versichern, daß es mir in der Seele weh gethan hat, aus bloßen praktischen Gründen diese Mahnung überhören und über 1790 hinaus gehen zu müssen; ich schrieb die letzte Abtheilung mit einer wahren Überwindung. Es ist schwer, dies umständlicher in Worte zu fassen, Euer Excellenz wissen das selbst recht gut, und einem andern, dem künstlerisches Auge und Maß abgeht, es erklären zu wollen, wäre vergebliche Mühe. Demnach läßt es sich nun nicht mehr ändern, denn es kommen in den bereits fertig gedruckten Theilen Bezugnahmen vor, die völlig widersinnig oder unverständlich wären, wenn die Darstellung auf irgendeine Weise sich nicht auch ins 19. Jahrhundert erstreckte. Wäre dies nicht, so würde ich nichts Eiligeres vorzuschlagen haben, als daß man die letzte Abtheilung ganz cassiren sollte. Wohl aber sehe ich gerade in den von Euer Excellenz ausgesprochenen Wünschen einer Abänderung den besten Ausweg aus dieser Sache.
    Die letzte Abtheilung wäre so zu fassen, daß sie nicht bloß dem Titel, sondern auch ihrem ganzen Wesen nach sich als einen bloßen „Anhang“ kennzeichnet, dem man es ansieht, daß er, künstlerisch gesprochen, zu dem Ganzen des Werkes gar nicht mehr gehören, sondern nur zum Zwecke des Nachschlagens usf. ein, vielleicht nicht unwillkommenes Materiale bieten will. Sie hätte daher rein nur einen referirenden Auszug zu bringen, in Betreff dessen es umso besser ist, je mehr er gegen die frühere pragmatische Behandlungsweise absticht. Damit wäre zugleich auch gerade das erreicht, was Euer Exzellenz wünschen. Es hätte daher nur der Martinische Studienplan und die nachfolgenden Änderungen bis 1824 zu folgen und zwar ohne subjective Beimischungen; daran hätte sich dann ein Auszug der Reformvorschläge vor 1848 zu reihen, welcher jedoch mit Petiteslettern zu setzen wäre, um anzuzeigen, daß er wirklich nur ein „Nachhang“ sein will. Eine unliebsame Correlation mit dem amtlichen Reformelaborate kann sich schon deshalb nicht ergeben, weil ich, wie Euer Excellenz schon bemerkt haben werden, die mir aufgetragene Kürzung der Flir'schen Ausarbeitung absichtlich in einer Weise vollzog, daß sie mit meiner Darstellung keine äußere Ähnlichkeit mehr hat und daher die Insinuation einer gemeinsamen Feder für beide beseitigt. Darnach brauchte es, strenge genommen, gar keinen weitern Schluß mehr; wollen aber Euer Exzellenz dennoch, daß ein solcher beigefügt werde, so werde ich ihn nach den mir gegebenen Andeutungen ausarbeiten. Der eigentliche Schluß liegt in den letzten Worten der I. Abtheilung des IV. Buches.
    In diesem Sinne hoffe ich, in kürzester Frist die umgeänderte Arbeit übersenden zu können.
    Beiliegend folgt die Darstellung der Josefinischen Periode wieder mit.1 Ich habe auf den durch Einbug bezeichneten Blättern bereits die nöthigen Änderungen vorgenommen. Die Stelle, die ich bei Bogen 69 nur andeutete, kann wegbleiben, wenn es gewünscht wird. Alles Übrige scheint mir unbedenklich, weil es sich von allen gesuchten Analogien mit der Gegenwart ganz ferne hält. Auch füge ich die Versicherung bei, daß ich auch in Betreff der Theresianischen Zeit alle überflüssigen Schärfen oder etwa eingeschlichenen Correlationen bei der Correctur sorgfältig entfernen werde.
    Dadurch hoffe ich wird sich die Sache ganz gut, vielleicht auch ohne Unterbrechung für Gerold, redressiren lassen.
    Unter Versicherung meiner tiefen Ehrfurcht

    Eurer Exzellenz

    gehorsamster Diener
    Rudolf Kink

    Wien, am 26. September 1853