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Dokument Friedrich Ludwig Keller an Leo Thun
Berlin, 1. Oktober 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D287
Regest

Friedrich Ludwig Keller, Professor an der Universität Berlin, berät Leo Thun bei der Suche nach einem geeigneten Kandidaten für den Lehrstuhl des Römischen Rechts an der Universität Wien. Keller hat dazu einige Nachforschungen angestellt. Zunächst informiert er Thun jedoch, dass Karl Georg Wächter den an ihn ergangenen Ruf nicht annehmen werde. Da außerdem Carl Ludwig Arndts, wie Thun selbst glaubte, nicht zu gewinnen sei, wäre von den katholischen Kandidaten am ehesten Alois Brinz aus Erlangen geeignet. Keller kann allerdings nichts über dessen Fähigkeiten als Lehrer berichten. Er bietet daher Thun an, sich in Erlangen selbst ein Bild über das Lehrtalent von Brinz zu verschaffen. Von den protestantischen Professoren kann Keller Karl Georg Bruns aus Halle und Otto Müller aus Leipzig empfehlen. Bruns hatte sich zwar zeitweise der Hegelschen Philosophie zugewandt, sich aber mittlerweile wieder davon entfernt. Anschließend erörtert Keller, welches Gehalt man beiden jeweils bieten müsste, um sie nach Wien locken zu können: Müller wäre wohl mit 2.000 Gulden, Bruns aber wohl nur mit 3.000 zufriedenzustellen. Keller glaubt außerdem, dass man Bruns gegenüber besonders die herausragende Stellung Wiens hervorheben müsste, um ihn für das Angebot begeistern zu können.

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Transkription

    Euer Excellenz,

    gnädige Erlaubnis mich über die für den Lehrstuhl des Römischen Rechtes in Wien geeignete Persönlichkeit zu äußern, benütze ich hiermit gehorsamst, nachdem ich zu diesem Behufe mich so genau wie möglich erkundigt, zu diesem Behufe auf der Rückreise einige Universitäten besucht und zuletzt auch noch mit Wächter, der mir leider seinen Entschluß mittheilte, dem erhaltenen ehrvollen Rufe nicht zu folgen, mich berathen hatte.
    Da Arndts, wie Euer Excellenz annehmen, nicht zu gewinnen ist, so wüßte ich unter den katholischen Civilisten keinen, der mehr wäre als Brinz in Erlangen, welcher eben im Begriffe steht vom Extraordinarius zum Ordinarius zu passiren; allein diesen kann ich nach der Art seiner Schriften zu dieser Stelle in der That nicht empfehlen und werde in diesem Befinden neuerlich auch durch Wächter bestärkt. Möglich wäre es allerdings, daß durch besondere Eigenschaften in Lehrtalent, Charakter und dergleichen der Mangel aufgewogen würde, und ich kann deßhalb nur meine gehorsamste mündliche Äußerung wiederholen, daß falls Euer Excellenz auf diesen jüngern Gelehrten reflectiren sollten, ich mir zur angenehmen Pflicht machen würde, auf den ersten Wink denselben in Erlangen aufzusuchen und über seine gesammte Persönlichkeit nach bester Wahrnehmung umständlichen Bericht zu erstatten.
    Unter den protestantischen Civilisten gestatte ich mir gehorsamst vorzugsweise auf Bruns in Halle (einem Verwandten von Schrader in Tübingen) und Otto Müller in Leipzig aufmerksam zu machen; der erstere etwas über, der letztere etwas unter 35 Jahren, beide mir genau durch ihre Schriften und persönlich bekannt. Bruns, der ein bedeutendes Buch über den Besitz geschrieben hat, ist das größere Talent, hat zwar eine Zeitlang etwas sehr in die Hegelsche Philosophie hinein gegeben, soll aber, wie mich namentlich auch Wächter versicherte, in der neusten Zeit auf eine recht vortheilhafte Weise davon zurück gekommen sein. Müller bewegt sich fortwährend auf dem Wege solider und tüchtiger Quellenforschung, welche auch Bruns nie verlassen hat. Müller hat eine kleine Schrift über Eisenbahnvergehen, dann eine größere über Eriction und neuerlich ein hübsches Lehrbuch der Institutionen geschrieben. Lehrtalent, Sinn für die eigenthümliche Stellung und Aufgabe in Wien und der hiezu erforderliche Charakter ist, wie ich überzeugt bin, bei beiden in vollem und gleichem Maße vorhanden. Bruns hat in Halle 1200 rtlr. Gehalt und gute Aussicht, Müller ist in bedeutend geringerem Gehalt und in seinen Verhältnissen und Aussichten etwas beengt durch die erst nach seiner Berufung eingetretene Concurrenz Wächters, neben welchem er übrigens eine ganz hübsche und sehr zu seiner Ehre gereichende Stellung behauptet. Demnach bin ich überzeugt, daß Müller die Stelle in Wien mit fl 1800 bis 2000 in Freude, Eifer und Liebe ergreifen würde; bei Bruns müßte im Gehalt nahmhaft höher, wohl etwa fl 3000 gegangen werden, zumal es einmal die Unart deutscher Professoren ist, einen an sie ergangenen Rufe gerne zuerst zu einem Versuche einer Verbesserung der bisherigen Stellung zu benutzen; wozu in diesem Falle Bruns mehr Anlaß als Müller hätte, sodaß ich wirklich, falls die Wahl Euer Excellenz auf Bruns fallen sollte, gehorsamst anheimgeben möchte, demselben die hohe Bedeutung und das Ansprechende und Begeisternde der Stellung in Wien auf vertraulichem Wege darstellen und seine Äußerung darauf vernehmen zu lassen, welches Geschäft, wenn Euer Excellenz es wünschen sollten, ich sofort durch mündliche Unterredung mit Freuden besorgen würde.
    Von meinen neueren Schriften, deren ehrerbietige Übersendung mir Euer Excellenz gnädigst haben gestatten wollen, fehlt mir noch etwas weniges, wodurch die Übersendung sich noch um etwa 8 Tage verzögern wird.
    Indem ich es mir zur größten Ehre und Freude nehme, wenn ich durch obige oder künftige gehorsamste Mittheilungen zur ersprießlichen Besetzung des wichtigen Lehrstuhles etwas beitragen oder sonst Euer Excellenz dienen kann, bin ich

    Euer Excellenz

    ganz gehorsamster
    Dr. Friedrich Ludwig von Keller, k. Geh. Just. R. und Professor

    Berlin 1. Oktober 1854