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Dokument Bernhard Jülg an Leo Thun
Krakau, 8. Januar 1855
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D323
Regest

Der Philologe Bernhard Jülg informiert Leo Thun über die Situation an der Universität Krakau. Zunächst teilt er Thun mit, dass er kein Urteil über Sigmund Sawczynskis Eignung für philologische Studien abgeben könne, da er diesen nur flüchtig kenne. Er könne nur wiederholen, was er von anderen gehört habe, nämlich dass Sawczynski ein strebsamer und talentierter junger Mann sei. Außerdem konnte er in Erfahrung bringen, dass Sawczynski umfangreiche Sprachstudien absolviert habe. In der Folge berichtet Jülg von seiner Lehrtätigkeit in Krakau. Er betont dabei, dass erst die jüngste Generation an Studenten, welche aus den bereits reformierten Gymnasien hervorgegangen ist, für das Studium der klassischen Philologie wirklich gewappnet sei. Daher musste er bisher viel grundlegendes Wissen vermitteln und großes Augenmerk auf die grammatikalischen Kenntnisse legen. Er kann deshalb auch nur wenige sprachwissenschaftliche Kollegien anbieten. Er erwähnt außerdem einige Studenten, die für das Lehramt talentiert erscheinen. Aus Jülgs Sicht wird es allerdings noch einige Zeit dauern, bis sich das Seminar in Krakau mit vergleichbaren Seminaren in Deutschland wird messen können. Ein wesentlicher Grund hierfür ist auch der schlechte Zustand der Universitätsbibliothek in Krakau. Durch das Fehlen von grundlegender Literatur und Spezialwerken wird sogar er selbst in seiner wissenschaftlichen Arbeit beschränkt. Zuletzt erwähnt er, dass er mit einem Lemberger Kollegen Schmidt eine naturhistorisch-etymologische Studie zu Tiernamen plane. Gleichzeitig empfiehlt er den Kollegen für den vakanten Lehrstuhl der Zoologie an der Universität Krakau.

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Transkription

    Hochgeborner Herr Graf!
    Hochgebietender Herr Minister!

    Auf die geehrte Anfrage Eurer Excellenz in Betreff Sawczynski’s säume ich nicht, Hochdenselben gehorsamst zu erwiedern, daß derselbe mit mir in keine Berührung getreten ist und ich ihn nur von flüchtigem Sehen kenne. Dagegen habe ich oft und von verschiedenen Seiten gehört, z.B. vom Director des Gymnasiums, vom Schulrath Czerkawski, und andern competenten Stimmen, daß er ein ausgezeichneter Kopf, ein strebsamer junger Mann, ein trefflicher Lehrer der Geschichte sei. Sprachvergleichende Studien im weiteren Sinne hat er bisher aber jedenfalls nicht gemacht; daß er aber mit Polnisch, Ruthenisch innig vertraut sei, Kirchenslawisch von Haus aus gelernt habe, Böhmisch theoretisch verstehe, das habe ich nach genauer Erkundigung als ganz zuverlässig erfahren. Daß er sich zu einem Collegium über Sanskrit bei mir gemeldet, dasselbe aber wegen zu geringer Zahl von Theilnehmern nicht zu Stande gekommen sei, ist insofern nicht ganz richtig, als ich überhaupt in Krakau nie ein Collegium über Sanskrit angekündigt habe; wie Euer Excellenz aus den hiesigen Lectionsverzeichnissen ersehen, von einem Nichtzustandekommen also auch keine Rede sein kann. Es mag sich dies darauf reduciren, daß er wahrscheinlich eine solche Vorlesung von mir besucht haben würde, wenn ich Zeit gefunden hätte, sie zu halten, wie ich denn mehrfach zu einer solchen mit Aussicht auf zahlreiche Theilnahme aufgefordert wurde, ich konnte aber leider, zu sehr mit der classischen Philologie beschäftigt, bisher nicht daran denken. Ich kann also ein positives Urtheil über Sawczynski’s Befähigung zu linguistischen Studien nicht abgeben, zweifle aber nicht, daß er bei seinem Talente und bei der tüchtigen Grundlage im Slawischen, wenn er sich etwas mit allgemeiner Sprachwissenschaft bekannt macht, auf diesem Gebiete Etwas zu leisten im Stande ist.
    Mit den philologischen Studien hierselbst wird es nur nach und nach gehen, bis die Studirenden vollständig der neuen Generation angehören. Die Leute von früher können sich nicht zurecht finden, selbst Supplenten des Gymnasiums besuchen die Vorlesungen nur spärlich. Dagegen kommt nach und nach der jüngere Nachwuchs, der zusehends sich bessert. Wirkliche Philologen habe ich in der Regel bisher 6 bis 8 gehabt, deren Studienzeit aber erst zwei Jahre dauert, die ältern sind meist verschwunden. Zwei der trefflichsten Zuhörer, die viel versprachen, sind seit lange krank, ich weiß nicht, ob sie zu einem Examen gelangen werden, der eine davon hat seit diesem Curs wieder einen frischen Anlauf genommen, doch ist seine Gesundheit sehr problematisch. Ein ausgezeichneter Mensch ist der Supplent Fuk am hiesigen Gymnasium, der gewiß ein trefflicher Philologe werden wird; er unterzieht sich noch im Verlauf des Semesters der Prüfung in Wien, er fertigt gegenwärtig seine Prüfungsarbeiten. Nächst ihm beendet mit dem Herbst Niziol sein Triennium, gerade kein Talent, doch gewiß dereinst ein fleißiger Lehrer, nur ist ihm das Deutsche schwer, seine Unterrichtssprache wird mit Erfolg nur die polnische sein können. Zwei andre junge Studirende sind erst ein, beziehungsweise ein halbes Jahr hier. Außer diesen besuchen noch manche die Vorlesungen, ohne Philologie zu studiren. Es geht langsam, aber aller Anfang ist eben schwer. Von Jahr zu Jahr wird es besser werden. Ich muß noch immer mein Hauptaugenmerk auf grammatisches Wissen richten, wozu das philologische Seminar Gelegenheit genug bietet. Es wird schon noch einige Zeit vergehen müssen, bis ich dasselbe auf die Höhe der philologischen Seminarien in Deutschland bringen kann, bis größere wissenschaftliche Arbeiten und Forschungen unternommen werden können. Doch ist dabei auch ein Haupthindernis der Büchermangel. Die Universitätsbibliothek ist in den zwei letzten Decennien, weil kein Mensch sich darum kümmerte, in der Philologie fast ganz vernachlässigt. Die Bedürfnisse zur Vorbereitung eines Gymnasiallehrers sind durch die durch Ersparnisse an Seminarstipendien ermöglichte Anlegung einer Seminarbibliothek noch nicht einmal gedeckt, die Studirenden haben kaum zu ihrer Vorbereitung das Nothdürftigste, an Behelf zu größern philologischen Arbeiten fehlt es aber völlig. Das trifft mich nicht minder. Ich bin zu einer größern Arbeit völlig außer Stande, schon oft war Etwas begonnen, aber aus Mangel an Hilfsmitteln mußte es wieder aufgegeben werden. Ein weiterer Übelstand für unsere Studirenden ist ihre Armuth, die sie nöthigt einen großen Theil ihrer Zeit dem Privatunterricht zur Beschaffung ihres Unterhaltes zu widmen. So wird den Studien viele kostbare Zeit entzogen, allein dem läßt sich nicht begegnen. Doch soll mich das nicht abschrecken; ich hoffe, daß in ein bis zwei Jahren jährlich ein und der andere Lehrer aus dem hiesigen Seminar hervorgehen wird.
    Was meine Vorlesungen selbst betrifft, so mußte ich sie auf classische Philologie beschränken, als alleiniger Vertreter derselben; und da kann ich in einem dreijährigen Cyclus fast kaum zu Stande kommen. Nur ein Mal habe ich ein sprachwissenschaftliches Collegium gelesen. Das Nothwendigste über Sprachvergleichung für Philologen habe ich in andere Vorlesungen bei passender Gelegenheit einfließen lassen. In grammatischen Dingen ist gegenwärtig Sanskrit freilich fast unentbehrlich, aber die Zeit reicht mir nicht aus.
    Größere Arbeiten auf dem classischen Gebiete sind bei den hiesigen Hilfsmitteln, wie ich schon erwähnte, unmöglich. Eine frühere Arbeit habe ich wieder aufgenommen, nämlich das Kalmükische, seit die k.k. Hof- und Staatsdruckerei Typen dafür hat gießen lassen, ich hoffe, in der nächsten Zeit irgend ein kalmükisches Literaturwerk drucken lassen zu können. Es ist noch Nichts gedruckt und ich habe eine ziemliche Anzahl Manuscripte beisammen. Eine andere weitschichtige Arbeit habe ich mit Prof. Schmidt in Lemberg noch zur Zeit meines dortigen Aufenthaltes begonnen, eine naturhistorisch-etymologische Analyse der Thiernamen in den indoeuropäischen Sprachen; leider sind wir jetzt nur auf den schriftlichen Austausch unserer Forschungen angewiesen, was ungemein hemmend und zeitraubend ist. Ich wage es bei dieser Gelegenheit Eurer Excellenz die ehrfurchtsvollste Anfrage zu unterbreiten, ob es nicht möglich wäre, da die Lehrkanzel der Zoologie hier noch unbesetzt ist, Schmidt hierher zu berufen. Soweit ich ihn und die hiesigen Verhältnisse kenne, würde er ganz besonders für hier passen, und dadurch wäre uns die beste Muße und Gelegenheit zur Vollendung unserer so nur Stückwerk bleibenden Arbeit gegeben. Eine Versetzung hierher wäre ihm freilich, weil er schon so oft zog, unangenehm, wie ich weiß; aber dem Befehle Eurer Excellenz Folge leistend würde er mit Freuden diese Lieblingsarbeit wieder aufnehmen. Ich muß aber Euer Excellenz wegen dieser unbescheidenen Anfrage sehr um Verzeihung bitten, doch glaubte ich sie im Interesse der Wissenschaft nicht zurückhalten zu sollen.
    Indem ich glaube, durch Vorstehendes dem Wunsche Eurer Excellenz entsprochen zu haben, erlaube ich mir hier wiederholt den Ausdruck des innigsten Dankes und der tiefsten Verehrung beizufügen, die mein Herz für Hochdieselben so laut fühlt; Euer Excellenz haben meine Stellung mir geschaffen, ich werde Zeitlebens Ihren Namen segnen. Doch sind Worte nur ein schwacher Ausdruck für Gefühle, möchten diese ihren schwachen Wiederhall finden in den Worten des Dichters: Semper honos nomenque Tuum laudesque manebunt.
    Mit der Bitte um die Gewogenheit Eurer Excellenz auch für die Zukunft verharre ich in dem Gefühle der wahrsten und innerlichsten Verehrung

    Hochderselben stets dankbarster
    B. Jülg

    Krakau 8. Januar 1855