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Dokument Constantin Höfler an Leo Thun
Prag, 5. Juni 1857
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D418
Regest

Der Historiker Constantin Höfler übersendet Thun einen Druck seiner Rede vom 28. Mai des Jahres, die er in der Aula der Universität gehalten hat. Bei dieser Gelegenheit wurden erstmals Preisfragen der Philosophischen Fakultät veröffentlicht. Die Rede und die Aufgaben wurden mit Begeisterung aufgenommen. Er hofft, dass Thun ebenfalls Zeit finden wird, sie zu lesen und er mit der Auswahl der Preisfragen zufrieden ist. Anschließend geht Höfler auf verschiedene Personalfragen ein und empfiehlt unter anderem den Englischlehrer Richard Raby, der sich für verschiedene Stellen in Prag beworben hat, und den Priester Martin Katzenberger aus Bamberg. Schließlich weist er darauf hin, dass demnächst die Beratungen hinsichtlich des Neubaus eines Gebäudes für die naturwissenschaftlichen Fächer anstünden. Dabei gäbe es jedoch verschiedene Hindernisse zu überwinden. Höfler hofft gleichzeitig, dass mit dem neuen Gebäude die Philosophische Fakultät wieder Räume im Carolinum erhalten werde.
In der Beilage teilt Höfler dem Minister die wesentlichen Ergebnisse der Beratungen für die Neuaufteilung der Räumlichkeiten an der Prager Universität mit. Zentrale Übereinkunft der Professoren war, beim Ministerium eine Verlegung des Altstädter Gymnasiums zu beantragen und in den dortigen Räumlichkeiten dann die naturwissenschaftlichen Fächer der Universität unterzubringen. Die Philosophische Fakultät solle außerdem jenen Hörsaal im Carolinum erhalten, den bisher der jüdische Buchhändler Schalek benütze. Damit könnte man von einem Neubau absehen. Höfler hofft, dass Thun diesen Vorschlag unterstützen wird.

Beilagen, Anmerkungen

Beilage: Zusammenfassung der Beratungen zur baulichen Umgestaltungen der Prager Universität.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Euer Excellenz!

    Ich hielt es für meine Pflicht, das erste Exemplar meiner am 28. vorigen Monats in der akademischen Aula in Gegenwart Seiner Eminenz des Herrn Universitätskanzlers gehaltenen Rede1 samt den Thematen der Preisaufgaben Eurer Excellenz zuzusenden, so daß sie meiner Berechnung nach zur selben Stunde, in welcher sie gehalten wurde, 12 Uhr, sich in den Händen Eurer Excellenz befinden sollte. Da mir aber Herr Dr. Nowak meldete, sie sei unbegreiflicher Weise nicht Eurer Excellenz zu Handen gekommen, während ich sie doch selbst auf die Post trug und in Gegenwart des Dr. Gindely in den Kasten legte, so beeile ich mich Eurer Excellenz ein anderes Exemplar zu Füßen zu legen. Ich würde mich sehr glücklich fühlen, wenn Euer Excellenz es lesen wollten. Nach Allem, was mir von den verschiedensten Seiten gesagt wurde, ist der Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen niemals bei einer öffentlichen Gelegenheit, vor einem gemischten Publicum so stark hervorgetreten und der Sieg des Letztern so augenfällig gewesen, als bei dieser Feier. Die Wirkung dürfte als nachhaltig bezeichnet werden. Ein wohlthätiges Feuer schien sich über die Versammlung zu verbreiten und daß ich (außer unseren Preisen) eine Handvoll Dukaten zu besserer Dotirung von den verschiedensten Personen erhielt, möchte dafür sprechen, daß die Sache auch in andern Kreisen Anklang fand. Ich habe die sehr triftigen Bemerkungen, welche einmal die Kreuzzeitung gegen Preisaufgaben machte, wenn dieselben ein Famulat für ein bestimmtes System herbeiführen sollen oder den Candidaten aus seiner natürlichen Entwicklung herausreißen, sehr wohl beherziget und eben deshalb mich entschieden gegen eine derartige Auffassung ausgesprochen. Die philosophische Preisaufgabe ist mit bestimmter Rücksicht auf die Philologen, die historische mit gleicher Beziehung auf die cand. juris gegeben und berührt die Zeit, in welcher Böhmen die Verwirrung im deutschen Reiche klug benützend, sich aus der Zersplitterung zu staatlicher Einheit, aus dem Verfalle zu so großem Ansehen emporarbeitete, daß die Wendung der europäischen Politik durch die Erhebung Friedrichs II. von einem Könige Siciliens auf den deutschen Thron von Otokar I. ausging. Gebe Gott zum Ganzen seinen Segen!
    Der Engländer Raby aus München, welcher in diesen Tagen hier war, ist wie ich eben hörte, vom Verwaltungsrath der Handelsschule zum Lehrer der englischen Sprache designirt. Ich führte ihn zu dem Herrn Generalgroßmeister, welcher ihm für den Fall, daß Euer Excellenz den Organisationsplan der polytechnischen Schule, wobei ein englischer Lehrer mit 600 fl ein Religionslehrer, Prediger und zugleich Professor der Philosophie mit 1600 fl beantragt sind, bekräftigen sollten, seine Stimme zu der erstgenannten cattedra versprach. Dasselbe hat so viel ich weiß auch Dr. Walter gethan. Endlich liegt von Herrn Raby auch eine Eingabe an das philosophische Professorencollegium um eine Lectorstelle der englischen Sprache und Literatur vor. Mr. Ricard, Professor der französischen Sprache und Literatur an der Handelsschule, hat mir heute ein Gesuch um eine Privatdocentur für französische Sprache und Literatur an unserer Facultät gebracht. Er spricht vortrefflich, hat ein sehr angenehmes Äußeres und scheint ein Mann von vieler Bildung zu sein. Ich darf vielleicht bei dieser Gelegenheit hinzufügen, daß die Sache seiner Ernennung als Privatdocent mit Sehnsucht entgegensieht – daß in Bamberg ein Professor der Philosophie, namens Dr. Katzenberger, sich befinde, welcher als Geistlicher ebenso die allgemeine Achtung erlangte wie als Professor, wage ich in Bezug auf die bei dem Polytechnicum beantragte Stelle ganz unmaßgeblich zu bemerken.
    Morgen findet eine Commissionssitzung in Betreff des Neubaues für naturwissenschaftliche Fächer statt. Der Rector, der philosophische Professorendecan und Prof. Pierre werden sich hiebei für die Versetzung der Anatomie aus der Universität, dem Centrum der Stadt und dem Aufenthalt der Lebenden in das Krankenhaus und Unterbringung der Physik in den Räumen des Carolins aussprechen und in dieser Beziehung einen submissen Antrag stellen. Wie mir Prof. Löscher [sic, richtig Löschner] sagt, scheitern viele sanitätspoliceiliche Maßregeln in Prag an der Thatsache, welche freilich einzig in ihrer Art sein dürfte, daß die Leichen vom Krankenhause durch den belebtesten Theil der Stadt ins Carolinum gebracht werden, daß dort Sectionen und Präparationen statt finden. Daß die philosophische Facultät, welcher Kaiser Karl das Carolin schenkte, daselbst nicht einmal einen Hörsal besitzt, wohl aber H. Schalek die bel étage einnimmt, gehört mit zu den bedeutenden Eigenthümlichkeitn des Carolins. Und doch sind jetzt die philosophische und juristische Facultät so enge mit einander verbunden, daß ein philosophischer Hörsal im Carolinum bereits ein steigendes Bedürfnis wird, abgesehen von dem physikalischen, welcher wo möglich in der Nähe des chemischen Laboratoriums sein sollte.
    Indem ich meine Bitte, Euer Excellenz möge die Rede einer gnädigen Aufmerksamkeit würdigen, zu wiederholen wage, habe ich die Ehre zu verharren in tiefster Ehrfurcht

    Euer Excellenz
    unterthänigst gehorsamster Diener
    Dr. C. Höfler

    Prag, 5. Juni 1857

    Da die Commission glücklicher Weise nach langen Erörterungen sich einigte, so erlaube ich mir Euer Excellenz die Anträge dem wesentlichen Inhalte nach vorzulegen:
    1. Der projectirte Neubau im Clementinum unterbleibt. Dagegen sollen Eure Excellenz gebeten werden, das Altstädter Gymnasium zu verlegen – eventuell in das Bouquoische Haus – und dessen Räumlichkeiten den naturhistorischen Fächern zu übergeben.
    2. Solle der erste Stock – unbeschadet der Wohnung des Bibliothekars – Prof. Pierre für das physikalische Cabinet, Laboratorium, Hörsal, Wohnung des Cabinetsdieners eingeräumt werden.
    3. Der zweite Stock, wie ihn das Altstädter Gymnasium besessen, solle dem Prof. Stein für das zoologische Museum überwiesen werden.
    4. Prof. Reuß erhält für mineralogisches Cabinet, Hörsal, Arbeitszimmer, Lokalität für den Amtsdiener das bisherige zoologische Cabinet und die mineralogischen Localitäten zusammen.
    5. Prof. Dr. Kosteletzký erhält einen Hörsal im Carolinum und zwar den, wo bisher der Buchhändler Schalek wohnte. Dieser Hörsal, welchen weder die medicinische noch die juristische Facultät benützt, wird zugleich von denjenigen Professoren der philosophischen Facultät benutzt, welche obligate Collegien für die Juristen lesen und bisher wegen Mangel an Hörsälen zur ungelegensten Stunde für Candidaten wie für Professoren lesen mußten. Dadurch wird einem wesentlichen Übelstande abgeholfen werden, ohne daß den beiden anderen Facultäten ein Nachtheil erwächst. Die philosophische Facultät beansprucht von ihnen nur das bescheidene Plätzchen, welches sie bisher dem Juden Schalek gönnten und doch ihren Collegen nicht verweigern werden! Zugleich soll hier, was uns bisher so sehr abging, ein Lesezimmer für die Professoren begründet werden.
    6. Wird für den Fall der Verlegung des Altstädter Gymnasiums in das Bouquoische Haus beantragt, den Bau einer Capelle zu unterlassen, da die Nähe der Thein- und St. Gallikirchen dieselbe überflüssig machen.
    Das ursprüngliche Project in Betreff der Versetzung der Anatomie ward aus dem Grund aufgegeben, weil es zwar für die Physik am vortheilhaftesten, aber in Betreff der übrigen naturhistorischen Fächer nicht ausgiebig wäre. Es müßte dann doch der Neubau geführt werden, während man so dem Staate die bedeutende Ausgabe erspart.
    Ich erlaube mir nun Eurer Excellenz diese unmaßgeblichen Vorschläge, in welchen sich Prof. Kosteletzký, Reuß, Stein, Pierre mit mir einigten, um so mehr zu empfehlen, als von unserer Seite nur das wissenschaftliche Interesse vorwaltet und wir ja bei einer Verlegung des Gymnasiums in das Bouquoische Haus nicht wohlfeile Mieten verlieren, wie dieses der Fall bei den juristischen Professoren und wohl auch der Grund partieller Abneigung gegen den erwähnten Vorschlag ist.

    In tiefster Ehrfurcht
    Höfler