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Dokument Constantin Höfler an Leo Thun
Prag, 12. April 1857
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D413
Regest

Der Historiker Constantin Höfler teilt dem Minister mit, dass er, wie vom Minister gewünscht, zwischen Pavel Šafařik und Vinzenz Kosteletzky vermittelt habe und eine Einigung zwischen den beiden erzielt werden konnte. Streitpunkt war die Einrichtung einer Botanischen Bibliothek. Anschließend geht er auf verschiedene Angelegenheiten ein, die ihn als Dekan und Direktor der Prüfungskommission betreffen. Er berichtet, dass nach wie vor zahlreiche Studenten der philosophischen Fakultät anstreben, in das Doktorenkollegium aufgenommen zu werden. Obschon zwischen dem Professorenkollegium und dem Doktorenkollegium der Philosophischen Fakultät weniger Reibungen bestünden als etwa bei den Juristen, glaubt Höfler, dass eine Änderung der Rigorosenordnung sinnvoll wäre. Er bittet Thun hierzu um seine Ansichten. Er nennt schließlich einige talentierte Studenten und berichtet über die Ergebnisse der Lehramtsprüfungen. Höfler erwähnt auch, dass sich in der Raumfrage für die Prüfungskommission für Lehramtskandidaten eine Verständigung mit der Kommission für die Juristen abzeichne. Höfler hatte in dieser Sache bereits an Ministerialrat Feil geschrieben. Ein weiterer Punkt, den Höfler anspricht, ist der Wunsch des Kollegiums, die Professoren Johann Heinrich Löwe und Georg Bippart zu ordentlichen Professoren zu befördern. Zuletzt berichtet er, dass der designierte Professor für deutsche Sprache, Johann Kelle, vor kurzem eingetroffen sei.

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Transkription

    Euer Excellenz!
    Hochgeborner Herr Graf!
    Hochgebietender Herr Minister!

    Ich glaube Euer Excellenz die angenehme Nachricht mittheilen zu müssen, daß es mir gelungen ist, eine Verständigung zwischen Herrn Šafařik und Herrn Kosteletzky in Betreff einer botanischen Gartenbibliothek zu Wege zu bringen. Die Berichte an das hohe Ministerium und die k.k. Statthalterei sind bereits fertig und die mir von Eurer Excellenz unter dem 27. Jänner ertheilte, mir am 23. März zugekommene Mission hat somit jenes Ziel erreicht, welches bei so verschiedenen Interessen, Persönlichkeiten und Anschauungen möglich war. Ich habe bereits zu verzweifeln begonnen, als es zuletzt doch gelang, beide Ehrenmänner in einem wesentlichen Punkte zu vereinigen, welcher dann die übrigen als natürliche Folgerungen von selbst ergab. Ich bitte nur Euer Excellenz, da mein Auftrag und meine Vollmacht erloschen sind, die Sache so rasch als möglich zu Ende zu führen, damit nicht neue Schwierigkeiten sich erheben, die herbeizuführen auf einer Seite Personen genug vorhanden sind. Ich wäre sehr gerne diese Ostern nach Wien gegangen lediglich, um Eurer Excellenz aufzuwarten und Hochdieselben mit einigen Verhältnissen, sowohl als Decan wie als Prüfungsdirector bekannt zu machen. Da ich aber das Eisen schmieden mußte, so lange es warm war, und ich erst heute morgens die Vereinbarung abschloß, komme ich leider wieder nicht nach Wien. Euer Excellenz erlauben mir daher wohl mich etwas ausführlicher zu ergehen. Zuerst wünschte ich Euer Excellenz zu melden, daß sich bei der philosophischen Facultät eine Anzahl junger Männer für Rigorosen und Promotion meldete, welche zu sehr schönen Hoffnungen berechtigen. Noch wird das Doctorat bei uns als Ehre gesucht und die Meinung derjenigen, welche die ihnen anvertrauten Studirenden, aus welchen Gründen immer, vom Doctorate abzuhalten suchen, steht daher nicht blos mit dem Gefühle der Studirenden im Widerspruche, sondern hat auch in der That mehr Gründe des Eigenwillens als der Wissenschaft für sich. Wohl läge mir aber unendlich daran die Meinung Eurer Excellenz über diesen Gegenstand kennen zu lernen. Da nicht ohne bedeutende Geldopfer eine Anzahl von Professoren dem philosophischen Doctorencollegium beitrat, so sind bei uns ganz andere Verhältnisse vorhanden als bei den Juristen, wo zwischen Doctoren und Professoren fast immer Spaltungen und Reibungen statt finden. Leicht ließe sich eine für nothwendig erachtete Änderung der Rigorosen, sobald sie angedeutet würde, durch das Collegium selbst, welches vom besten Geiste erfüllt ist, herbeiführen. Ich füge noch hinzu, daß Carl Holzinger, Verfasser der Beiträge zur Erklärung des Demosthenes1, gegenwärtig die Rigorosen macht und noch in diesem Sommer unmittelbar nach der Promotion sich um die Habilitation als Privatdocent der Philologie bewerben wird. Gerne würde Nowotný, welcher jüngst die Prüfung aus Philologie mit Vorzug bestanden hat und den Prof. Schleicher noch vor Guicala [sic, richtig Kvíčala] setzte, gleichfalls promoviren, würden nicht auf ihn Einflüsse geltend gemacht, welche ich in keiner Beziehung billigen kann. Vergebens predige ich beständig, daß man, was an bestehenden Einrichtungen lebensfähig ist, hegen, aber nicht zerstören müsse. Das Gemüth der Niedersachsen ist jedoch, wie schon die alten Cechen meinten, härter als der Felsen (saxis durior). Hier würde es höchst ersprießlich sein, wollten Euer Excellenz geruhen sich für das Doctorat auszusprechen. Geschähe dieses so lange ich Decan bin, so kann ich ohne bedeutende Schwierigkeiten meine Collegen zu jenen Modificationen bringen, welche die Sache erfordert und mit den Intentionen Eurer Excellenz übereinstimmen würden.
    Dieses ist der eine Punkt, welcher mir schwer am Herzen liegt und von dessen Lösung ich viel Günstiges für den geistigen Aufschwung erwarte; würde er anders aufgefaßt, dürfte mannigfaltige Entmuthigung und Störung der bisher glücklich erhaltenen Eintracht hervorgehen.
    Der zweite Punkt betrifft die Prüfungen der Lehramtscandidaten. Diese sind im Ganzen recht günstig ausgefallen und zwar befinden sich zur Beschämung jener Prälaten, welche ihre Ordensgeistlichen von uns nicht examiniren lassen wollen, unter den ausgezeichneten P. Wach und Tegl[?] (Pilsener Gymnasium). Ein vortreffliches Talent ist Andreas Bauer, Mathematiker, auf welchen ich Euer Excellenz besonders aufmerksam zu machen mir erlaube. Merkwürdig war die Geläufigkeit und Sicherheit des Ausdruckes bei Naturhistorikern und Mathematikern, offenbar in höherem Grade als bei den Philologen. Unangenehm ist mir, daß Physik nur an der Tafel und nicht im Laboratorium geprüft wurde. Ich wollte dieses Mal nichts bemerken, weil ich mir dachte, daß es das letzte Mal sein dürfte, daß Prof. Wersin prüfe, der übrigens sehr strenge und genau prüft.
    Die Angelegenheit des Lokales ist ins Reine gebracht. Euer Excellenz werden sich gnädigst erinnern, daß ich in meinem Schreiben an Herrn Ministerialsecretär Feil aufmerksam machte, welche schwierige Stellung ich als einfacher Professor haben würde und mir im Interesse der Sache, nicht meiner Person, ein bleibender Titel wünschenswerth sei. Zumal da es sich hiebei zuletzt nur um Anerkennung desjenigen handeln würde, welchen mir als Archivsvorstand die bairischen Behörden gegeben hatten. An der Spitze der juristischen Prüfungscommissionen stehen Gubernial- oder Oberlandesgerichtsräthe; kein Wunder, wenn solange als möglich der Aufnahme der Prüfungscommission für Lehramtscandidaten in die Localitäten der juristischen Prüfungscommission Schwierigkeiten entgegengestellt wurden, deren endliche Überwindung ich zum Theile dem guten alten Herrn Schnabel, zum großen Theile dem Umstand verdanke, daß ich mich bereit erklärte persönlich mit der bisherigen Rumpelkammer der juristischen Commission Vorlieb zu nehmen.
    Ein vierter Punkt ist die von dem ganzen Collegium gewünschte Beförderung der Professoren Löwe und Bippart zu Ordinariis. Es thut mir namentlich in dieser Beziehung sehr leid, daß ich nicht das Glück haben kann, Eurer Excellenz persönlich aufzuwarten.
    Prof. Kelle ist seit neun Tagen hier, jedoch unwohl, so daß er bis heute das Bett hüten muß. Ich werde kaum nöthig haben Eurer Excellenz zu versichern, daß ich, obwohl von so vielen Seiten angegangen, meine Collegien über deutsche Literaturgeschichte fortzusetzen, dieses aus demselben Grunde nicht thue, weshalb ich auch nicht über österreichische Geschichte lese, meiner Collegen wegen. Ich werde stets soweit mir nur immer möglich Frieden halten und Frieden fördern. Herr Šafařik hat mir heute gesagt, daß er bereits Eurer Excellenz ein Exemplar der glagolitischen Fragmente vorzulegen sich die Freiheit nahm. Er ist mir somit zuvorgekommen, wie ja auch ihm der Werth der Arbeit und ihr Verdienst zukommen. Die Sache hat übrigens ihre eigene nicht uninteressante Geschichte, da die Auffindung durch einen „Ausländer“ bei Vielen böses Blut erzeugte.
    Geruhen Euer Excellenz mir gnädigst vergeben zu wollen, daß ich Ihre Geduld und Nachsicht so sehr mißbrauche. Ich habe die Ehre zu geharren in tiefster Ehrerbietung

    Euer Excellenz unterthänigster Diener
    Dr. C. Höfler

    Prag, Ostersonntag 12. April 1857