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Dokument Constantin Höfler an Leo Thun
Prag, 11. Oktober 1856
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D389
Regest

Der Historiker Constantin Höfler teilt Leo Thun mit, dass der Philologe August Schleicher ihn schriftlich darüber informiert habe, dass er während des gesamten Wintersemesters nicht nach Prag kommen werde. Als Grund hierfür habe Schleicher ein Brustleiden angeführt. Höfler glaubt unterdessen eher an Hypochondrie, die durch Schleichers Argwohn und Hass gegen alle, die seine Auffassungen nicht teilten, ausgelöst worden sei. Höfler erwähnt außerdem, dass er Schleicher bereits zweimal schriftlich über die anstehenden Prüfungen und die neuen Vorschriften für die Lehramtsprüfungen informiert habe. Höfler versichert dem Minister, ihn auf amtlichem Wege über die Angelegenheit auf dem Laufenden zu halten. Schließlich teilt Höfler dem Minister mit, dass er sich mit seinen Kollegen auf ein gemeinsames Vorgehen bei Prüfungen im Sinne der neu erlassenen Vorschriften geeinigt habe.

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Transkription

    Euer Excellenz!
    Hochgeborener Herr Graf!
    Hochgebietender Herr Staatsminister!

    Indem ich Euer Excellenz für Ihr huldvolles Schreiben meinen ehrfurchtvollsten Dank ausdrücke, erlaube ich mir nur unterthänigst zu bemerken, daß ich stets bereit bin, wo es in meiner untergeordneten Stellung gilt, Österreich oder die Universität, der ich angehöre, zu vertreten, mit allen Kräften einzustehen und der Vorschlag einer Remuneration für den obschwebenden Fall ohne mein Zuthun, ich kann wohl auch sagen gegen meinen Wunsch, in den Senatsantrag aufgenommen wurde.
    Zugleich beeile ich mich Eurer Excellenz anzuzeigen, daß Professor Dr. Schleicher weder nach Prag zurückgekehrt ist, noch für das Winterhalbjahr zurückkehren wird. Ich bin wegen der äußersten Formlosigkeit, womit er sein Gesuch um Urlaub einbrachte, bisher als Decan nicht im Stande gewesen, der erst am 4. October zu Sonneberg bei Coburg abgefassten Bitte amtliche Folge zu geben, habe aber unterdessen dem Professorencollegium die Mittheilung gemacht, ihm selbst zwei Male geschrieben, die neuen „Vorschriften“ des hohen Ministeriums über die Gymnasiallehramtsprüfung zugesendet, ihm, da er sich in der Eingabe über einen Erlaß des hohen Ministeriums, daß keine Prüfungscandidaten für deutsche Sprache und deutsche Literatur angenommen werden sollten, bezog, auf die möglichste Erweiterung seiner Befugnisse durch die „Vorschrift“ aufmerksam gemacht so wie daß dadurch jeder Grund und jeder Anlaß zu den geringfügigen Differenzen gehoben sei, bei welchen mit Ausnahme eines Einzigen – eines Neulings – die ganze Prüfungscommission seinen Prätentionen entgegengetreten war; ich schickte ihm ferner die von dem hohen Ministerium ihm bewilligte Remuneration und erbot mich persönlich seine Angelegenheiten nach Kräften zu besorgen. Er selbst giebt sein Leiden für ein Brustübel aus. Da er kein ärztliches Zeugnis beibrachte, wird es vielleicht auch gestattet sein, der Hypochondrie, die ihn zu quälendem Argwohn verleitete und ihn mit einem blinden Hasse gegen diejenigen erfüllte, welche nicht seiner Ansicht waren, einen Theil des Leidens zuzuschreiben. Das Professorencollegium hat den Gedanken einer temporären Suppletirung nicht aufkommen lassen. Der Direction der Prüfungscommission habe ich mündlich Anzeige gemacht, daß Schleicher zu der Prüfung nicht zu kommen gedenke. Die Vorlage des Gesuches an Eure Excellenz wird auf dem amtlichen Wege erfolgen, sobald ich die gesetzlichen Belege in Händen habe.
    Die von mir angestellte Besprechung der philologischen, historischen und philosophischen Prüfungscommission zur Anbahnung eines gleichmäßigen Verfahrens, um die Lehramtscandidaten im Geiste „der Vorschrift“ zu unterrichten und zu prüfen, hat zu einem erfreulichem Verständnisse geführt.
    Ich bitte nun Eure Excellenz mich gnädigst entschuldigen zu wollen, Hochdieselben mit diesen Angelegenheiten belästiget zu haben. Allein die Pflicht schien mir zu gebieten Eurer Excellenz hievon außeramtlich zu benachrichtigen; wie sie mir zugleich zu fordern schien, alles aufzubieten, um der Universität einen genialen, in seinem Fache äußerst tüchtigen Professor zu erhalten und denselben wo möglich mit Verhältnissen zu versöhnen, deren vermeintliche Ungunst und Schwere vorzugsweise in einer ungemein gesteigerten, krankhaften Reizbarkeit zu suchen sein dürfte.
    Ich habe die Ehre zu verharren in tiefster Ehrfurcht

    Euer Excellenz unterthänigster Diener
    Dr. K. A. D. Höfler
    d.z. Decan des philosophischen Professorencollegiums

    Prag, 11. Oktober 1856