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Dokument Constantin Höfler an Leo Thun
Prag, 5. Oktober 1856
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D388
Regest

Der Historiker Constantin Höfler übersendet dem Minister den ersten Band seines jüngsten Werks. Außerdem teilt er ihm mit, dass der erste Band aus der Reihe der Fontes rerum Austriacarum demnächst erscheinen werde: Dieser behandle die Geschichtsschreiber der hussitischen Periode und damit eine wichtige, aber zugleich traurige Epoche der Weltgeschichte. Sein Anliegen war es, durch gewissenhafte Zusammenstellung der Quellen, Irrtümern der Geschichtsschreibung – insbesondere jenem der zufälligen Entstehung Österreichs – entgegenzutreten. Höfler berichtet dann, dass er derzeit an einer Weltgeschichte für das Untergymnasium arbeite, der eine solche für das Obergymnasium folgen soll. In diesem Zusammenhang erklärt er sein Verständnis des Geschichtsunterrichts und betont, dass er eine exegetische Methode anwenden wolle, welche die Herzen der Schüler berühre. Schließlich begründet Höfler den Antrag der Fakultät, ihn als Vertreter der Universität Prag zur Säkularfeier der Universität Greifswald zu entsenden. Er werde die Universität Prag dort würdig vertreten und den angeschlagenen Ruf Prags vollständig rehabilitieren. Zuletzt spricht er seine Freude darüber aus, dass an der neu errichteten Handelsschule in Prag drei Lehrer angestellt wurden, welche die Philosophische Fakultät der Prager Universität mit ausgezeichneten Noten verlassen haben. Dadurch sei sichergestellt, dass die Eröffnung dieser Schule, so wie alle anderen Projekte Thuns, ein Erfolg sein werde.

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Transkription

    Euer Excellenz!
    Hochgeborener Herr Graf!
    Hochgebietender Herr Staatsminister!

    Ich hatte gehofft, Eure Excellenz mit der „Genesis der Revolution“1, welche ich mir die unterthänige Freiheit nehme, Hochdenselben zu übersenden, zugleich den ersten Band der Geschichtschreiber der husitischen Periode2 vorlegen zu können; allein obwohl bereits am Index der letzteren gedruckt wird, muß ich doch fürchten die Ausgabe möchte sich noch lange hinausschieben und ich wage es daher Eure Excellenz ehrfurchtvollst zu bitten den vorliegenden Band gnädigst aufnehmen zu wollen.
    Es lag mir vorzüglich daran den Irrthümern, welche in Betreff der Anschauung österreichischer Geschichtsverhältnisse für die Literatur obwalten, dem angeblich zufälligen Entstehen Österreichs, was eine wirkliche Mission ausschließen würde, entgegenzutreten, das allmähliche Übergehen des Protestantismus in die Revolution und das analoge Verhältnis der letztern zu den Staaten, das erstere zu der Kirche geschichtlich nachzuweisen. Es ist hier eine Periode der Weltgeschichte, die man nicht ohne wahren Seelenjammer beschreiben kann und von der es vor allem gilt:
    Incedo per ignes
    suppositos cineri doloso.
    Es galt hier zu sichten, das Fremdartige auseinanderzuhalten, das Verwandte zu verbinden, Übersichten zu gewinnen und die vielfach verschlungenen Fäden ebenso zu entwickeln als zu verknüpfen, durch alle Verwicklungen hindurch den strafenden Arm der göttlichen Gerechtigkeit zu zeigen. Jetzt beschäftige ich mich mit Ausarbeitung eines Lehrbuches für Weltgeschichte für Untergymnasien, wo nach Vollendung einer Periode gleich als Gegenhalt zur Ausarbeitung derselben Periode für das Obergymnasium geschritten wird. Ich habe mir die Erlaubnis erwirkt, einzelne Partien durch dazu geschulte Candidaten, wenn der Gegenstand im Altstädter Gymnasium trifft, in diesem in Gegenwart des Schulrathes vortragen lassen zu dürfen, um zu sehen, ob Stil und Haltung den jugendlichen Gemüthern angemessen seien. Ich betone hiebei den geographischen Standpunkt so viel als möglich und will den Leser zwingen, sich von der Karte und der Tafel nicht zu entfernen. Die bloß erzählende Methode, welche den Geschichtsunterricht zur reinen Gedächtnissache macht, muß der demonstrativen (exegetischen) weichen und erstere eine Operation des Verstandes und des Gemüthes, eine Sache des Kopfes und des Herzens werden; sonst ist er der darauf gewandten Mühe nicht werth.
    Ich hoffe zu einem ähnlichen Zwecke in den nächsten Tagen meine philologischen und historischen Collegen zu versammeln, um ein Verständnis zur Durchführung der Vorschriften über die Prüfung der Candidaten des Gymnasiallehramtes anzubahnen. Schon als Curtius noch in Prag war, wurde von mir und ihm ein Plan ausgearbeitet, nach welchem die Prüfungscommissäre der historisch-philologisch-philosophischen Abtheilung in Betreff ihrer Vorträge verfahren wollten, um im Geiste des hohen Ministeriums harmonisch auf die Candidaten zu wirken, und ich freue mich recht sehr, daß die neue „Vorschrift“ so genau mit diesem Plane zusammentrifft, daß dadurch ihr nur vorgearbeitet wurde.
    Eure Excellenz werden bereits eine Vorlage des akademischen Senates in Betreff der Absendung eines Universitätsvertreters nach Greifswald in Händen haben. Ich weiß nicht, wie Hochdieselben über die Motivierung des Gutachtens über die Vertretung Prag‘s urtheilen. Daß aber zur vollständigen Rehabilitierung Prag’s in der öffentlichen Meinung kaum ein geeigneterer Anlaß sich darbieten dürfte, möchte unzweifelhaft sein. Eure Excellenz dürften versichert sein, daß wenn Hochdieselben den Senatsvorschlag bekräftigen, meinerseits Alles aufgeboten werden wird, in dem Gange der Geschäfte, keine Störung eintreten zu machen[sic!]. Was während der kurzen Abwesenheit von etwa 8–10 Tagen von mir nicht versehen werden könnte, wird Prodecan Böhm pünktlich besorgen. Immatriculation, Sitzungen, Conferenzen finden in dieser Woche statt. Die Lehramtscandidaten aber erhalten, wenn ich abzureisen habe, besondere von mir gefertigte Ausarbeitungen, mit welchen sie sich unterdessen zur Genüge beschäftigen können. Die Anordnungen für ihre geregelte und methodische Lectüre erhalten sie ohnehin nächsten Donnerstag.
    Daß wir Prüfungscommissäre die neue Handelsschule mit 3 Lehrern versehen konnten, welche, jeder in seinem Fache, die Note der Eminenz erlangten, dient uns zu gerechtem Stolze; die Anstalt aber tritt dadurch von selbst in die Reihe derjenigen, welche ihr segenreiches Dasein dem Wirken Eurer Excellenz verdanken.
    Indem ich mich Eurer Excellenz unterthänigst empfehle und Hochdieselben bitte, mir gestatten zu wollen, das Werk über die Husiten nach seiner Vollendung Eurer Excellenz vorlegen zu dürfen, habe ich die Ehre zu verharren in tiefster Ehrerbietung

    Euer Excellenz
    unterthänigster Diener
    Dr. C. Höfler
    d.z. Decan des philosophischen Professorencollegiums

    Prag, 5. October 1856