Constantin Höfler an Leo Thun
Prag, 18. November 1854
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Euer Excellenz!
Hochgeborner Herr Graf!
Hochgebietender gnädiger Herr!

Ich bitte Euer Excellenz es nicht für Dreistigkeit anzusehen, wenn ich Herrn Professor Dr. Stein aus Kiel dieses Schreiben an Euer Excellenz seinem Wunsche gemäß mitgebe und in einer gewißen Beziehung eine Bürgschaft seiner Persönlichkeit übernehme. Stein hielt sich über eine Woche hier auf und weckte den Eindruck eines für Österreich ungemein eingenommenen, ruhigen, besonnenen, wissenschaftlich äußerst tüchtigen Mannes, von nicht gewöhnlicher Lehrgabe und ausgebreiteten Kenntnissen. Er ist Seiner k.k. Hoheit dem Erzherzoge Ferdinand Max durch seine Kenntnisse im Schiffbau bekannt und hat von Seiner k.k. Hoheit den Auftrag erhalten sich Hochdemselben in Wien zu präsentiren. Er besitzt auch eine große publicistische Gewandtheit, welche Österreich gleichfalls zu Gute kommen wird. Alles dieses dürfte auch entschuldigen, wenn ich es wage, Euer Excellenz, welcher er als Schriftsteller rühmlichst bekannt sein wird, mit diesen Zeilen zu belästigen, die ihm, dem in Wien unbekannten, seiner Meinung nach den Zutritt eröffnen sollen.
Die Collegien sind hier im besten Zuge. Während die Außenwelt sich immer mehr verfinstert, leben wir an der philosophischen Facultät im tiefsten Frieden und, glaube ich, auch die übrigen Facultäten, deren Treiben mir unbekannt ist. Ich lese neben den universalhistorischen ein Collegium über deutsche Literaturgeschichte und zwar über die schwierigste Epoche, über welche alle Literarhistoriker rasch hinübergleiten. Es ist die Entwicklung der deutschen Wissenschaft, wie sich dieselbe von den Tagen Rudolfs von Habsburg an allmählich gestaltete, an den Universitäten ein Centrum erhielt und nun der verschiedenartigsten Gebiete bemächtigt. Ich habe mich zu dem Ende in den Besitz vieler unbekannter Handschriften gesetzt, die domcapitelsche Manuscriptensammlung durchgegangen und kann meinen höchst fleißigen Zuhörern somit Aufschlüsse geben, welche sie nicht überall gewinnen dürften.
Ich weiß nicht, ob Euer Excellenz bekannt ist, daß in der Manzischen Verlagshandlung zu Regensburg eine große Realencyklopädie mit großem Kostenaufwande vorbereitet wird. Der Hauptredacteur, Dr. Kelle in München, hat sich auch an mich gewendet und ich habe nun Alles aufgeboten eine versöhnende Richtung zwischen den verschiedenen Schattierungen katholischer Gelehrter durchzuführen, sowie die hiesigen slavischen Gelehrten zu bewegen, die slavischen Verhältnisse berührenden Artikel selbst zu übernehmen, um dadurch eine wissenschaftliche Annäherung zwischen Slaven und Deutschen einzuleiten. Ich glaube, daß beides soviel als erreicht ist. Erben, Wocel, Zap, Wenzig werden sich ebenso daran betheiligen, als [?], Schulte, Löwe, Ehrlich, Veith, die Münchener, Würzburger Schule. Je mehr sich die einzelnen Parteien auf dem wissenschaftlichen Gebiete kennen lernen, desto mehr wird die persönliche Polemik schwinden und das Interesse der Wahrheit obsiegen. Ich selbst kann mich bei dem Unternehmen soviel wie gar nicht betheiligen. Ich habe bis jetzt, solange ich in kaiserlichen Diensten bin, jedes Semester 3 neue Collegien gelesen und erst diesen Winter lese ich neben zwei neuen Geschichte des Mittelalters zum zweiten Male. Da bleibt nur sehr wenige Zeit übrig.
Indem ich Euer Excellenz bitte mir Ihre gnädigen Gesinnungen auch fernerhin nicht zu versagen, habe ich die Ehre zu zeichnen in tiefster Ehrerbietung

Euer Excellenz gehorsamster Diener
C. Höfler

Prag 18. November 1854