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Dokument Ludwig Heufler an Leo Thun
[Hermannstadt, April 1850]1
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D47
Regest

Der Ministerialsekretär Ludwig Heufler liefert Leo Thun einen weiteren Bericht über seine bisherige Arbeit in Siebenbürgen. Seit seinem letzten Bericht hat er sich darum bemüht, die lokalen Beamten und Autoritäten kennenzulernen. Nunmehr ist Heufler von deren guten Absichten überzeugt. Bevor die Grundsätze für die Organisation des Unterrichtswesens in Siebenbürgen bekannt gegeben wurden, fand außerdem ein Treffen mit Vertretern der verschiedenen Konfessionen statt. Daran nahmen der griechisch-orthodoxe Bischof, ein griechisch-katholischer, ein römisch-katholischer und ein evangelischer Pfarrer, der Rektor des evangelischen Gymnasiums in Hermannstadt sowie Vertreter der österreichischen Regierung teil. Bei dem Treffen wurde insbesondere die Frage der Unterrichtssprache in den mehrsprachigen Gebieten beraten. Heufler konnte die Kommissionsmitglieder davon überzeugen, diesen Punkt vorerst aufzuschieben und die Frage der Unterrichtssprache von Fall zu Fall entscheiden zu lassen. Ein großes Problem stellt aus der Sicht Heuflers die Glaubensfrage in Siebenbürgen dar, die auch die Einheit des Landes gefährde. Er glaubt, dass es wichtig sei, die römisch-katholische Kirche zu stärken und damit den Einfluss des griechisch-orthodoxen Bischofs Schaguna zu beschränken. Schließlich berichtet Heufler, dass er derzeit die verschiedenen Unterrichtsanstalten des Landes besuche, um sich einen persönlichen Eindruck von der Gesamtsituation des Schulwesens, der Eignung der Lehrer und deren Lehrmethoden zu verschaffen. Ein erster Eindruck infolge dieser Besuche ist, dass die konfessionelle Trennung der Lehranstalten unbedingt erforderlich sei.

Beilagen, Anmerkungen

Verweis auf A3 XXI D44, A3 XXI D51 und A3 XXI D61

Schlagwörter
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Transkription

    Euere Excellenz!

    Kaum war ich hier angekommen, so schrieb ich als Ergebnis des ersten Eindruckes an Euere Exzellenz einen Brief2, den fortzusenden ich Anstand nahm.
    Obwohl ich nun heute manchen Ausdruck mildern würde, so würde ich mir doch ein Gewissen daraus machen, den Nothruf für das Sachsenland, der darin enthalten ist, ganz zu unterdrücken und ich schließe ihn unverändert bei und erwarte mit Zuversicht, daß Euere Exzellenz ihn als den Ausfluß persönlichen, ich möchte sagen, kindlichen Zutrauens so nehmen werden, wie er gemeint ist, gut und aufrichtig, sine ira et studio.
    Ich habe seit dieser Zeit die Männer der Regierung näher kennengelernt und bin ohne Ausnahme von ihrer guten Absicht fest überzeugt. Baron Wohlgemuth macht den Eindruck eines Ehrenmannes durch und durch und es scheint mir, daß er die Zügel der Regierung nicht nur nominell, sondern wirklich in der Hand habe.
    Baron Wohlgemuth hatte mit der Kundmachung der Grundsätze für die Organisirung des Unterrichtswesens in Siebenbürgen absichtlich auf meine Ankunft gewartet. Ich schlug vor, dieser Kundmachung eine Zusammentretung mit Vertrauensmännern verschiedener Confessionen vorausgehen zu lassen, was denn auch geschah, und woran Bischof Schaguna, der griechisch-katholische Pfarrer Manu, der römisch-katholische Pfarrer Schlauf, der evangelische Pfarrer Roth, der Recktor des evangelischen Gymnasiums Göbbel, dann von Seite der Regierung Bach, Secktionsrath Glanz und Prof. Schuller und ich Theil nahmen.
    Diese Grundsätze machten sehr guten Eindruck und zerstreuten die Besorgnisse, welche schon hie und da wegen der bisherigen interimistischen und etwas soldatenhaften Art und Weise, das Unterrichtswesen zu behandeln, aufgetaucht waren.
    Ein Paragraph dieser Grundsätze sagt, der Unterricht in Volksschulen soll in der Muttersprache der Schüler ertheilt werden, wenn nicht die Mischung der Nationalitäten es unmöglich macht. Es wurde bei der Conferenz die Frage aufgeworfen, was denn in einem solchen Ausnahmsfalle zu geschehen habe. Bach und Schaguna waren der Ansicht, daß dann die Mehrheit entscheide und daß dieser Grundsatz dem Paragraphe bei der Publikation eingeschoben werden soll.
    Ich vertheidigte die Ansicht, daß das Ministerium gewiß nicht zufällig hier eine Lücke gelassen, sondern sicher mit Grund diese Frage unbeantwortet gelassen habe. Der Ausdruck die Mehrheit sei unbestimmt, es frage sich dann, ob die Mehrheit der Einwohner oder die Mehrheit der Schulkinder, im letzteren Falle, ob die Mehrheit der schulbesuchenden oder der schulpflichtigen Kinder, weiter frage es sich, welche Mehrheit, die absolute oder die relative und in beiden Fällen, ob 1, 2, 3 usw. mehr als die Hälfte oder das Drittheil. Endlich sei es ja möglich, daß eine Gemeinde, durch besondere Bedürfnisse veranlaßt, gerade die Muttersprache der Minderheit als Unterrichtssprache vorzöge. Überdies wäre es möglich, daß die Schule einer bestimmten Confession und Nation angehöre, wie dieses in der Regel in Siebenbürgen der Fall sein wird, daß dieselbe auch von Schülern und anderer Confessionen und Nationen besucht würde, und daß diese Fremden die Mehrzahl ausmachten. Es sei also besser, diesen Grundsatz nicht auszusprechen, sondern die Entscheidung den einzelnen Fällen vorzubehalten. Meine Ansicht wurde von der überwiegenden Mehrheit der Vertrauensmänner angenommen, und Bach entschied sich demnach, die unveränderte Kundmachung beim Gouverneur zu beantragen, was denn auch geschieht. Wäre ich unterlegen, so hätte ich jedenfalls drauf gedrungen, eine Anfrage bei Eurer Exzellenz zu machen, wie ich überhaupt in allen Dingen darauf halten werde, daß alles organische und prinzipielle dem Ministerium vorgelegt werde, damit die Siebenbürger Lob und was hoffentlich nicht geschehen wird, auch den Tadel dem verantwortlichen Minister zuwenden mögen und keinem anderem.
    Warum Schaguna für die Einschiebung dieser par [sic!] Wörter war, ist klar: die Romanen machen die große Mehrzahl der Einwohner aus; sie trachten nach der Herrschaft im Lande, und die Kundmachung jenes Grundsatzes wäre der erste wichtige und pracktische Schritt dazu gewesen.
    Der Gouverneur war mit diesem Erfolge der Conferenz zufrieden und empfiehlt mir überhaupt auf das dringendste, gegen die Romanen und ihren Führer Bischof Schaguna auf der Hut zu sein. Er hält den Grundsatz, daß die Kirche die Volksschulen leite, in Beziehung auf die Griechen für sehr gefährlich und hätte ihn selbst nicht aufgestellt; allein, er sieht ein, daß eine Ausnahme doch nicht gemacht werden könne. Hingegen wird die Controlle des Schulrathes der Regierung und die polizeiliche Aufsicht in Hinsicht auf sie umso strenger geübt werden müssen.
    Der hiesige griechisch-katholische Pfarrer Manu soll ein heimlicher Anhänger Schagunas sein; überhaupt ist die Union in Siebenbürgen in Gefahr, und die Einsetzung eines griechisch-katholischen Bischofes in Blasendorf [Blaj], der sich an Klugheit und Energie mit dem Disunirten messen kann, ist im Interesse der katholischen Kirche von höchster Dringlichkeit.
    Meine gegenwärtige Hauptbeschäftigung ist, die hiesigen Unterrichtsanstalten und Lehrer genau kennen zu lernen und mir eine persönliche Überzeugung von ihrer Methode und ihren Kenntnissen zu verschaffen, um seiner Zeit über die Anstellung Einzelner bei den Unterrichtsanstalten des Staates meine Anträge stellen zu können.
    Dieses Geschäft geht langsamer, als ich mir es vorgestellt hatte; allein ich will die Gründlichkeit der Schnelligkeit nicht opfern und bitte Euere Exzellenz nur um Geduld, wenn die einzelnen Organisirungsanträge nicht so bald kommen, als ich es wünschte und als Euere Exzellenz vielleicht erwarten.
    Die Bereisung der übrigen wichtigeren Unterrichtsanstalten werde ich im Mai antreten. Die fünffache Spaltung des Glaubensbekenntnisses ist hier über alle Maßen traurig; alle Kräfte sind zersplittert und jede Maßregel ist nur ein Nothnagel. Die siebenbürgischen Landstände haben am Schlusse der Reformation, welche mit der Revolution gegen Ferdinand I. Hand in Hand ging und ein Vehikel derselben war, jede weitere Neuerung in Religionssachen bei Todesstrafe verbothen. Das war von ihnen unlogisch gehandelt, aber man erkennt aus diesem Gesetze, daß die siegreichen Rebellen das Übel der Glaubensspaltung recht gut einsahen. Sie hätten den Revolutionshebel gern weggeworfen, wenn sie gekonnt hätten, allein es war zu spät und so wollten sie wenigstens es nicht mehr weiter greifen lassen.
    Die confessionelle Trennung der Lehranstalten (mit Ausnahme der Dorfschulen), welche in den Grundzügen als Regel ausgesprochen ist, halte ich nach gewonnener persönlicher Einsicht wirklich für sehr nöthig und auch die Präparandenkurse werden davon nicht ausgenommen sein dürfen. So hörte ich z. B. einem Vortrage des hiesigen Recktors Müller über christliche und philosophische Moral an die Schullehrerpräparanden evangelischer Nation zu. Seine Methode erklärte er selbst mir nach der Vorlesung folgendermaßen: Er sage den Schülern zuerst, was ihr Dogma enthalte, dann was die Bibel sage, dann was andere Confessionen sagen, und endlich, was die Vernunft hierüber bemerke, die Wahl überlasse er dann dem Gewissen eines jeden Einzelnen. Quot capita tot sententiae. Nach solchen Grundsätzen können katholische Schullehrer nicht gebildet werden.
    Ich empfehle mich der Gnade Euerer Exzellenz und geharre mit ausgezeichneter Verehrung

    Euerer Exzellenz

    ergebenster Diener
    Heufler