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Dokument Georg Haulik an Leo Thun
Agram, 14. November 1854
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D299
Regest

Bischof Georg Haulik protestiert gegen die Ernennung eines Laien zum Direktor der Hauptvolksschule und der Realschule in Agram. Der Kirche war nämlich schon zu Beginn der Amtszeit von Leo Thun in Aussicht gestellt worden, dass sie die Aufsicht über alle Volksschulen führen solle. Dies war ein guter Entschluss, denn nach Ansicht des Bischofs könne die geistige Bildung des Menschen nur erfolgreich sein, wenn sie mit der Bildung des Herzens gepaart werde. Letztere wiederum könne jedoch nur durch die katholische Religion erfolgen. Umso mehr befremdete ihn daher der Entschluss, die neue Agramer Haupt- und Realschule einem Laien als Direktor zu überantworten. Er bittet Thun deshalb, dass für die Hauptvolksschule und die Realschule jeweils eigene Direktoren bestellt werden: Für die Realschule ein Laie, weil hier technische Kenntnisse erforderlich seien, an der Volksschule sollte der jetzige Katechet weiterhin als Direktor dienen. Zuletzt äußert er sich kritisch über die Tätigkeit des Schulrates Iliašević, der aus seiner Sicht zu wenig die religiös-moralische Bildung der Schüler fördere. Nur bei einer einwandfreien religiösen und moralischen Bildung der Schüler sei nämlich gesichert, dass diese zu loyalen Staatsbürgern werden. Iliašević betone aus Hauliks Sicht indes zu sehr die eigene Nationalität und Muttersprache und lasse Bescheidenheit und vorbildhaftes Auftreten allzu oft vermissen.

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Transkription

    Hochgeborner Herr Graf und Minister!

    Schon im Beginne der für Staat und Kirche so wohlthätigen Verwaltung des Kultusministeriums seitens Euerer Excellenz wurde gütigst in Aussicht gestellt, daß sämmtliche Volks- oder Elementarschulen der Leitung der Bischöfe und der Geistlichkeit unmittelbar untergeordnet werden sollen. Alle, die es mit der Menschheit wirklich gut meinen und über das wahre Menschenwohl klare und gesunde Begriffe hegen, müssen bekennen, daß besagter Entschluß für das allgemeine Wohl von äußerst ersprießlichen Folgen sein müsse. Es ist nämlich jedem vernünftigen Menschen ganz einleuchtend, daß, wenn man eine bessere Zukunft erleben oder wenigstens begründen will, die Erziehung der Jugend eben so, ja noch mehr die Veredlung des Herzens, als die Bildung des Geistes bezwecken müsse. Es ist nicht minder klar, daß diese Herzensveredlung auf dem Grunde der Religion zu geschehen habe. Eben so wird man nicht leicht in Abrede stellen können, daß geistliche Individuen in der Regel, oder der geistliche Stand überhaupt genommen, zur religiös-moralischen Ausbildung der Jugend mehr geeignet ist, auch mehr guten Willen und regeren Eifer beweiset, als Individuen des weltlichen Standes. Es ist demnach äußerst wünschenswerth, daß die in Aussicht gestellte hohe Idee je eher in’s Leben trete, und die Leitung der Volksschulen baldigst der Geistlichkeit übergeben werden möge. Auch zweifle ich nicht einen Augenblick, daß die bis jetzt stattfindende Verzögerung dieser Maßregel wohl nicht dem edlen Willen Euerer Excellenz, sondern vielmehr gewissen, annoch unüberwindbaren Hindernissen zuzuschreiben sei.
    Obschon nun diese hohe Absicht Euerer Excellenz zur Stunde noch nicht ganz erreicht werden konnte: so sind doch manche derselben entsprechende Anordnungen hinsichtlich der Volksschulen durch die höchst weise Vorsorge Euerer Excellenz in‘s Leben getreten. Zu diesen rechne ich, daß sowohl in Agram als auch in Warasdin [Varaždin] die Direktion der Hauptschule provisorisch wenigstens den betreffenden Katecheten anvertraut wurde.
    Je mehr ich mich über diese Anordnung erfreute: desto unangenehmer berührte mich der, wie ich höre, auf Antrag des Schulrathes Iliašević seitens der hiesigen Statthalterei unterm 4. dieses ausgeschriebene Concurs für die Direktorsstelle der hierorts neu zu stiftenden Realschule sowohl als auch zugleich der Agramer Volkshauptschule; und die unter einem getroffene Vorkehrung, daß der hiesige Gymnasialdirektor Premru die Direktion dieser beiden Institute übernehmen soll. Denn obschon ich gegen die Person Premrus nichts einzuwenden habe, vielmehr seine trefflichen Eigenschaften und Verdienste gerne anerkenne; obschon ferner diese Anordnung nur interimistischer Natur ist: so kann mir dieselbe doch nicht gleichgültig, sie muß mir vielmehr recht bedauerlich erscheinen, nicht nur darum, weil dadurch der jetzige provisorische Direktor der Hauptschule, nämlich der Katechet Verbanić, der mehrere Jahre hindurch dieß Amt unentgeltlich und mit Eifer und gutem Erfolge verwaltete, kompromittirt wird; sondern auch, ja vorzüglich darum, weil auf diese Weise gleichsam der Weg gebahnt wird, die Direktion der Hauptvolksschule abermals, und wie systematisch, weltlichen Händen zu übergeben. Die Direktion der Realschule nämlich dürfte schwerlich je einem Geistlichen zukommen, was ich selbst natürlich finde, weil dazu technische und solche Kenntnisse erfordert werden, die bei geistlichen Individuen nur selten anzutreffen sind; sollten also diese zwei Direktorate in einer Person vereinbahrt werden, so würde die Direktion der Volkshauptschule offenbahr im Widerspruche mit der obenerwähnten hohen Absicht Euerer Excellenz und gewiß nicht zum Vortheile, sondern zum Nachtheile der religiös-moralischen Erziehung der Jugend, die solcher besonders zu Agram sehr bedürftiget, für die Gegenwart und Zukunft den geistlichen Händen entwunden werden. Ich will nichts von der dadurch entstehenden neuen Last des allerhöchsten Ärars erwähnen, die gewiß namhaft erleichtert erscheinen würde, wenn die Direktion der Realschule, wie in Warasdin [Varaždin], von jener der Hauptschule abgesondert bliebe.
    Ich nehme mir demnach die Freiheit Euer Excellenz ehrerbiethigst zu bitten, bei Gelegenheit der Verhandlung dieses Gegenstandes gütigst anordnen zu wollen, daß das Direktorat der Agramer Volkshauptschule auch fernerhin dem Katecheten Verbanić anvertraut bleiben soll; wodurch der guten Sache ein großer Vorschub wird geleistet werden.
    Übrigens kann ich bei dieser Gelegenheit vor Euer Excellenz nicht verhehlen, daß ich sowohl bei dieser als auch bei so manchen andern früheren Veranlassungen mit Bedauern bemerkt habe, daß dem Schulrathe Iliašević die religiös-moralische Bildung der Jugend viel weniger am Herzen liege, als dieß sowohl wegen der hohen Wichtigkeit der Sache zu wünschen, als auch hinsichtlich seines Standes zu erwarten wäre. Ich finde es wohl natürlich, daß man seine Nationalität und seine Muttersprache aufrichtig liebe und für selbe eifere; ja ich finde dieß selbst verdienstlich und löblich, solang derlei Vorliebe in ihren gehörigen Schranken bleibt. Man soll sie aber, meiner innigsten Überzeugung nach, nie zur Beeinträchtigung des höchsten Zweckes der Menschheit und der wichtigsten Aufgabe bei Erziehung der Jugend, nämlich der religiös-moralischen Ausbildung derselben, geltend machen wollen; was doch bei Iliašević oft schon nicht nur von mir, auch von manchen andern Gutgesinnten bemerkt wurde. Auch ist sein äußeres Betragen, besonders seine Kleidungsweise nicht immer den Kirchen- und Diözesanstatuten gemäß, manchmal geradezu entgegen gesetzt. Die jetzigen Zeitumstände überhaupt, und der religiös-moralische Zustand Agrams insbesondere, fordert mit lauter Stimme, daß jene, die sich mit dem Unterrichte und mit der Erziehung der Jugend abgeben, und vorzüglich jene, die auf diesen Unterricht und diese Erziehung von höherem Standpunkte aus Einfluß üben, besonders wenn sie dem geistlichen Stande angehören, nicht nur in jeder Hinsicht tadellos, sondern von wahrem innigen Eifer beseelt seien, hauptsächlich das religiös-moralische Interesse zu fördern, und aus allen Kräften dahin trachten, daß aus den Schulen gute Menschen und fromme Christen erwachsen, die dann gewiß auch gute und glückliche Staatsbürger sein werden. Es ist mir nichts unliebsamer und unangenehmer, als wenn ich mich zu persönlichen Bemerkungen veranlaßt sehe; doch das aus meinem Amtsverhältnisse entspringende Pflichtgefühl erhäuscht es zuweilen, wie auch bei dieser Veranlassung; und ich hege das vollste Vertrauen, daß es mir Euer Excellenz gütigst verzeihen werden.
    Genehmigen Hochdieselben die wiederholte ehrerbiethige Versicherung meiner tiefen Hochachtung, mit der ich geharre

    Euer Excellenz
    ergebenster Diener
    Georg v. Haulik
    Agramer Erzbischof

    Agram den 14. November 1854