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Dokument Maximilian Handel an Leo Thun
Stuttgart, 24. März 1855
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D336
Regest

Der österreichische Gesandte in Stuttgart Maximilian Handel sendet dem Minister die gewünschten Informationen über den Stuttgarter Bibliothekar Franz Pfeiffer. Handel hat diesen kürzlich kennen gelernt und Pfeiffer eröffnete ihm bei dieser Gelegenheit seinen Wunsch, eine Professur an der Wiener Universität zu erlangen. Pfeiffer hatte dabei auch erklärt, dass seine Kinder nur deshalb protestantisch getauft und erzogen worden sind, um ihnen das berufliche Fortkommen in ihrer derzeitigen Heimat nicht zu erschweren. Er selbst sei aber katholisch und werde die Rechte der Kirche auch auf einem Lehrstuhl stets verteidigen. Pfeiffer erklärte sich zudem bereit, seine Kinder – im Falle einer Berufung nach Wien – katholisch zu erziehen.
Im Konzept für ein Antwortschreiben an Pfeiffer schreibt Thun, dass es ihn aus wissenschaftlicher Sicht sehr freuen würde, einen Gelehrten wie Pfeiffer für die Wiener Universität gewinnen zu können. Thun bedauert aber, ihn nicht berufen zu können, weil er nicht den Anschein erwecken möchte, dass er Pfeiffers moralischen und religiösen Opportunismus gutheiße.

Beilagen, Anmerkungen

Als Beilage ein eh. Konzept Thuns für einen Brief an Franz Pfeiffer. Wien, 1. April 1855. Die Reinschrift des Konzepts ist im Nachlass von Pfeiffer in der Württembergischen Landesbibliothek erhalten.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Stuttgart, 24. März 1855

    Hochgeborner Graf,

    Sowohl in Befolgung eines Erlasses des k.k. Ministeriums der auswärtigen Angelegenheiten, als in Beantwortung Euer Excellenz Schreibens vom 21. August vorigen Jahres bin ich in der Lage gewesen, über den königlich Württembergischen Bibliothekar Dr. Pfeiffer Auskünfte zu ertheilen.
    Dieser Gelehrte hat sich vor kurzem mir vorgestellt, um mir seinen Wunsch, die Stelle eines Professors der deutschen Literatur an der Wiener Universität zu erlangen und die Geneigtheit Euer Excellenz, ihm diese Stelle zu verleihen, mitzutheilen, im Falle die k.k. Gesandtschaft zufriedenstellende Aufklärungen über die protestantische Religion der Kinder des Dr. Pfeiffer zu geben im Stande wäre.
    Herr Dr. Pfeiffer hat mir mündlich bestättigt, was ich bereits in meinem Schreiben vom 3. September vorigen Jahres anzudeuten die Ehre gehabt; nämlich, daß er, nur auf ausdrücklichen Wunsch der Familie seiner Frau, und um dem Fortkommen seiner Kinder nicht hinderlich zu seyn, diese in der protestantischen Religion erziehen läßt. Er hat hinzugefügt, daß er persönlich als Katholik für die Rechte der Kirche eingenommen sey, daß dies aus seinen Schriften hervorgehe, daß er in dieser Richtung auf der Lehrkanzel wirken wolle und daß er, mit Zustimmung seiner Frau, seine Kinder in der katholischen Religion erziehen werde, im Falle ihm jene Anstellung in Wien zu Theil würde.
    Ich muß mich darauf beschränken vorstehende Äußerungen des Dr. Pfeiffer zu Euer Excellenz Kenntnis zu ringen, in dem ich es Hochdenselben anheimstelle, ob und welche weitere Folge denselben zu geben seyn dürfte.
    Genehmigen Euer Excellenz den Ausdruck meiner ausgezeichnetesten Hochachtung

    Handel

    <Eine Abschrift von diesem Briefe auf Briefpapier zu machen, und mit dem beiliegenden Briefe an unseren Gesandten Baron Handel in Stuttgart zu expediren.>1

    Geehrter Herr Bibliothekar!

    Baron Handel hat mir in diesen Tagen mitgetheilt, daß Sie ihm Ihren Wunsch eröffnet haben, eine Professur der deutschen Literatur an der Wiener Universität zu erlangen; daß Sie ihn zugleich Ihrer aufrichtigen katholischen Gesinnung, für welche Ihre literarischen Arbeiten Zeugnis geben, versichert und die Erklärung beigefügt haben, daß wenn Sie Ihre Kinder in der protestantischen Religion erziehen ließen, solches nur nach dem Wunsche der Familie Ihrer Gemahlin, um dem Fortkommen der Kinder kein Hindernis zu bereiten, geschehen sei, und daß Sie gesonnen seien, im Falle Ihrer Anstellung in Wien mit der Zustimmung Ihrer Gemahlin Ihre Kinder in der katholischen Religion erziehen zu lassen. Ich weiß nicht, ob hiedurch gesagt sein soll, daß Ihre Gemahlin für diesen Fall bereits in die katholische Erziehung der Kinder eingewilliget habe, oder ob diese Zustimmung noch als eine Bedingung, deren Erfüllung zweifelhaft ist, zu betrachten sei.
    Dabei kann ich nicht unbemerkt lassen, daß ich vor einiger Zeit einen Brief von Ihnen gesehen habe, in welchem Sie sich über die Frage der Erziehung etwas anders ausgesprochen haben, indem Sie von der Ansicht ausgingen, daß der überwiegende Einfluß, den die Mutter auf die Erziehung der Kinder zu nehmen berufen ist, namentlich wenn der Vater durch Berufsgeschäfte abgehalten ist, sich selbst viel mit der Erziehung zu beschäftigen, es nothwendig bedinge, daß die Kinder dem Glaubensbekenntnisse der Mutter folgen. Die berührten Fragen sind solche, die so sehr dem Heiligthume des Familienlebens angehören, daß ich mir niemals anmaßen würde, sie unaufgefordert zu berühren. Nachdem jedoch Ihre Unterredung mit dem Gesandten Seiner k.k. Majestät dazu eine Aufforderung enthält, so wollen Sie mir erlauben, mich mit voller Offenheit auszusprechen.
    Einen tüchtigen Lehrer der deutschen Literatur für die Wiener Universität zu gewinnen, liegt mir sehr am Herzen. Es bedarf Ihnen gegenüber nicht mehr als der Erwähnung, wie sehr die religiöse Überzeugung der Schüler durch die Behandlung des Unterrichtes in diesem Gegenstande berührt werden kann. Bei der Sorge für die Besetzung der Lehrkanzel in Wien, welche von großem Einflusse auf die Heranbildung der Lehrer an den Gymnasien werden muß, fühle ich mich im Gewissen verpflichtet darauf bedacht zu sein, daß nicht nur die Gefahr einer der religiösen Überzeugung schädlichen Auffassung der deutschen Literatur und ihrer Geschichte ferne gehalten, sondern daß auch der richtige Standpunkt, von welchem aus die deutsche Literatur und ihre Bewegung in älterer und neuerer Zeit in ihrer Beziehung zur Kirche und zum Glauben zu beurtheilen ist, den Schülern so klar werde, wie es nothwendig ist, damit sie als Lehrer an katholischen Gymnasien heilsam und die religiöse Überzeugung kräftigend auf die Jugend zu wirken befähiget werden. Ich zweifle weder daran, daß Sie dieser Aufgabe gewachsen sind, noch an der Aufrichtigkeit Ihrer dem Baron Handel gegebenen Versicherung, daß Sie in diesem Sinne zu wirken gesonnen seien. Allein nichts scheint mir mißlicher, als die Lage eines Lehrers, dessen Handlungsweise nicht in vollem Einklange steht mit der Richtung seiner Lehre, nichts gefährlicher für die Überzeugungen seiner Schüler, als wenn sie Ursache haben zu zweifeln, ob seine Worte aus seiner innersten Überzeugung hervorgehen. Der leiseste Verdacht der Augendienerei vernichtet jeden heilsamen Einfluß auf jugendliche Gemüther.
    Was nun die Erziehung Ihrer Kinder anbelangt, so bin ich weit davon entfernt, mir ein Urtheil über Ihre Handlungsweise erlauben zu wollen. Gott allein kennt die Verhältnisse unter denen wir Menschen handeln und vermag den Zwiespalt zu beurtheilen, in den mitunter unabwendbare Thatsachen uns versetzen. Allein daß die Kirche uns auf das Bestimmteste verbiethet und verbiethen muß zu gestatten, daß unsere Kinder außerhalb ihrer Gemeinschaft aufwachsen, daß sie uns nicht erlaubt, noch erlauben kann aus irdischen Rücksichten von ihrem Gebothe abzuweichen, sind Thatsachen, die heut zu Tage nicht ignorirt werden können, und der Katholik, der in unserer Zeit seine Kinder in einem anderen Glauben erziehen läßt, kann sich mindestens nicht dem Scheine entziehen, daß ihm sein Glaube nicht die heiligste Angelegenheit sei. Wird der Vorwurf des Indifferentismus bei den Einen, der Verdacht bei den Anderen schwinden, wenn Sie Ihre Kinder erst dann in den Schoß der Kirche führen, wenn Sie eine Anstellung in Oesterreich erhalten haben, oder wenigstens die Zusicherung einer solchen haben? Werfen Sie in die Seele Ihrer Kinder selbst nicht den Keim des Unglaubens, wenn früher oder später in ihnen der Gedanke erwachen kann, nur irdischer Vortheile wegen habe man sie die Religion abschwören lassen, in der ihre Mutter sie liebevoll erzogen hat? Nicht dazu möchte ich meine Hand biethen. Dieses sind die ernsten Gedanken, die mich abgehalten haben für die Berufung eines Gelehrten zu wirken, vor dessen Kenntnissen und literarischen Thätigkeit ich hohe Achtung habe.
    Hochachtungsvoll
    Eurer Wohlgeboren
    ergebener

    Wien am 1. April 1855