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Dokument Stellungnahme von unbekannter Hand zum negativen Einfluss der Semestralprüfungen an den Universitäten
o. D.1
Signatur Staatliches Gebietsarchiv Leitmeritz, Zweigstelle Tetschen-Bodenbach
Familienarchiv Thun-Hohenstein, Linie Tetschen, Nachlass Leo Thun
A3 XXI D647
Regest

Beilagen, Anmerkungen

Ein unbekannter Schreiber äußert sich zum negativen Einfluss von Semestralprüfungen an den Universitäten. Dabei bezieht er sich ausschließlich auf die juridischen Studien. Seiner Ansicht wirken sich Semestralprüfungen, anders als die Befürworter der Prüfungen denken, negativ auf den Eifer und die Fortschritte der Studenten aus. Er glaubt, dass Semestralprüfungen lediglich dazu führen, dass Studenten kurz vor den Prüfungen den Stoff auswendig lernen. Der Sinn eines Studiums sei jedoch nicht Auswendiglernen, sondern das Erlernen von geistigen Fähigkeiten und die geistige Durchdringung der gelehrten Inhalte. Der Schreiber spricht sich auch deshalb gegen Semestralprüfungen aus, weil diese das Verhältnis zwischen Dozenten und Studenten belasteten. Nicht zuletzt glaubt der Schreiber, dass die Studenten, wenn sie während des Semesters in ihrem wissenschaftlichen Eifer gefördert würden, weniger anfällig für Ablenkungen und Verirrungen seien.

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Transkription und Kodierung Dieses Dokument wurde von Christof Aichner und Tanja Kraler transkribiert und nach XML/TEI kodiert.
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Transkription

    Semestralprüfungen

    Jedes Examen hat den Zweck zu erkennen, was der Studirende gelernt hat.
    Es kommt darauf an, was man unter dem Gelernten versteht. Soll ein Examen nur den Beweis liefern, daß der Student das in den Collegien Vorgetragene seinem Gedächtnis eingeprägt hat, dann gewährt dasselbe keinen Maaßstab für die Qualification des jungen Juristen zu irgend welcher praktischen Anwendung seines Wissens, denn nicht alles was er vortragen hört, findet unmittelbare Anwendung und nicht Alles was er im Leben braucht, kann vorgetragen werden.
    In der That soll aber das Examen Zeugnis geben von der geistigen Reife im Allgemeinen und hierzu sind Semestralprüfungen schon um deswillen in keiner Weise geeignet, weil sie sich nur auf den Inhalt der Vorträge beziehen können. Mehr als die Bekanntschaft mit diesem ist nicht zu fordern, weil in demselben Semester in welchem ein Colleg gehört wird, ein über das Erlernen hinausgehendes Studium nicht einmal beginnen kann. Außerdem kommt es ganz besonders auch für den künftigen Praktiker darauf an, daß er bei seiner Ausbildung die einzelnen Disciplinen zu einer gesammten Wissenschaft verbinde, da nicht die Quantität sondern die Qualität des Wissens das Wesen des Juristen bestimmt, – und in wie weit dies der Einzelne zu thun verstanden hat, und in dieser Weise zu einem gewissen Grade individueller Entwicklung fortgeschritten ist, darüber können Semestralprüfungen niemals irgendwelchen Aufschluß geben.
    So zeigt sich also zunächst, daß dieselben die Staatsexamen zu ersetzen außer Stand sind, aber es könnte die Frage entstehen, ob sie nicht neben den letzteren zweckmäßig bestehen würden?
    Dies als wünschenswerth anzusehen wird man sich vielleicht vorzugsweise dadurch veranlaßt fühlen, daß man glaubt die Semestralprüfungen würden am sichersten zu einem stetigen Fleiß und richtiger Benutzung der Zeit anhalten, und die Staatsexamina in Folge davon um so besser ausfallen. Es ist deßhalb gleich anfänglich darauf aufmerksam zu machen, daß, so wenig ein Staatsexamen nur ein Conglomerat von Semestralprüfungen ist, ebensowenig auch ein guter Erfolg bei den letzteren im einzelnen Fall auch einen befriedigenden Ausgang des ersteren nach sich ziehen muß. Es läßt sich zunächst sehr wohl die Möglichkeit denken, daß der Nämliche, der die Semestralprüfungen glücklich bestanden hat, ohne etwas von seinem erlernten Wissen zu vergessen, schließlich im Staatsexamen reprobiert wird, weil man hier, und zwar aus durchaus praktischen Rücksichten auf die Würde und das Ansehen des Staatsdienstes, eine geistige Entwicklung fordern muß, die der junge Jurist zwar durch die Vorträge aber doch sich selbst nur verschaffen kann. Eine solche Möglichkeit würde aber an sich vielleicht nicht in Betracht kommen, wenn sich nicht nachweisen ließe, daß die Semestralprüfungen indem sie eine falsche Art zu studiren einführen, diese nothwendige geistige Entwicklung bei dem Einzelnen hemmen.
    Ein Theil der Vorlesungen welche der Jurist zu hören hat, bezieht sich auf entferntere Hilfswissenschaften wie Philosophie und Geschichte, ein zweiter auf diejenigen Rechte welche als die Factoren des heutigen Rechtszustandes erscheinen (Römisches, Canonisches, deutsches Recht), ein dritter endlich auf das unmittelbar geltende Oesterreichische Recht. Ein Memoriren dieser einzelnen Collegien hat ersichtlich bei den ersten gar keinen Werth, bei den zweiten vernichtet ein mechanisches Erlernen vollständig den Zweck, um dessentwillen sie betrieben werden, endlich ist selbst bei dem Oesterreichischen Recht ein Auswendiglernen der Gesetze völlig werthlos. Kein Richter kann ein Gesetz zur Anwendung bringen, ohne den beglaubigten Text nachzuschlagen, kein Wissen in dieser Beziehung ist nicht mehr werth als ein Exemplar des Civilgesetzbuchs; er muß wissen wie und wann ein Gesetz zur Anwendung zu bringen ist, und das kann er nicht auswendiglernen.
    Die Jurisprudenz will studirt nicht memorirt sein, Semestralprüfungen halten aber ab vom Studiren indem sie das Memoriren vorschreiben. Um eine gute Semestralprüfung zu machen, ist der Student gezwungen sich das einzulernen, was er im Auditorium gehört hat, nicht das Recht lernt er kennen, sondern das was der betreffende Dozent für gut befunden hat ihm mitzutheilen, er ist in seiner schließlichen Befähigung von der Tüchtigkeit seiner Lehrer völlig abhängig, zu einem selbstständigen Urtheil gelangt er nicht, die Mittelmäßigkeit wird für ihn zum Gesetz gemacht. So gestaltet sich sein Wissen nicht als ein brauchbares Ganzes, sondern zu einer Musterkarte einzelner Kenntnisse in den einzelnen Disciplinen, von denen er die zuletzt gehörten am besten, die zuerst gehörten am schlechtesten kennt. Ist das Staatsexamen denn so wie es sein soll, so kann er dasselbe nicht bestehen, macht man dasselbe leicht, so kommen Leute in das Geschäftsleben, die weder wissen was sie brauchen, noch auch brauchen was sie wissen. Letzteres hat man früher schon öfter gefühlt, und damit abzuhelfen gesucht, daß man den Kreis der Lehrgegenstände immer mehr auf das unmittelbar Praktische beschränkte, dadurch kann erreicht werden, daß die Studierenden von dem nicht brauchbaren noch weniger lernen, aber nicht daß sie mehr lernen von dem was sie brauchen.
    So sind Semestralprüfungen aus innern Gründen und vom wissenschaftlichen Standpunkt aus völlig verwerflich, es sprechen aber noch außerdem sehr erhebliche äußere Gründe gegen dieselben. Erstens zwingen Semestralprüfungen nicht zum Fleiß, sondern führen höchstens darauf den Unfleiß zu verbergen. Es wird auch wenn sie angeordnet sind nicht deßhalb das Semester über gearbeitet, sondern es wird die letzten vier Wochen auswendig gelernt.
    Zweitens wird durch sie das richtige Verhältnis zwischen Dozent und Student vollständig untergraben. Der Professor erscheint immer nur als ein gefürchteter Examinator, gegen den sich ein förmliches System des Trugs und Hintergehens organisirt; anstatt daß er die Studirenden zu sich heranziehen könnte, und mit ihnen arbeitete, lernen sie für sich in einer gewissen Opposition gegen ihn. Ja er darf sich nicht einmal mit dem Einzelnen beschäftigen, weil er diesen von dem Memoriren andrer Vorträge abzuhalten fürchten müßte.
    Endlich sind bei jedem Studienplan die Semestralprüfungen nutzlos zeitraubend, und zugleich nicht einmal geeignet, ein sicheres, von dem Einfluß der Zufälligkeiten unabhängiges Urtheil über den einzelnen Studierenden rechtfertigen zu können. Bei dem jetzigen Studienplan sind sie wegen Mangel an Zeit völlig unausführbar.
    Zuletzt darf noch auf ein nicht unerhebliches Bedenken hingewiesen werden.
    Es wird sich unbedingt unter der studirenden Jugend mehr oder minder zu allen Zeiten ein gewisses wissenschaftliches Bedürfnis kund geben. Sobald die Studien durch die Semestralprüfungen den Charakter eines gehässigen Zwanges annehmen, wird sich jenes Bedürfniß außerhalb des Kreises derselben seine Befriedigung suchen, und hier ungeregelt und ohne Leitung zu Verirrungen aller Art führen, die, wenn sie eintreten, eben nicht eine Folge der Wissenschaft, sondern eine Consequenz der indirect sanctionierten Unwissenschaftlichkeit ist. Will man hiervon sich bewahren, so kann man dies nur dadurch thun, daß man eine individuelle geistige Entwicklung, mit der sich Semestralprüfungen niemals vertragen werden, zuläßt und fördert.